Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Israels Zivilgesellschaft wacht auf

Zehntausende Menschen haben in Tel Aviv gegen Gewalt an Frauen demonstriert

  • Von Oliver Eberhardt, Tel Aviv
  • Lesedauer: 3 Min.

Migdal HaEmek ist ein kleiner Ort im Norden Israels: Landschaftlich schön, landwirtschaftlich geprägt, hat die Kommune ein dunkles Geheimnis: »Wir haben dort gleich eine ganze Reihe von prügelnden Ehemännern und Vätern«, sagt Dr. Aviv Green, der als Arzt in einem Krankenhaus einige Kilometer außerhalb arbeitet. Dutzende Male, »ich habe irgendwann aufgehört zu zählen«, habe er schon blaue Flecke, gebrochene Arme versorgt, mit Polizisten, Jugendämtern, Sozialbehörden gesprochen. Zwei Mal sei er auch schon beim örtlichen Amtsgericht gewesen, um auszusagen. »Kurz gesagt: Die Männer haben eine Geldstrafe und ein paar Stunden Gemeinschaftsarbeit bekommen, und die Frauen leben immer noch mit den Männern unter einem Dach.«

In der vergangenen Woche wurde nun in der Nähe eine israelische Araberin tot aufgefunden. Sie war 16 als sie ermordet wurde. Nach Angaben einer örtlichen Polizeisprecherin stehen Angehörige unter Verdacht. Nur kurz darauf wurde dann in Tel Aviv eine 13-Jährige ermordet. Unter Verdacht steht der Ex-Freund der Mutter. Vier Mal habe sich das Mädchen allein in diesem Jahr an die Polizei gewandt, sagt ein Polizeisprecher: »Zwei Mal haben die Kollegen das Mädchen auf der Wache übernachten lassen, bevor die Mutter es wieder mitgenommen hat. Es ist - frustrierend.«

Israels Zivilgesellschaft nimmt die Morde an Frauen nicht tatenlos hin: Zehntausende, 20 000 allein in Tel Aviv, sind am Montag überall im Land auf die Straße gegangen, um gegen Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren, denn diese beiden Morde stehen nicht allein: 24 Frauen sind allein in diesem Jahr in Israel ermordet worden; die Opfer von Anschlägen und organisierter Kriminalität sind hier nicht mit einberechnet. Hinzu kommen 3500 dokumentierte Fälle von sexueller und körperlicher Gewalt.

Sowohl Polizei als auch Bürgerrechtsorganisationen sind seit Jahren bemüht, die Fälle möglichst vollständig zu dokumentieren. Denn das Problem ist nicht neu: In den Fokus rückte es erstmals, nachdem mehrere Frauen von 2006 dem damaligen Staatspräsidenten Mosche Katzaw Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. 2007 musste Katzaw deshalb zurück treten; 2010 wurde er unter anderem wegen zweifacher Vergewaltigung zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Die Regierung stellte damals ein Millionen-Budget für die Einrichtung von Frauenhäusern, die Einstellung von Beratern in Krankenhäusern und kommunalen Behörden ein. Bei der Polizei gibt es nun flächendeckend speziell ausgebildete Polizistinnen und Polizisten. Doch die wichtigste Maßnahme wurde bis heute nicht umgesetzt. Viele kleinere und mittlere Kommunen ignorieren das Problem, rufen die Mittel der Regierung einfach nicht ab, setzen die Maßnahmen nicht um. »Wir haben weder Gebäude noch Bedarf für ein Frauenhaus«, sagt ein Sprecher im Rathaus Migdal HaEmek: »Für Straftaten ist die Polizei zuständig.«

Und so müssten sich Betroffene auf den Weg in eine der Städte machen. Doch dort kommt man mit dem Aufbau der notwendigen Strukturen nicht nach. So bekommt man in Haifa nur einen Platz im Frauenhaus, wenn man zuvor mindestens sechs Monate lang in der Stadt gemeldet war; in Tel Aviv muss es mindestens ein Jahr gewesen sein - ein Problem, denn der Großraum Tel Aviv besteht aus einer Vielzahl von selbstständigen Kommunen, die fließend ineinander übergehen. In Tel Aviv standen an dem Tag, an dem das später ermordete Mädchen letztmals Hilfe bei der Polizei suchte, 18 Pflegefamilien zur Verfügung - doch es gab niemanden, der das der Polizei sagte.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln