Fritz Haber (2. v. l.) bei der Vorbereitung eines Angriffs mit chemischen Kampfstoffen (circa 1917)
Fritz Haber

Januskopf der Wissenschaft

Vor 150 Jahren wurde der Chemiker Fritz Haber geboren.

Von Martin Koch

Im Frühjahr 1915 tobte an der Westfront des Ersten Weltkriegs ein blutiger Stellungskampf. Um die deutschen Truppen aus dieser militärisch misslichen Lage zu befreien, schlug der Chemiker Fritz Haber den Einsatz einer bis dahin unbekannten Waffe vor: giftiges Chlorgas, das als Abfallprodukt der chemischen Industrie in großen Mengen verfügbar war. Im März 1915 begann eine Spezialeinheit unter Habers Leitung, Tausende chlorgefüllte Druckflaschen nahe der belgischen Stadt Ypern zu vergraben. Als am 22. April 1915 der Wind aus Sicht der deutschen Heeresleitung günstig stand, wurden die mit Steigrohren verbundenen Flaschen geöffnet. Eine mehrere Kilometer breite, weißlich bis gelbgrüne Gaswolke trieb auf die französischen Linien zu. Wegen seiner höheren Dichte drang das Gas auch in feindliche Schützengräben ein. Mindestens 1000 alliierte Soldaten starben, 3000 weiteren verätzte das Gas die Augen und Atemwege.

Wie viele Forscher war auch Haber im Ersten Weltkrieg dem nationalistischen Taumel verfallen - nach der Devise: »Der Wissenschaftler dient im Frieden der Menschheit, im Krieg dem Vaterland«. Clara Immerwahr, die Frau Fritz Habers, die selbst Chemie studiert hatte, missbilligte hingegen die Giftgasforschungen ihres Mannes und nannte sie »eine Perversion der Wissenschaft«. Als Haber wenige Tage nach dem Chlorgasangriff in seiner Berliner Villa eine Art Siegesfeier veranstaltete, erschoss sie sich mit seiner Dienstpistole. Die Ehe war schon länger zerrüttet und Clara Immerwahr unglücklich darüber, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Auch wenn sich die Umstände ihres Suizids nicht mehr zweifelsfrei klären lassen, könnte der Ypern-Einsatz ihres Mannes den letzten Anstoß zu ihrer Verzweiflungstat gegeben haben.

Ungeachtet dessen leitete Haber, den der Kaiser persönlich zum Hauptmann befördert hatte, weitere Giftgaseinsätze und entwickelte immer tödlichere chemische Kampfstoffe. Nach der Niederlage Deutschlands befürchtete er, deswegen von den Alliierten als Kriegsverbrecher verfolgt zu werden, und floh in die Schweiz. Doch ein Auslieferungsgesuch der Siegermächte kam nicht. Stattdessen erfuhr Haber im November 1919, dass ihm das Nobelkomitee in Stockholm rückwirkend für das Jahr 1918 den Chemie-Nobelpreis verliehen hatte - »für die katalytische Synthese von Ammoniak aus dessen Elementen Stickstoff und Wasserstoff«, ein Problem, in welchem er schon seit jungen Jahre eine der großen Herausforderungen der Chemie sah. Denn der Bedarf an Stickstoffverbindungen war sprunghaft gestiegen, nachdem Justus von Liebig die Stickstoffdüngung zur Erhöhung der Erträge in der Landwirtschaft entwickelt hatte.

Vor 150 Jahren, am 9. Dezember 1868, wurde Fritz Haber als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Breslau geboren. Nach dem Abitur nahm er an der Berliner Universität ein Chemiestudium auf, das er in Heidelberg bei Robert Wilhelm Bunsen fortsetzte. Nach seiner Promotion ging er 1894 an die Technische Hochschule Karlsruhe, die ihn vier Jahre später zum außerordentlichen Professor ernannte. Ab 1904 begann Haber, sich intensiv mit der Synthese von Ammoniak (NH3) aus Stickstoff (N) und Wasserstoff (H) zu beschäftigen. Rasch erkannte er, dass diese Reaktion unter Normalbedingungen nur in geringem Umfang stattfindet und hohe Ausbeuten allein bei hohen Temperaturen und Drücken sowie mit einem geeigneten Katalysator zu erreichen sind. Ein solcher ist das Element Osmium, wie Haber 1909 herausfand. Nachdem er sich sein Verfahren zur Ammoniakherstellung hatte patentieren lassen, brachte er es gemeinsam mit dem Chemiker Robert Bosch zur industriellen Anwendung. 1913 nahm die Firma BASF in Ludwigshafen erstmals eine Anlage in Betrieb, die nach dem Haber-Bosch-Verfahren 30 Tonnen Ammoniak pro Tag erzeugte. Da sich aus Ammoniak auch die zur Produktion von Sprengstoffen benötigte Salpetersäure gewinnen ließ, konnte das Deutsche Reich während des Ersten Weltkriegs dank Habers Entdeckung größere Munitionsengpässe vermeiden.

Bereits 1911 hatte Haber die Leitung des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Dahlem übernommen, an dessen Spitze er auch nach dem Ersten Weltkrieg stand. Außerdem leitete er bis 1920 die Deutsche Gesellschaft zur Schädlingsbekämpfung (Degesch). Hier entwickelte sein ehemaliger Mitarbeiter Walter Heerdt 1926 das Blausäureprodukt Zyklon B, ein Gift, das später von der SS eingesetzt wurde, um im Holocaust Millionen von Juden zu ermorden.

Um Deutschland die Zahlung der in Versailles festgesetzten hohen Reparationen zu ermöglichen, verfolgte Haber ab 1920 die Ziel, Gold aus dem Meer zu gewinnen. Denn nach seinen Schätzungen sollte eine Tonne Meerwasser drei bis zehn Milligramm des begehrten Elements enthalten. Allein die unter seiner Leitung durchgeführten Forschungen auf dem Passagierschiff »Hansa« schlugen fehl, da der gemessene Goldgehalt des Meerwassers um den Faktor 1000 niedriger war als veranschlagt.

1933 musste Haber hilflos mit ansehen, wie die Nazis das von ihm geleitete Kaiser-Wilhelm-Institut von jüdischen Mitarbeitern »säuberten«. Obwohl er als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs vorerst unbehelligt blieb, trat er freiwillig als Direktor des Instituts zurück. Er verließ Deutschland und ging an die Universität Cambridge. Dort erhielt er eine Einladung nach Palästina, wo er die Leitung eines physikalisch-chemischen Instituts übernehmen sollte. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Am 29. Januar 1934 starb Haber mit 65 Jahren in Basel an Herzversagen. Als »Vater des Gaskriegs« ist er unrühmlich in die Geschichte eingegangen. Zugleich offenbart sein Wirken die Ambivalenz der Wissenschaft. Denn die von ihm entwickelte Ammoniaksynthese bildet die Grundlage für die Herstellung von Stickstoffdünger, ohne dessen Einsatz heute die Hälfte der Weltbevölkerung nicht ernährt werden könnte.