Sprachgebrauch

Design a Party

Stephan Kaufmann besichtigt die »DNA« als Universalmethaper

Von Stephan Kaufmann

Die DNA erfreut sich derzeit konstanter Aufmerksamkeit, nicht nur wegen Nana und Lulu, der zwei Mädchen, deren Erbgut der chinesische Forscher He Jiankuai verändert haben will, sondern auch, weil die DNA zunehmend im Politjargon auftaucht.

Laut der niedersächsischen Grünen Anja Piel zum Beispiel »steckt das Linkssein in der grünen DNA«. Für die Berliner Juso-Landesvorsitzende Annika Klose ist »die Verbindung mit Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden noch immer in die DNA der SPD eingeschrieben«. Bei der FDP weiß man immerhin, was nicht »zur DNA der FDP passt«, nämlich, so Generalsekretärin Nicola Beer, Frauenquoten.

Besonders beliebt ist die Erbgutmetapher allerdings bei Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK), die kürzlich kundtat, die christliche Soziallehre sei Teil ihrer DNA. An anderer Stelle erklärte die CDU-Generalsekretärin, »die Soziale Marktwirtschaft gehört zur DNA der CDU«, wobei gleichzeitig »vor allem der Mittelstand die DNA der Sozialen Marktwirtschaft« sei und der »DNA des Mittelstandes« wiederum das Prinzip »Jeder soll zuerst selbst regeln, was er kann, und nicht der Staat« eingeschrieben sein soll. Auf der Doppelhelix der CDU ist allerdings noch mehr Platz, zum Beispiel für Umweltpolitik, schließlich sei »Bewahrung der Schöpfung Kern unserer DNA als CDU«.

Damit schoss Kramp-Karrenbauer zwar etwas über das Ziel hinaus, schließlich verfügt erstens die DNA über keinen Kern und zweitens stammen die Konzepte Schöpfung und Desoxyribonukleinsäure aus recht unterschiedlichen Erklärungswelten. Aber sei es drum, man versteht, was gesagt sein soll.

Die Metapher mit dem Erbgut hat Charme. Denn die DNA bezeichnet nur eine Anlage - eine verborgene Möglichkeit, die nicht unbedingt sichtbare Wirklichkeit sein muss, aber dennoch »im Kern« des Parteienkörpers vorhanden ist. »Das Soziale steckt in unserer DNA« sagt: Wir sind sozial, wir können gar nicht anders, auch wenn unser Handeln nicht dafür spricht. Der Hinweis auf die »politische DNA« ist ein Versprechen, und soll gleichzeitig die Einlösung des Versprechens sein. Denn das Erbgut ist beides: bloßes Potenzial und harter Fakt.

Hätten Parteien tatsächlich eine DNA, so könnte man die Politikeraussagen prüfen. Denn laut Bundesverfassungsgericht ist die Feststellung von DNA-Daten gerechtfertigt, wenn das Interesse der Allgemeinheit schwerer wiegt als das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, was im Fall von Parteien gegeben sein dürfte. Dann wäre es sogar möglich, sich mittels der Genschere Crispr-Cas an die Herstellung von Designer-Parteien mit erwünschten Eigenschaften zu machen. Anders als bei den so genannten »Designer-Babies« könnte der Mensch dann zwar nicht »Gott spielen«, aber zumindest selbstbestimmter Bürger.