Besingt das thematisch Abseitige und produziert Schönheit: der Chansonnier 
Sebastian Krämer.
Sebastian Krämer

Die Summe der Alleinstellungsmerkmale

Der Chansonnier Sebastian Krämer hat ein neues Doppelalbum veröffentlicht.

Von Marco Tschirpke

Ich bin voreingenommen. Die meisten Lieder der neuen CD von Sebastian Krämer habe ich in ihrer ökonomischsten Ausführung kennengelernt: vom Dichter und Komponisten am Klavier vorgetragen. Sobald indes ein neues Album ansteht, weil das Œuvre sich gemehrt und vor Publikum bewährt hat, packt den Kollegen Krämer der orchestrale Ehrgeiz. Das ist die Krux aller Leute mit Fähigkeiten: Es drängt sie, sich ihrer zu bedienen. Wenn Sie sich als Leser dieser Rezension sorgen, einer Seilschaft zum Opfer zu fallen (schließlich stehe ich zum Künstler in einer langjährigen freundschaftlichen Arbeitsbeziehung), so sei festgestellt, dass sich aus jeder Seilschaft auch ein Strick drehen lässt.

Unter dem Titel »Vergnügte Elegien« hat der Chansonnier einen pompösen Reigen neuer Kreationen versammelt, und in der Tat: Er löst das versprochene Paradoxon ein und liefert Klagelieder, über die mindestens zu schmunzeln sich kein Hörer versagen wird. Das heiter Morbide ist jener blutrote Faden, an dem sich Fans und Kritiker aufhängen dürfen. Wenn Krämer den Tod thematisiert, dann als krachende Swingnummer, über deren Bläsersatz der Sänger eine dicke Lippe riskiert. Das Metropolis-Orchester Berlin, zuständig für den instrumentalen Speck auf den Rippen der Liedkompositionen, sorgt für einen Wust an musikalischen Genre-Zitaten und Stilistiken. Die mit jedem Stück vorangetriebene Gratwanderung zwischen Aufwand und Nutzen führt mitunter zu Fragwürdigkeiten, oft genug aber zu betörenden Hörerlebnissen. Wäre Sebastian Krämer ein Pferd, so keines, das vor seinen Einfällen scheut. Welche Risiken der Mittvierziger eingeht, kann erahnen, wem zu Bewusstsein kommt, dass hier einer am Werk ist, der aus einer Bronze Ernst Barlachs einen veritablen Hit zu schmieden vermag.

Das thematisch Abseitige, das zu besingen sonst keiner unternimmt, ist der Bereich, in dem Krämer seine Heimspiele feiert. Sich mit Naheliegendem zu befassen, liegt ihm fern. Diese Neigung gestattet ihm, sein vorgestelltes Leben in seinen Liedern zu verwirklichen. Ich gebe ein Beispiel: Wenn er den Wunsch nach Tapferkeit verspürt, dann geht er Drachen töten. Und wenn er Drachen töten geht, wie im »Chanson d’Aventure«, dann in Echtzeit: Das Lied dauert geschlagene zehn Minuten.

Die Betonung des Unzeitgemäßen, kontrastiert von einer zähen Vorliebe für kurzlebige Begriffe – der Drache wird unter anderem mithilfe eines GPS-Geräts geortet –, kennzeichnet einen Konservatismus, der sich bei Krämer von seiner erfreulicheren Seite zeigt. Der Mann dehnt die Möglichkeiten der Gattung Kabarettlied ins Phantastische. Unter Pauken und Trompeten singt ein Frauenchor Zeilen wie: »Ach, Liebling, machst du bitte mal den Router aus und dann gleich wieder an?« Wie hier der Bierernst klassischer Musik unterwandert wird, nämlich mit einer Komik fernab jeder Albernheit, darf vielleicht wie folgt gedeutet werden: Die Nische, in der Krämers Hervorbringungen sich bewegen, ist von einiger Geräumigkeit. In ihr haben Philosophie, Emotion, Romantik und Humor ebenso Platz wie die gefühlten 100 Mitmusiker. Wie gern sein Publikum dieser Materialschlacht zusieht und -hört, ist der zweiten Scheibe zu entnehmen, die einen Konzertmitschnitt enthält. Er beginnt mit einem Lied über einen Familienausflug ins Planetarium im Berliner Thälmann-Park, an dessen Ende die grün leuchtenden EXIT-Schilder im Innenraum des künstlichen Kosmos ins Verhältnis gesetzt werden zur Ausweglosigkeit in der realen Welt.

Angesichts der Plattheiten, von deren fließbandmäßiger Produktion die Kleinkunst- und Kabarettbranche gemeinhin lebt, stellt man überrascht fest, dass hier ausnahmsweise mal kein Geschäftsmodell waltet. Im Gegenteil: Hier singt einer, der sich ausdrücken will und kann – koste es, was es wolle. Niemand beerbt den Tonsatz des 19. Jahrhunderts süffiger, niemand trotzt den Details des Daseins epischere Tiraden ab, und erst recht keiner tut es mit beifälligerer Komik. Dabei ist der Chansonnier mehr als die Summe seiner Alleinstellungsmerkmale: Er produziert Schönheiten. Nicht selten sind sie so üppig wie Rubensfiguren. Selbst wenn man versucht ist, mancher eine Diät anzuraten: Die Zeiten sind karg, gönnen wir ihm und uns die Opulenz.

Nach den Konzerten übrigens gibt es zuverlässig Damen, die den erschöpften Künstler auf seinen extravagant gebundenen Schlips ansprechen. Was sie übersehen: Der sogenannte Krämerknoten mit seinen zwei überzähligen Windungen ist nichts anderes als ein um 180 Grad gedrehter Galgenstrick.

Sebastian Krämer und das Metropolis-Orchester Berlin: »Vergnügte Elegien« (Reptiphon/Broken Silence)