Nordsee

Wind, Wind, Wind - und sonst nix

»Wollen Sie wirklich kommen? Um diese Jahreszeit ist doch nichts los.« Der Vermieter auf der Nordseeinsel Juist ist skeptisch - im Winter herrscht hier tote Hose. Das ist toll.

Von Rasso Knoller

Die Koffer rollen wir ins Ferienhaus. Eine steife Brise weht uns entgegen. Juist begrüßt uns mit seinem Wintergesicht. Ein Taxi, das einen vom Wetter geschützt zur Unterkunft karrt, wäre jetzt nicht schlecht. Daraus wird aber nichts, denn Autos sind auf dem 16-Quadratkilometer-Eiland verboten. Wer nicht zu Fuß gehen will, mietet sich ein Fahrrad oder lässt sich mit der Kutsche chauffieren. Unsere Wangen sind rot wie Äpfel, als wir nach zehn Minuten unser Heim für die nächste Woche erreichen.

Wir freuen uns auf eine Zeit, in der es nichts zu tun gibt. Endlich wieder Zeit zum Lesen. Trotzdem stehen wir nach zehn Minuten schon wieder vor der Tür. Die Wintersonne hat uns durchs Fenster angelächelt und zu einem Spaziergang verführt. Dick eingemummelt machen wir uns auf den Weg zum Strand. Dorthin ist es von nirgendwo weit. Juist ist selbst an seiner breitesten Stelle nur 900 Meter breit. Vom Wattenmeer im Süden bis zur Nordsee im Norden ist man nie länger als eine Viertelstunde unterwegs. Am Strand kann man sich allerdings stundenlang austoben. Der zieht sich auf sandigen 17 Kilometern die Nordküste entlang.

Wir jedenfalls sind von so viel Platz erst einmal fasziniert. Zumal wir den riesigen Sandkasten jetzt im Winter nur mit wenigen Unverzagten teilen müssen. Ein paar Spaziergänger, die wie wir dem Wind trotzen und Hundebesitzer auf Gassitour. Zwei besonders Gewiefte sind auf dem festen Sand sogar mit dem Fahrrad unterwegs und irgendwann begegnen wir einer Reiterin hoch zu Ross.

Ins Watt mit Heino

Töwerland - Zauberland nennen die Einwohner von Juist ihre Insel. Und obwohl wir erst wenige Stunden hier sind, können wir ihnen uneingeschränkt zustimmen. Bei Flut lässt die Nordsee spektakuläre Wellen gegen das Land laufen, bei Ebbe wiederum zieht sich weit zurück, so als wäre sie beleidigt. Unverzagt trotzen stämmige Möwen dem Wind und winzige Strandläufer stochern im Wasser nach Beute. Beim Nichtsvorhaben verrennt offenbar die Zeit: Ehe wir uns versehen, verabschiedet sich die Wintersonnen mit warmem Lichtspiel von den Inselgästen.

Am nächsten Tag erobern wir die andere Seite der Insel. Ins Wattenmeer marschieren wir zusammen mit Wattführer Heino Behring. Der Endsechziger ist die perfekte Begleitung für unsere Tour. Behring ist auf Juist geboren und führt seit fast 40 Jahren Urlauber durchs Watt. Sandwürmer, Herzmuscheln und Austern sind die Stars in seinem Leben. Fragen beantwortet Behring fachkundig und witzig, stellt aber gleich klar, dass er auf seine Lieblinge nichts kommen lässt. »Es gibt kein Igitt im Watt, jedes Tier hat hier seine Aufgabe«, ermahnt er seine Gäste, noch bevor es überhaupt losgeht. Behring ist aber auch der perfekte Ansprechpartner für jede Art von Fragen über die Insel. In den 60ern und 70ern habe es deutlich mehr Gästebetten auf Juist gegeben als heute, weiß der gelernte Bäcker. Damals hätten die Gäste auch deutlich geringere Ansprüche gehabt. Die Fremdendzimmer seien winzig gewesen und die Toilette auf dem Flur war Normalität. »Meine Mutter hat eine kleine Pension geführt, in der sie luftige Zimmer mit gutem Frühstück vermietete«, erzählt Behring und erklärt dann, dass »luftig« dafür stand, dass die Fenster nicht richtig schlossen und das »gut« bedeutete, dass sich jeder Gast jeden Morgen nicht nur auf Brötchen und Marmelade, sondern auch auf eine Scheibe Wurst und eine Scheibe Käse freuen konnte.

Bill und Kalfamer

Nordseestrand, am ersten Tag, Wattenmeer am zweiten - was bleibt da für den Rest des Urlaubs? Wie die Wurst hat auch Juist zwei Enden und die gilt es an den folgenden Tagen zu erforschen Das Westende der Insel bildet eine riesige Sandbank, das Billriff. Wir passen das Niedrigwasser ab und wandern an der Nordkante der Sandplatte entlang. Rechts die aufgewühlte Nordsee und links Sand. Nichts als Sand, so viel, dass man meint, man wäre auf einer Wüstenwanderung unterwegs

Wer zum Ostende der Insel will, kommt erst einmal am Flugplatz vorbei. Juist Airport wird mehrmals täglich angeflogen - fünf Minuten dauert der Hüpfer zum Festland. Unmittelbar hinter dem Landplatz beginnt der Kalfamer. Wer sich über das lustige Wort wundert, das heißt eigentlich Kälberwiese und leitet sich den plattdeutschen Wörtern »Kalv« für »Kalb« und »Hammer« für eine »feuchte Wiese« her. Im Winter darf man auch über die Wiesen spazieren. Weil es hier aber nicht nur Menschen und Kühen, sondern auch Vögeln gefällt und die hier im Frühjahr mit Vorliebe brüten, ist das Betreten des Kalfamer von da an nur noch auf Touren mit dem Nationalparkranger erlaubt. Das Wort Hammer trägt auch der Inselsee im Namen. Der ist das Überbleibsel der riesigen Sturmflut von 1932. Weikl die eine riesige Weidefläche überflutete nannte man die damals entstandene Wasserfläche Hammersee. All das könnten wir jetzt noch im Küstenmuseum theoretisch aufarbeiten. So viel Zeit haben wir aber nun wirklich nicht, irgendwann müssen wir ja auch mal die mitgebrachten Bücher lesen.