Der Kursus ist nackt!

Velten Schäfer inspiziert die Ideologie des »Lifelong Learning«

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 2 Min.

Wenn es um Ungleichheit geht, um das Feststecken der unteren Schichten, fällt irgendwann stets ein Satz mit »Bildung« und »Lernen«. Wer sollte etwas dagegen sagen? Zudem hat das permanente Reden darüber den Kollateralnutzen, dass etwas mitschwingen kann: Ist nicht, wenn im Arbeitsleben das Wissen alles ist, jeder seines Glückes Schmied? Hätte er halt mehr gelernt, dann wäre er jetzt woanders.

Das ist die ideologische Kehrseite einer Medaille, auf deren Front viel Optimismus prangt: Dass sich »Aufstieg durch Bildung« vollziehe, ist ein Allgemeinplatz, das »Recht auf Weiterbildung« fehlt auf keiner Gewerkschaftsfahne. Die höchste Form dieses Aufstiegsversprechens ist dann das »Lifelong Learning« - als dauerhaftes Recht auf die Chance auf Besserstellung.

Seit Jahrzehnten ist daher das »Lebenslange Lernen« dort ein Megathema, wo das folgenlose Gute wohnt: bei UNESCO, ILO und Compagnie - nebst der EU natürlich, die u.a. 2001 den Appell »Einen europäischen Raum des lebenslangen Lernens schaffen!« beisteuerte. Und was einmal zum Kanon der Menschheitsversprechen zählt, wird meist selbst intensivst bildungsmäßig bearbeitet: Lifelong Learning etwa füllt Spezialjournale mit Namen wie »Widening Participation and Lifelong Learning«. Wobei, wie oft im akademischen Reich, der Debatte zuträglich ist, dass es ihr laut gängigen Nachschlagewerken bisher nicht gelang, eine »allgemeingültige Definition davon zu geben, was genau damit gemeint ist«.

Eine »Definition« geben auch Martin Ehlert und Christian Ebner nicht. Doch die Forscher stellen in einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin eine originelle Frage: Findet denn Aufstieg durch Weiterbildung auch statt? Die Antwort ist so schlicht und empirisch wie der Ausruf des Kindes zu des Kaisers neuen Kleidern: Der Kursus ist nackt! Und das aus Gründen. Denn wenn »Beschäftigte geschult werden, um ihre aktuelle Aufgabe besser zu verrichten, ergibt es keinen Sinn, sie auf andere Stellen zu versetzen«. Das »Credo ›Aufstieg durch Bildung‹« müsse »relativiert werden«. Die Daten des Nationalen Bildungspanels zeigten: Es gehe nur darum, nicht abzusteigen.

Das zeigt, dass hier jene Kehrseite zählt. Und lehrt uns etwas zum Charakter von Rechten: Sie spiegeln die Sphäre, die sie gewährt. In Räumen des Zwangs wird das Dürfen zum Müssen und ist die Belohnung das Fehlen der Strafe. Was kann nun folgen?

In Andersons Märchen ist das Stutzen nur kurz: Das Kind hat wohl recht - doch der Hofstaat macht weiter.

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