Karl-Marx-Allee

Der Junge mit der großen Papiernelke

In der Karl-Marx-Allee kämpfen zurzeit Mieter um ihre Wohnungen. Über »Stalin-Chic« und die Geschichte einer großen Straße

Von Tom Strohschneider

Die früheste Erinnerung zu dieser Straße ist ein Dia. Ein Lachen unter goldblonden Locken. Ein Knirps, der bei seinem Vater auf dem Arm sitzt. Die Mutter läuft daneben, ebenso strahlend, eine Frisur auf dem Kopf, die man heute wieder sehr modisch finden würde.

Der Junge, drei oder vier Jahre alt vielleicht, hat eine dieser Riesennelken aus Papier und Draht in der Hand. Auf dem Dia sieht der Blattstiel unter der roten Blüte blau aus. Es muss ein 1. Mai gewesen sein. Ein Bild aus der DDR, irgendwann in den 70ern. Die Straße diente der Manifestation der Werktätigen, so sagte man das damals. Am Tag der Riesennelken aus Papier und Draht winkten von einer Tribüne alte Männer. Unten wurde zurückgewinkt.

Manchmal führte ein Friedenslauf durch die Straße. Tausende liefen dann über den Asphalt der Allee. In einem Fotoband gibt es ein Bild, auf dem eine Gruppe Männer zu sehen ist, einer trägt ein kleines selbstgebasteltes Plakat vor sich: »Wir Sehgeschädigte wandern für den Frieden«. Dort, wo die Männer für den Frieden wanderten, dröhnte ein paar Wochen später eine Militärparade entlang.

Der Frieden, auch das sagte man damals, müsse bewaffnet sein. Das wusste der Junge noch nicht, er staunte bloß über die mächtig-drohenden Gefährte. Wenn manchmal heute noch das Gespräch darauf kommt, dann sagt immer einer, die Panzer hätten den Asphalt ruiniert. Eure Prachtmeile?, fragt dann ein Zugereister. Dass jemand von der Straße, die eine Allee ist, als einer Prachtmeile gesprochen hätte, daran gibt es keine Erinnerung.

Man kann das natürlich nicht ausschließen. Prachtmeile? SED-Boulevard? Eine kleine Umfrage in jenem Teil des Bekanntenkreises, der in diesem Fall die dafür richtige Biografie hat, ergab Kopfschütteln. Ein nahe gelegenes Hotel empfiehlt heute einen Besuch der »Vorzeigestraße Ostberlins. Der Boulevard, der zu DDR-Zeiten noch Stalinallee hieß«. Sie hieß nicht einmal zwölf Jahre so.

Zu der Zeit des Jungen mit der großen Papiernelke war sie schon über anderthalb Jahrzehnte die Karl-Marx-Allee. 1949 wurde die frühere Große Frankfurter Straße zusammen mit der östlich anschließenden Frankfurter Allee in Stalinallee umbenannt. Der Namensgeber starb 1953, bis zur Entstalinisierung in der UdSSR dauerte es ein paar Jahre, bis diese unsere Straße erreichte noch etwas länger. Erst im Spätherbst 1961 teilte der Berliner Magistrat den neuen Namen mit: Karl Marx. Die Frankfurter Allee bekam wieder ihren alten.

Damals wurde auch das fast fünf Meter hohe Stalin-Denkmal vom Sockel gehoben, auf dem es, von einer Terrasse umgeben, zehn Jahre gestanden hatte. Die Bronzestatue wurde zerkleinert und eingeschmolzen. Ein paar Stücke überlebten. 2001 brachte jemand einen Teil vom Bart und das linke Ohr ins Café Sibylle, das eine Ausstellung über die Geschichte der Straße beherbergte, in der es seine Türen öffnet.

Am linken Ohr des Diktators wird es nicht gelegen haben, dass heute kaum ein Text über die Karl-Marx-Allee ohne den Hinweis auf Stalin auskommt. Es muss eine besondere Ostvariante der Faszination des Bösen geben. »Schöner wohnen im Stalin-Chic«, titelte einmal ein Magazin. Man findet im Internet Urlaubsangebote für »Ferien in den Stalinbauten«. Erst vor ein paar Tagen stand in der Zeitung: »Die Stalinallee sieht noch immer so aus, wie sie heißt.« Würde irgendjemandem einfallen, beim Reden über den Westberliner Theodor-Heuss-Platz jedes Mal daran zu erinnern, dass der einst Adolf-Hitler-Platz hieß?

Vielleicht hat das alles ja auch damit zu tun, dass ständig von urst Berliner Begriffen die Rede ist, die in Wahrheit aber gar kein Berliner benutzt. Der Junge mit den blonden Locken hat nie jemanden Telespargel oder Erichs Lampenladen sagen hören. Aber vielleicht hat er auch nie richtig zugehört.

Zurück zur Karl-Marx-Allee. Ein Kollege hat einmal den Satz »Wegen der charakteristischen Keramikfliesen wurde die Straße zu DDR-Zeiten im Volksmund auch ›Stalins Badezimmer‹ genannt« in ein Onlinelexikon geschmuggelt. Bald konnte man das überall so lesen, sogar in Magazinen, die viel auf ihre Recherche halten, aber dann eben doch mit falschen Tagebüchern Bruchlandung erleiden. Es waren nicht die von Theodor Heuss. Heute steht im Internet: Ein Beleg für die tatsächliche Verwendung des Begriffes Stalins Badezimmer in der DDR »konnte nicht gegeben werden«. So ist das mit den Belegen. Vor allem, wenn eine Straße ein Projektionsort ist. Die Karl-Marx-Allee ist es immer gewesen.

Wo heute ein bestimmtes Bild über die DDR per Begriffswahl in das Passepartout der Geschichte dieser Straße gepresst wird, so war die Straße für jene, die sie zu einer solchen erst machten, auch etwas, das Bedeutung ausstrahlen sollte. Es war nicht nur irgendeine Allee.

Der Junge mit den blonden Locken, die längst keine mehr sind, hat in einem alten Stadtplan von Ostberlin nachgesehen. Damals sagte man noch Hauptstadt der DDR. Im beigelegten Straßenverzeichnis steht, wie sich die Machthaber damals gern gewünscht hätten, dass die Allee überall genannt und gepriesen wird: »Berlins erste sozialistische Straße«.

Das war sie und zugleich auch nicht. Nach der Wende wäre ein Teil der Straße beinahe nach Hegel benannt worden. Das hätte sogar ganz gut gepasst. In der Geschichte der Karl-Marx-Allee ist die ganze Widersprüchlichkeit jener Zeit eingemauert, in der sie entstanden ist.

Die beiden Laubenganghäuser, die 1949/50 als erste entlang der Allee entstanden, gingen auf Ideen von Hans Scharoun und damit auf Traditionen des Bauhauses zurück. Das war der SED zu formalistisch, zu dekadent, zu bourgeois, wie man damals sagte. In der Architektur wurde eine Wende von oben vollzogen, die Fäden zur Moderne wurden zerschnitten, es galten nun in Ostberlin - nach einer Reise nach Moskau - neue »Grundsätze des Städtebaus«. So trat ein sozialistischer Realismus der »Nationalen Bautradition« in den Vordergrund. Hermann Henselmanns Hochhaus an der Weberwiese, nur ein paar Hundert Meter von der Karl-Marx-Allee entfernt, steht für diese Kursänderung und wurde zum Leitbild.

Ob sich die neuen Bewohner der Allee für solche polit-ästhetischen Scharmützel interessierten? Die Straße war Teil eines riesigen Wiederaufbauprojekts nach dem Krieg. Die Menschen in der zerstörten Stadt brauchten Häuser. Wo man sagte, es seien »Arbeiterpaläste«, zeigte das vor allem den Unterschied zur Beengtheit früherer Wohnungen. Und natürlich wollte die SED hier sich und ihre Politik zeigen.

Bauen mussten andere. Am 16. Juni 1953 begannen hier in der Allee die Streiks gegen die von der Parteiführung angeordneten Normenerhöhungen. Auch das ein Teil der Geschichte dieser Straße, die Aufstände kannte. Hier hatten schon in der Märzrevolution von 1848 Berliner ihre Barrikade verteidigt. Auch in der Novemberrevolution 1918 fanden Kämpfe statt.

Im Rückblick ist davon meist nicht viel die Rede. So wie auch die »nachgeholte Moderne«, der Bauabschnitt von 1959 bis 1969 mit seinen hochaufragenden Wohnscheiben in Alex-Nähe und den großartigen Kinobauten »Kosmos« und »International«. Oder dem Café Moskau und den fünf Pavillons, von denen die Mokka-Milch-Eisbar am bekanntesten ist.

Mit dem »sowjetischen Zuckerbäckerstil«, das ein Tourismusportal heute der ganzen Karl-Marx-Allee überstülpt, hat dieser Teil ihrer Geschichte nicht viel zu tun. Die Reisenden werden heute mit folgendem Hinweis angelockt: »Ein jährliches Veranstaltungshighlight ist das jährliche internationale Berliner Bierfestival.« Der Junge, der keine blonden Locken mehr hat, denkt: Die großen Manifestationen der Werktätigen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.