Leben des Karl Marx

Kein Kitsch für Karl

Die Oper »Marx in London« wurde nach Bonn geholt

Von Glenn Jäger

Marx in Bonn: Das gäbe wohl nicht viel her für eine Oper. Man hätte das Jahr 1835 zu verhandeln, das vermeintlich »vergeudete Jahr«, die Geschichten vom sehr jungen Marx, dem Jurastudenten, der einen übern Durst trinkt, verurteilt wegen »nächtlichen Lärmens und Trunkenheit«. Stattdessen holte die Bonner Oper »Marx in London« an den Rhein - uraufgeführt am vergangenen Sonntag. Material dafür bietet sich reichlich: 1849 ging er nach London ins Exil, dort behält er seinen Wohnsitz bis zu seinem Tod im Jahr 1883.

Hier entstanden Schriften wie »Klassenkämpfe in Frankreich«, »Der 18. Brumaire«, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, nicht zuletzt »Das Kapital«. Daneben hatte er ein bewegtes Londoner Leben, war aktiv in der Arbeiterbewegung, und dann waren da noch: seine Ehefrau Jenny von Westphalen, die Haushälterin Helene Demuth und die Kinder. Mehr als genug Stoff also, der sich »für eine komische Oper perfekt eigenen würde«, wie Regisseur Jürgen Weber befand, der das Projekt anstieß. Um die Fülle des Stoffs einzuschränken, verfiel man darauf, einen Tag im Leben der Familie Marx aus dem Jahr 1871 zu verdichten. Mit Jonathan Dove wurde ein glänzender Komponist gefunden, der den Sängerinnen und Sängern alles abverlangt. Für den englischsprachigen Text waren in der Bonner Oper, bei aller Nackenverspannung, die weit oben eingeblendeten Übertitel hilfreich.

Ein geglücktes Bühnenbild versprach schon zu Beginn, dass Marx nicht lustspielhaft auf das Privatleben reduziert werden würde. Kein Kitsch aus dem Hause Karl und Jenny, sondern sperrige »Abfälle der industriellen Revolution«, die sinnbildlich »von den Arbeitern bewegt« wurden. »Es gibt eine Klasse, das sind die Arbeiter«, so der verantwortliche Ausstatter Hank Irwin Kittel.

Die Handlung - Libretto: Charles Hard - hielt dann das, was eine Komödie verspricht: eine Verwechslung hält den Spannungsbogen. Die jüngste Tochter Eleanor »Tussy« wähnt einen Spion im Haus, es gab ja Grund genug, ihren Vater zu beäugen. Mit der Zeit nimmt der »Spion« Freddy Konturen an: Er gibt sich zunächst als Klavierlehrer (ohne Klavier) aus und entpuppt sich später als Waffenschmied, als der er auch ein Attentat auf Marx vereitelt. Immer mit dabei: ein rätselhafter Serviettenring. Der verweist auf das Geschlecht »von Westphalen«. Und doch ist Jenny nicht die Mutter, aber es gibt ja noch die Haushälterin, eindrucksvoll gespielt von Ceri Williams. Aber wer ist der Vater? Da fällt der Verdacht zunächst auf Friedrich Engels (gewinnend: Johannes Mertes).

Der zweite Strang ist etwas weniger privat: Marx (vorzüglich: Mark Morouse) ist abgebrannt, die Möbel werden gepfändet. Ausgerechnet jener Mann, der sich, so will es die Komik, wie kein Zweiter mit den Gesetzen des Kapitals befasst. All das zum vermeintlichen Leidwesen von Jenny, die diesen »Nichtsnutz« von Marx verflucht, dem sie, eine echte »von Westphalen«, sich und ihre Liebe opferte.

Ohne Aussicht auf Besserung ertränkt sie ihr Leid gemeinsam mit Helene, der Haushälterin, als ein gewisser Engels daherkommt und »die Party belebt«, um seinem Freund unter die Arme zu greifen. Was einstweilen auffällt: Die Frauen, insbesondere Jenny und Tussy, bleiben politisch weitgehend konturlos, obwohl sie doch auch Gefährtinnen waren und Tussy später sozialistische Aktivistin wurde.

Der dritte Strang: der politische Marx. Da ist die Szene in der Bibliothek, Marx schläft über einem Buch ein, es erscheint ihm das Volk von Paris. Die Commune, verkörpert durch einen eindrucksvollen Chor jener Arbeiter und Handwerker, die ansonsten im Untergrund der Bühne herumwuseln, Wagen ziehen und schieben, Gerätschaften bewegen. Alle, ob nun Schneider, Töpfer oder Maurer, begehren auf gegen das Elend. »Awake« - »wacht auf«, verlangen sie auf großen Bannern, mit denen sie denn auch an Marx herantreten. Der reibt sich langsam die Augen, so geht »komische Oper«.

Ein weiteres Bild: Marx steht auf einem Tresen, spricht zu Arbeitern in einer Trinkhalle. Und zwar Klartext: Das Kapital, es ist gnadenlos, eine gefräßige Maschine. Es bedeute »Reichtum für die Reichen, Qualen für die Armen«. Fäuste werden geballt, es erschallt der Ruf nach Schulen für alle, nach Schluss mit niedrigem Lohn, ja: nach dem Ende von Privateigentum. Nichts weniger als ein »strahlender Morgen« steht auf dem Programm, 100 Jahre vor Brokdorf, Kalkar und Biblis.

Was bleibt unterm Strich? Prädikat herausragend für Bühnenbild, Musik, Gesang, schauspielerische Leistung. Das gilt auch für das geübte Ohr, wie der überschwängliche Applaus des Premierenpublikums zeigte. Die Akteure überzeugten durchweg. Wenn überhaupt jemand herauszuheben ist, dann die kanadische Sopranistin Yannick Muriel Noah, die die Jenny spielte.

Soweit die Ästhetik. Und die politische Quintessenz? »Marx in London« ist ein Stück, das niemandem wehtut. Die Chance, neben einem liederlichen Gestern und einem verheißungsvollen Morgen auch Anspielungen auf ein verkommenes Heute unterzubringen: Sie wurde vertan. Dabei liegt in Zeiten, da angesichts zunehmender sozialer Widersprüche auch in den Feuilletons wieder Klassenfragen verhandelt werden, der Ball doch auf dem Punkt.

Am Rande der Premierenfeier gab sich denn auch Jürgen Repschläger, kulturpolitischer Sprecher der Bonner LINKEN im Stadtrat, etwas verstimmt über die Komödie. Bei allem Respekt vor der künstlerischen Leistung, aber: »Wenn ich da schon nicht lachen kann, dann möchte ich doch wenigstens einen Erkenntnisgewinn.«

Der Weg nach draußen - kein strahlender Morgen, vielmehr ein nasser Dezemberabend, der in Erinnerung rief: Solch ein Morgen, wie er am Schluss des Stücks förmlich aufblühte, er ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Dass die Oper einem den Weg dahin weist, das wäre vermutlich zu viel verlangt. Die Ironie der Geschichte: Zu den vielen kleinen Kämpfen, die erst einmal zu führen sind, gehört ausgerechnet jener um die Bonner Bühnen. Denn die Sparpolitik der »Bundesstadt« ruft nach der groben Axt, es werden Fragen aufgeworfen wie: Lässt sich die Förderung der Oper nicht zugunsten des Sports kürzen? Lassen sich nicht Bühnen zusammenlegen? Brauchen wir überhaupt eine Oper?

Ja, brauchen wir. Wie sehr, das zeigte auch dieser Abend. Um auch Fragen von Kultur grundsätzlicher zu beantworten, bräuchte es vielleicht doch noch das Stück »Marx in Bonn«. Mit dem Londoner Marx, zurück am Rhein.

Nächste Vorstellungen: 22.12., 28.12., 12.1., 20.1. Theater Bonn, Opernhaus.