Abgebügelt

Beschwererei

Ich streike. Und ihr solltet es auch.

Von Paula Irmschler

Oh, euer blödes Amazon-Riesenpaket mit darin enthaltenem Scheiß, der in Hunderte Plastiktüten verpackt wurde, kommt nicht einen Tag nach der Bestellung und schon gar nicht um Punkt 19 Uhr bei euch an? Der fiese Lieferando-Lieferant bringt den Wabbelburger und die Stinkepizza erst nach 50 Minuten, hat die Ekelsoße auch noch vergessen, und das obwohl draußen nur gerade Glatteis und Mördersturm herrscht? Ach, und der Zug hat 13 Minuten Verspätung wegen eines »Personenschadens« und die Mitarbeiter küssen euch nicht entschuldigend den Nacken und zaubern die Zeit zurück? Und dann streiken auch noch Gewerkschafter im ÖPNV wegen so etwas Lächerlichem wie gerechten Arbeitszeiten und Löhnen? Ihr kriegt zu viel? Fickt euch!

Hiermit kündige ich jede Zusammenarbeit mit Leuten auf, die sich beschweren, erkläre meine Nichtbereitschaft zu Gesprächen über Beschwerdethemen, danke ab im Lamentierzirkel, beende jegliche Beziehung zu Nörglern oder Leuten, die ihnen ähnlich sehen, mache Schluss mit jedweder Mokiererei. Ich höre nicht mehr zu, ich nicke nichts mehr ab, ich sage nicht mehr »genau« oder »ist doch so«, ich unterschreibe nichts, ich mache nicht mehr mit. Ich streike. Und ihr macht gefälligst alle schön mit. Um es in ordentlichem Deutsch zu erklären: Streiks sind so ähnlich wie eure Warentrenner, eure Hecken und Zäune, eure geliebten Mauern und Grenzen. Nur positiv. Menschen haben genug, und dann schieben sie einen Riegel vor, damit sich etwas ändert. Im Gegensatz zu euren starren Stoppschildern sind Streiks ein Prozess.

Sie sind richtig, weil das, wogegen sie eingesetzt werden, falsch ist. Zu viel Arbeit ist falsch. Wenig Geld ist falsch. Die Entmenschlichung von Arbeitenden ist falsch. Kapitalismus ist falsch. Ihr habt ja nicht gänzlich unrecht. Ihr bekommt Konsequenzen, wenn andere streiken. Ihr schafft es nicht zu eurem Job oder dahin, wo ihr sonst brav als Rädchen funktionieren müsst. Aber genau da liegt ja das Problem: dass nicht mal ein paar Bahnen ausfallen und ein paar Bestellungen nicht ankommen können, ohne dass uns das in Krisen stürzt. Dass wir vergessen haben, dass die Leute, die die ganze Zeit dafür sorgen, dass wir uns möglichst reibungslos bewegen können, weil wir es müssen, oder unseren Konsum gewährleisten, weil wir konsumieren müssen, auch Menschen sind und gut behandelt werden wollen. Ja, Streiks stören. Und das, was sie stören, ist das Problem: den Alltag mit Leistungsstress. Dagegen muss sich die Wut richten, nicht gegen die Überbringer der Nachricht. Also seid verdammt noch mal solidarisch mit Leuten, die weniger Arbeit und mehr Geld wollen. Es ist eine gute Sache. Ihr solltet es auch wollen. Ihr solltet mitmachen. So, das war’s, mir reicht’s.