sieben tage, sieben nächte

Hobby: Nicht-Umziehen

Wer noch eine bezahlbare Wohnung hat, verlässt sie nicht, egal welcher Drang dagegenspricht

Von Regina Stötzel

In der Zeit, als die Telefone noch Tasten hatten, gab es Menschen, deren Hobby war das Umziehen. Manche hielt es kaum ein Jahr in einer Wohnung. War gerade die Einweihungsparty vorüber, kam schon die nächste Einladung zum Kistenschleppen. Die Gründe für die jeweiligen Umzüge waren sehr unterschiedlich: eine neue Liebe, Ärger mit der WG, der Wunsch, näher bei Freundinnen zu wohnen, der Drang nach Veränderung oder die Verlockung einer schöneren oder günstigeren Wohnung.

Dieses Hobby ist so selten geworden wie schönere und günstigere Wohnungen. Wer noch eine bezahlbare Wohnung hat, verlässt sie nicht, egal welcher Drang dagegenspricht. Wer schon viel bezahlt, würde in einer neuen Wohnung noch mehr bezahlen. Auch wenn nicht genug Platz ist für den Partner oder das zweite Kind - selbst in den Randbezirken sind nur noch teurere Alternativen zu haben. Sich wohnlich nicht zu verschlechtern, ohne einige Hundert Euro mehr zu zahlen, ist nicht mehr möglich. Pärchen wohnen jahrelang in Provisorien, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden; Studierende ziehen in für Neuberliner unbekannte Stadtteile wie Oberschöneweide oder Friedenau und bleiben da, weil auch in Neukölln oder Treptow schon nichts mehr geht.

Die letzten nicht völlig überteuerten Wohnungen gehen an Pärchen mit doppeltem Lohn und fester Anstellung, weil die Vermieter freie Auswahl haben. Erwachsene Menschen werden wieder zu armen Kleinen, die auf die Bürgschaft der Eltern angewiesen sind; die Schufa entscheidet über Sein oder Nichtsein.

Selbst das nun wesentlich stärker verbreitete Hobby Nicht-Umziehen kann zu Dauerbeschäftigung und Dauerstress werden, wenn man gegen die angekündigte Mieterhöhung klagt oder der Immobilienbesitzer mit perfiden Methoden versucht, sein Haus für die Renovierung menschenleer zu bekommen. Wer überhaupt noch seine Wohnung verlässt, zieht nicht freiwillig um, sondern muss gehen, weil daraus ein Loft oder Studio, Top-Objekt oder City-Domizil wird.

Wer vor Jahren erbte oder sich finanziell völlig übernahm und eine günstige Wohnung im Zentrum erstand, ist mittlerweile quasi Millionär, viele andere sind richtig aufgeschmissen. Eigentum ist selbst für jene zu einer Option geworden, die in der Vergangenheit das oben erwähnte Hobby pflegten und sich so etwas natürlich nie hätten vorstellen können, aber sicher sein wollen, auch in zehn Jahren nicht die Stadt verlassen zu müssen - schon wegen der Kinder. An der Frage »Baugruppe ja oder nein?« sollen schon Freundschaften zerbrochen sein, ganz sicher aber daran, dass manche die Wahl haben und andere nicht. Darüber gibt es sogar schon einen Roman: Anke Stellings »Schäfchen im Trockenen«.