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Was auf den Index gehört

Auf Millionenversprechen, Geldgier, Selfies und Weihnachtsschnulzen im Fußball kann Christoph Ruf gern verzichten

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der ganz hervorragende (weiß ich) und mehrfach ausgezeichnete (hoffe ich) Comic-Zeichner Guido Schröter hat sich in den vergangenen Tagen der FIFA gewidmet. Und ihrem Vorsitzenden, der es doch tatsächlich geschafft hat, seinen Vorgänger, den Blatter Sepp, in Sachen Gier und Niederträchtigkeit noch zu überholen: Auf eine ziemlich leere Stehplatztraverse hat Schröter zwei Fans drapiert, einer davon blättert in einer Zeitung und sagt: »Jetzt will dieser Infantino den gesamten Fußball verkaufen.« Woraufhin der andere entgegnet: »Ist denn überhaupt noch was da?«

Eine berechtigte Frage und eine ziemlich gute Illustration der Stimmungslage in den Fankurven. Doch der Drang, jeden Eckball, jeden Fetzen Trikotstoff und jedes nichtssagende Interview zu Geld zu machen, der ist im deutschen Fußball ungebrochen. Für all die Funktionäre, die neidisch nach England blicken und davon träumen, der nächste große Investor möge doch bitte sein Geld bei ihrem Verein parken, könnten die Nachrichten der letzten Tage allerdings ein Grund zum Nachdenken sein. Noch im Sommer war man davon ausgegangen, dass in den Regionalligen West und Nordost zwei künftige Champions-League-Teilnehmer heranwachsen. Wattenscheid 09 verkündete stolz die Einigung mit einem Hamburger Startup, das angeblich eine Million Euro investieren wolle. Viktoria Berlin hatte sich mit einem chinesischen Geldgeber auf das bescheidene Sümmchen von 90 Millionen Euro in den kommenden zehn Jahren geeinigt.

Nun, in Berlin-Lichterfelde ist das Geld nie angekommen, am vergangenen Freitag meldete der Verein Insolvenz an. Auch in Wattenscheid blieb der Geldsegen aus Hamburg aus. Zuletzt mussten die Spieler auf ihre Gehälter warten. Der Größenwahnsinn hat sich in diesen beiden Fällen also nicht so recht gelohnt. Und in der Branche gibt es so manchen, der meint, dass man darüber mal nachdenken sollte - auch ein, zwei, drei Ligen über der Regionalliga. So hat der Bundesliga-Zweite Borussia Mönchengladbach einen Trainer, dem man offenbar nur mal die richtigen Fragen stellen muss, um intelligente Antworten zu bekommen. Dass die »Zeit« Dieter Hecking in ihrer jüngsten Ausgabe ein langes Interview widmete, war jedenfalls eine hervorragende Idee. »Es wird immer diese Gedanken geben, wie man noch mehr aus dem Fußball herausquetscht«, sagt Hecking dort. »Aber das ist der große Fehler, den wir im Moment nicht nur im Fußball machen; dass wir immer nur nach mehr streben. Ich habe inzwischen erkannt, dass die Menschen das Streben nach immer noch mehr Erfolg nicht glücklich macht.«

Eine Wachstumsbranche, die sich selbst einschränkt, weil sie einmal an Übermorgen statt an morgen denkt - darauf zu hoffen, wäre wohl wirklich naiv. Aber immerhin scheint es, als fingen gerade tatsächlich ein paar Leute an nachzudenken. Und das auch außerhalb des Fußballs. Im Musikbusiness, einem Gewerbe, das es an moralischer Verkommenheit locker mit dem Fußball aufnehmen kann, hat sich jetzt Flake zu Wort gemeldet. Der kluge »Rammstein«- Keyboarder verweigert die Unsitte, Menschen zu fotografieren, die das erkennbar nicht wollen und dennoch mit schmerzgepeinigtem Grinsen innehalten, bis alle Handykameras aufhören zu klicken. Als Flake nun in Dresden um ein Selfie gebeten wurde, nahm er den Studi beiseite und redete ein ernstes Wörtchen mit ihm: »Denk mal darüber nach, wem du das zeigen willst, und ob die sich über dein Handy beugen wollen. Ich mache es in deinem Interesse nicht.« Dem Mann geht es dabei nicht um Benimmregeln, sondern darum, sich mal zu fragen, wem man aus welchen Gründen hinterherhechelt. »Was soll an Berühmtheiten interessant sein, das an normalen Menschen nicht interessant ist?«, fragt Flake. Der Mann stand einmal neben Madonna. Ihm fiel auf, dass sie sehr klein ist.

Wenn man sich Mühe gibt, kann man in diesen Wintertagen also zwischen Kitsch, Kaufrausch und miserabler Musik auch einiges erkennen, das auf Hirntätigkeit schließen lässt. Auch dass ein Kneipier in England angeordnet hat, dass in all seinen Pubs die schlimmste aller Schnulzen, »Last christmas«, auf dem Index zu stehen habe, zeugt da von einer Geschmackssicherheit, die den Trikotdesignern im Big Business abzugehen scheint. Das mintgrüne Trikot, mit dem der FC Bayern am Samstag sein Spiel in Hannover bestritt, hätten sich nicht jedenfalls mal die niederträchtigsten Bayern-Hasser einfallen lassen können.

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