Doping im Sport

Schwierigkeiten mit der Wahrheit

Ein Quartett um den Antidoping-Vorkämpfer Werner Franke erhebt schwere Vorwürfe gegen die Doping-Opfer-Hilfe

Von Jirka Grahl

Wie anfangen in dieser Geschichte, die von Vorwürfen und Gegenvorwürfen handelt? Von ehemaligen Mitstreitern für das Gute, die einander heute Rücksichtslosigkeit, Rechthaberei, Vorteilsnahme und Unwissenschaftlichkeit vorwerfen? Vielleicht mit dem Unrecht, das wohl ein jeder anerkennt: Fast 30 Jahre ist es her, dass die DDR von den eigenen Bürgerinnen und Bürgern für obsolet erklärt wurde - ohne viel Federlesen: Friedliche Revolution, zack! Beitritt zur Bundesrepublik, rumms! Und schnell auch: Ran an die Aufarbeitung der Untaten, derer sich im Arbeiter- und Bauernstaat schuldig gemacht wurde - Akten zum Nachlesen in Hülle und Fülle vorhanden!

Neben dem Entsetzen über Schießbefehl und Allgegenwärtigkeit der Staatssicherheit sorgten auch die Geschichten über das staatliche Dopingsystem für Empörung: die Intensität, mit der nach dem Staatsplanthema 14.25 in den Sportklubs ab 1974 gedopt wurde. Der Aufwand, der zur Verschleierung betrieben wurde. Und die Rücksichtslosigkeit, mit der große Mengen Anabolikapräparate wie »Oral-Turinabol«, »Mestanolon« oder »Androstendion« selbst an Minderjährige weitergereicht wurden: Für den Sieg im Wettstreit der Sportsysteme war fast alles recht, neben modernsten Sportanlagen und wissenschaftlichen Trainingsmethoden auch Doping.

Die Medaillen der DDR waren teuer erkauft

Mit Eifer wurden an DDR-Universitäten jene »unterstützenden Mittel« entwickelt. Ärzte und Trainer reichten sie eilfertig und in großen Mengen an ihre Schützlinge weiter, oft ohne Rücksicht auf Verluste: auf die Vermännlichung junger Frauen, auf schwere Akne, auf psychische Erkrankungen oder auf teilweise groteske Muskelzuwächse. Ein Großteil der 755 Medaillen, die DDR-Sportler bis 1988 bei Olympischen Spielen gewannen, war teuer erkauft - auf Kosten der Gesundheit Tausender Athleten.

Ab 1990 wurde das DDR-Staatsdoping ein großes Thema: in der Bundesrepublik, wo unzählige Sportlerinnen und Sportler ebenfalls recht heftig gedopt hatten - ohne Staatsplan, auf eigene Faust, nicht aktenkundig. In den 1990er und 2000er Jahren mussten sich hier wenigstens einige Funktionäre, Ärzte und Trainer des DDR-Sports vor Gericht verantworten. Die Dopingprozesse vorm Berliner Landgericht zogen sich über Jahre hin, die Strafen fanden viele zu milde: DDR-Sportchef Manfred Ewald als Hauptverantwortlicher wurde beispielsweise erst 2001 verurteilt - zu 22 Monaten auf Bewährung wegen Körperverletzung in 20 Fällen.

Einer der Gutachter damals vor Gericht: Werner Franke aus Heidelberg, Professor für Zell- und Molekularbiologie, der gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Berendonk erst die Dokumente gesichert hatte, die das Ausmaß des Dopings offenlegten. Ein glühender Dopingaufklärer, ein Wissenschaftler mit einer Vorliebe für extreme sprachliche Bilder, ein Lautsprecher im Kampf gegen die Hintermänner des Dopings, eine unerbittliche Autorität.

Gründung eines einzigartigen Vereins

Franke war auch einer der Gründer einer einzigartigen Interessenvertretung: des Doping-Opfer-Hilfe (DOH) e.V. - ein gemeinnütziger Verein, der sich die Lobbyarbeit für alle jene auf die Fahne geschrieben hat, die im DDR-Dopingsystem Schaden genommen haben. Seit fast 20 Jahren nun streitet der DOH erfolgreich für Dopinggeschädigte. Zuerst von Heidelberg aus, seit 2013 dann in Berlin. Mit Erfolg: 2002 verabschiedete der Bundestag ein erstes Dopingopfer-Hilfegesetz (DOHG), nach dem maximal 1000 Menschen entschädigt werden konnten, 2016 folgte das zweite für weitere 1000 Geschädigte. Ohne übergroßen bürokratischen Aufwand sollte mit einer Einmalzahlung von 10 500 Euro pro Antragsteller diesen unter die Arme gegriffen werden. Erst im Herbst 2018 verlängerte der Bund den Antragszeitraum für die Entschädigungen bis Ende 2019, der Fonds wurde von 10,5 auf 13,65 Millionen Euro aufgestockt.

Es hätte kaum besser laufen können für die Doping-Opfer-Hilfe, der seit 2013 Ines Geipel ehrenamtlich vorstand: ehemalige Sprinterin des SC Motor Jena mit Doping-Leidensgeschichte, Literaturwissenschaftlerin, Lehrbeauftragte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Doch bei der Mitgliederversammlung Anfang Dezember in der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin trat die 58-Jährige nach einer Wutrede ab - wie zwei Tage zuvor angekündigt.

Der Verein und seine Vorsitzende waren zuvor heftig in die Kritik geraten. Vorwurf ehemaliger Mitstreiter: Geipel und Co. würden auch Trittbrettfahrer ermutigen, sich in Sachen DDR-Doping entschädigen zu lassen. »Eine Sauerei«, klagte Ines Geipel vor Vereinsmitgliedern und Journalisten, »eine Kriminalisierung von Menschen, die nicht aus ihren Wohnungen kommen. Statt ihnen zu helfen, diskutieren wir seit Wochen über ›Deutschland sucht den Trittbrettfahrer‹.«

48 Seiten Vorwürfe aus der Feder von Antidoping-Autoritäten

Vier der derart kritisierten Kritiker indes gingen nun den nächsten Schritt: Sie breiteten ihre Vorwürfe aus in einem Papier namens »Blackbox DOH e.V. - Für eine ehrliche Dopingaufklärung«. Auf 48 Seiten legt das Quartett darin dar, was es am Dopingopferhilfeverein unter Ines Geipel auszusetzen hat: »Schluss mit ›Opfer‹-Politik - zurück zu Wahrheit und belastbaren Grundsätzen« lautet die Überschrift.

Schon die Urheberschaft sorgt für Erstaunen. Unterzeichnet haben: Professor Dr. Werner Franke, 78, Urgestein der Dopingaufklärung. Claudia Lepping, 50, ehemalige BRD-Leichtathletin, Dopingverweigerin, Gründerin zweier Antidopinginitiativen. Henner Misersky, 77, lange Zeit Mitstreiter von Ines Geipel bei der DOH, ehemals Ski-Langlauftrainer, der es zu DDR-Zeiten wagte, Doping abzulehnen und dafür entlassen wurde. Und Professor Dr. Gerhard Treutlein, 78, Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der PH Heidelberg, Co-Autor verschiedener Dopingbücher.

Es sind allesamt namhafte Antidoping-Streiter, die sich da in ihrer Kritik am DOH vereint haben. »Uns geht es darum, dass der DOH zur Wahrheit zurückkehrt«, sagt Claudia Lepping, die das Papier auf ihrer Internetseite www.dopingalarm.de zum Download bereitgestellt hat. »Im Moment, so ist unser Eindruck, macht der Verein mit eigenen Zahlen Politik, statt auf belastbare und gerichtsfeste Verfahren zu setzen. Da läuft etwas aus dem Ruder. Das muss geprüft werden, weil es um Steuergelder geht.«

Die Zahl der Opfer und die Frage nach der Unwissenheit

Die Liste ihrer Einwände ist lang: So beklagen sie beispielsweise, die ehemalige Vorsitzende Ines Geipel habe vollkommen ungerechtfertigt die Zahl von 15 000 Opfern eines »flächendeckenden unwissentlichen Zwangsdopings« ausgerufen. Diese Opferzahl sei vollkommen aus der Luft gegriffen, bisher sei von 2000 Fällen die Rede gewesen. Zum andern stellen die Autoren die Frage nach dem Prädikat »unwissentlich«.

Denn es entgehe erstens »grundsätzlich keinem erwachsenen Athleten oder Athletin, wenn androgene-anabole Steroide im Körper ihre leistungssteigernde und erst recht bei Frauen verstörend-vermännlichende Wirkung entfalten«, schreiben sie. Zweitens hätten die meisten DDR-Elitesportler gelernt, wann die Dopingmittel abzusetzen waren. Auch die Kontrollen vor Auslandsreisen im DDR-eigenen Labor in Kreischa seien Anzeichen für eine Mitverantwortung etlicher Athletinnen und Athleten.

Ines Geipel sagt gegenüber »nd«, sie hantiere nicht mit der Zahl von 15 000 Opfern. Sie wisse aber, sagt sie und versucht den Spieß umzudrehen, dass mit dem 2. Dopingopferhilfe-Gesetz »hunderte Schicksale neu dazugekommen sind, von denen die Gründerväter der Dopingaufarbeitung keinerlei Kenntnis haben und offenkundig auch keine haben wollen. Es gab in den vergangenen fünf Jahren jedenfalls keine einzige Anfrage ihrerseits dazu.«

Schon von daher sei die Kritik »halt- und maßlos«, so Geipel: »Heute wissen wir viel mehr über Missbrauch und strukturelle Gewalt im Sport. Wir stehen noch immer oft atemlos da, wenn uns diese Geschichten erzählt werden: Was mit der Gabe des Aufbaumittels Dynvital anfing, konnte mit der Vergewaltigung durch den Trainer in der Sauna enden.«

Sind Dopingschädigungen wirklich per DNA vererbbar?

Claudia Lepping ist die einzige aus dem Quartett der »Blackbox«-Autoren, die mit »nd« über das Papier sprechen möchte. Die anderen lassen ausrichten, sie wollten, dass sich die Öffentlichkeit jetzt erst einmal an ihrem Papier abarbeite. Lepping betont, dass es um Himmels Willen nicht darum ginge, Opfer zu diskreditieren. Sie sei froh, dass sie in einem Staat lebe, der so mit den Opfern von Unrecht umgehe. »Wir greifen keine Opfer an.«

Die Frage aber sei, ob sich die DOH immer neue Opfer selbst organisiere - mit der immer wieder angeführten These von Dopingschäden in der zweiten Generation. Den Molekularbiologie-Professor Franke erregt augenscheinlich vor allem die vom DOH verbreitete These der Vererbbarkeit von Dopingschäden. Zitat: »Wissenschaftler von internationalem Renommee, die seit Jahrzehnten zu Dopingfolgen forschen, bestreiten zudem ausdrücklich - auch in gültigen, toxikologischen Gutachten - die Behauptung, diese Schäden seien genetisch, d.h. per DNA an eine zweite Generation Dopingopfer vererbbar. Doch genau das behaupten zwei Psychiatrie-Mediziner und geben der DOH-Vorsitzenden ostentativ Rückendeckung.«

Tatsächlich hat Ines Geipel in den vergangenen Jahren explizit an der Erweiterung des Opferbegriffes gewirkt. Sie sagt, der DOH habe mit seiner Arbeit in den letzten Jahren erst jenen »Enttabuisierungsraum« geschaffen, der es Opfern endlich möglich mache, sich überhaupt zu melden und zu sprechen. Dadurch sei man unweigerlich auf das »Phänomen der transgenerationalen Traumatransmission« gestoßen: Schäden an Kindern einst gedopter Sportlerinnen und Sportler. »Es kamen immer mehr Frauen zu uns, die uns von ihren geschädigten Kindern berichteten. Das war in hohem Maße signifikant.«

Ob es da nicht logisch sei, dass Forscher wie der jüngst verstorbene Greifswalder Psychiatrie-Professor Harald Freyberger das Thema genauer untersuchten? Ob es nicht wichtiger wäre, den Betroffenen endlich fundierte Unterstützung an die Hand zu geben, als mit »destruktiver Kritik fünf Jahre harter Arbeit für die Opfer« öffentlich zu »destruieren«? »Was ist das Motiv?«, fragt Geipel.

Promotionsstipendien aus Mecklenburg-Vorpommern

Lepping, Franke, Misersky und Treutlein nennen das Motiv schon im Vorwort. »Was wir erreichen wollen«: eine Änderung des Dopingopferhilfe-Gesetzes, strengere und transparentere Prüfverfahren für die Entschädigung durch das Bundesverwaltungsamt und ein gründliches Hinterfragen der ärztlichen Begutachtung. Denn die Autoren sehen »pseudowissenschaftliche Seilschaften« am Werk» - vor allem hinsichtlich der These vom Traumata in der zweiten Generation: «Um gleich sämtliche Zweifel wegen fehlender wissenschaftlicher Beweisführung ihrer umstrittenen Traumata-Theorien aus dem Weg zu räumen, organisier(t)en die DOH-Vorsitzende Geipel, der Psychiatrie-Chefarzt und Uni-Professor Freyberger († am 6. Dezember 2018) mit Hilfe der dortigen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, in Mecklenburg-Vorpommern die Doktorarbeiten und Studien dazu selbst ... Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern fördert einmalig drei Promotionsstipendien zur ›Aufarbeitung von Doping im DDR-Sport der drei Nordbezirke‹.»

Zwei der drei Promotionsstipendien wurden vergeben, eines an Ines Geipel. Laut Landstags-Drucksache 7/668 sind allein für Ines Geipel über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren insgesamt bis zu 39 600 Euro vorgesehen für ihre Promotion «Hybris und Gewalt. Der DDR-Dopingstaatsplan 14.25 und seine Umsetzung in den drei ehemaligen Nordbezirken.»

Die Schweriner Stasiunterlagen-Beauftragte Anne Drescher sagt, die Vergabe der Promotionsstipendien sei ein «ganz normaler Vorgang». Seit 2016 organisiert sie in MV die Beratung für Opfer aus dem DDR-Sport, ihre Behörde ist Anlaufstelle. «Wir betreuen in MV derzeit 200 ehemalige Sportlerinnen und Sportler mit Dopinggeschichte», sagt Drescher. «Und der Leidensdruck ist bei vielen hoch.» Es gebe noch reichlich Aufklärungsbedarf. «Da ist es gut, wenn geforscht wird.» Mit der Vergabe der Stipendien habe sie nichts zu tun, die seien ausgeschrieben worden und von den Universitäten vergeben worden. «Frau Geipel hat sich darum beworben und den Zuschlag erhalten.»

«Umstrittene Traumata-Zunft»

Die Autoren des Blackbox-Papiers mutmaßen, dass Geipel mit dem verstorbenen Professor «zu beiderseitigem Nutzen ins Geschäft» gekommen sei: Geipel habe Freyberger «über den DOH weiter zu untersuchende ›Sportler-Patienten‹» zugeführt, die er «im Sinne seiner umstrittenen Traumata-Zunft» dann «wissenschaftlich belegen» könne. Geipel habe dem DOH im Zusammenspiel mit Freyberger die notwendigen einschlägigen Forschungsergebnisse geliefert , um den wirtschaftlichen Fortbestand der DOH zu sichern - «noch dazu in der eigenen Promotionsarbeit».

Ines Geipel weist auch das von sich. «Ich schreibe eine historische Arbeit an der Universität Rostock», sagt sie. Mit der Langzeitstudie von Psychiatrie-Professor Freyberger in Greifswald zu den körperlichen und psychischen Folgen des Dopings bei Sportlern in der DDR habe das «nichts, aber auch gar nichts» zu tun. «Die Kritik einer vermeintlichen Verstrickung ist ohne jeden Boden. Ich mache diese Studie nicht.»

Der Streit um ein Honorar von 20 000 Euro

Im November 2018 wurden Zweifel an der Ehrenamtlichkeit von Geipels Wirken beim Verein DOH geweckt. Der Zeitung «Nordkurier» aus Neubrandenburg war das Protokoll einer Vorstandssitzung des DOH zugespielt worden, die an einem Juliwochenende 2016 im «Badehaus Goor» in Putbus (Rügen) abgehalten wurde. Mittlerweile liegt das Papier auch «nd» vor. Unter Tagesordnungspunkt 16 (anwesend außer Geipel: die Stellvertreterin, die Schatzmeisterin und die Schriftführerin) steht dort: «Der Vorstand einigte sich darauf, dass Ines Geipel für ihr Engagement und für ihre harte Arbeit in den vergangenen drei Jahren ein Honorar über 20 000 Euro erhalten wird. Erst einmal erhält Ines Geipel 5000 Euro, der Rest wird in weiteren Abschlägen gezahlt.»

Gegenüber «nd» bestätigt Geipel, dass es den Beschluss zur Honorierung in Putbus gegeben habe, es sei aber nie zu einer Auszahlung gekommen: «Es war eine symbolische Geste des Vorstands. Ich hatte enorm viel gearbeitet. Es ging um die Beratungsstelle, das 2. DOHG, Informationsveranstaltungen, Studien. Es war immer klar, dass es zu keiner Auszahlung kommen würde. Der Verein hatte das Geld nicht, und ich hätte es nicht genommen.»

Im «Nordkurier», der seit Monaten kritisch über den DOH und Geipel berichtet, wird die geplante Honorierung in einem Zusammenhang mit einer Großspende durch den Sportartikelhersteller Adidas gesetzt: Adidas zahlte in jenem Jahr an den Verein, der zu dieser Zeit mit jährlich 30 000 Euro haushalten musste, exakt die Summe, die der Vorstand Geipel zahlen wollte: 20 000 Euro. Ines Geipel und auch der neue DOH-Vorsitzende Michael Lehner haben angeboten, «nd» Einsicht in die Rechenschaftsberichte des Vereins zu gewähren. Dies sei aber erst Anfang des kommenden Jahrs möglich.

Die Spende aus Herzogenaurach sei bestimmungsgemäß verwendet worden, sagt Lehner. Auch Geipel versichert, das Geld sei, «wie mit Adidas vereinbart», für die Präventionsarbeit des Vereins« verwendet worden, »sowie für andere, notwendige Vereinstätigkeiten: Website, Einladungskarte für Antidoping-Preis, Technik.«

Kritik eines Mitstreiters

Einen wie Uwe Trömer erstaunt die Diskussion um die DOH nicht. Der ehemalige Radsportler stritt einst mit Ines Geipel gemeinsam für die Opfer. Auch er leidet noch heute unter den Folgen von Doping in der DDR. Der Juniorenvizeweltmeister im Bahnradsport hatte 1983 ein Nierenversagen nach einer Spritzenkur mit einem unbekannten Mittel. Er hat sich bereits 2015 von Ines Geipel und der DOH abgewandt, wie er am Telefon sagt: »Es war nicht mehr auszuhalten: der Führungsstil von Frau Geipel, der beleidigende Umgang mit den Leuten im Verein aber auch der Umgang mit Zahlen: Die wurden immer gepusht. Wenn wir wussten, wir haben 350 Leute erfasst, wurden daraus bei öffentlichen Veranstaltungen 400, 500, 600.«

Auch habe ihn gestört, wie »Opfer vor die Presse gezerrt« worden seien. Dass der DOH in die Kritik geraten sei, wundere ihn nicht, sagt Trömer: »Weil dieser Verein leider nur noch zum Selbstzweck besteht.« Trömer, der einst für den SC Turbine Erfurt fuhr, berät mittlerweile in Zusammenarbeit mit der Thüringer Staatskanzlei und dem Landessportbund Dopinggeschädigte: »Aber nicht lauthals um PR bemüht, sondern im geschützten Raum.«

Das Aufsehen beschert dem DOH neue Antragsteller

Ines Geipel hat sich nun »aus dem Streitfeld« zurückgezogen, wie sie sagt. Sie will dem Verein noch beratend zur Seite stehen. Ihre Kritiker fordern eine Neuausrichtung des DOH und einen anderen Umgang mit den Entschädigungen. Was aber will der DOH? Geipels Nachfolger bei der Doping-Opfer-Hilfe ist seit dem 6. Dezember der Sportrechtler Michael Lehner. Der Heidelberger Rechtsanwalt vertrat in den 90er Jahren die 194 Dopingopfer, die gegen die DDR-Sportführer prozessierten.

Lehner ist seit dieser Zeit auch der Anwalt von Werner Franke. Der Sportrechtler sagt, er könne die Vorwürfe von Franke und Co. nicht nachvollziehen, es wirke auf ihn »wie persönlicher Ärger bei den Vieren«. Er will den Verein nun wieder in ruhigeres Fahrwasser führen und »weiterhin Lobbyarbeit pro Opfer leisten. Dabei wird ganz sachlich gearbeitet. Jede einzelne Beratung wird sehr ordentlich protokolliert. Das Paradoxe ist ja: Gerade jetzt, wo die Kritik kommt, melden sich noch mehr Menschen bei uns.«