So aufgeplustert wie Ex-Starreporter Relotius
Fall Relotius

Aufschneiderei als Kerngeschäft

Der Betrugsfall beim »Spiegel« ist Ausdruck eines systemischen Problems

Von Jürgen Amendt

Ob es abseits der Stochastik überhaupt Zufälle gibt, ist umstritten. Viele Menschen neigen allerdings dazu zu glauben, dass zwei Dinge, die eine Gemeinsamkeit auszeichnet, auf irgendeine wundersame Art und Weise miteinander verknüpft sein müssen, um sich die Mühe zu ersparen, systemische Zusammenhänge zu ergründen. Dieser Glaube erleichtert es den Menschen, dem Chaos eine Struktur zu geben. Kann es also ein Zufall sein, dass das Kinderbuch des Jahres »Fredy flunkert - Lügen haben lange Beine« heißt und gleichzeitig bekannt wird, dass ein Redakteur beim »Spiegel« viele der Geschichten in seinen Reportagen erfunden hat, dass er also laut gängiger Definition ein Lügner ist?

Claas Relotius heißt dieser Lügner. Für seine »Spiegel«-Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen wurde er erst vor Kurzem mit dem Deutschen Reporterpreis 2018 ausgezeichnet. Es war nicht die erste Ehrung. Relotius erhielt unter anderem den Peter-Scholl-Latour-Preis und wurde 2014 von dem US-amerikanischen Sender CNN zum »Journalist of the Year« gekürt. Am Donnerstag dieser Woche meldete der »Spiegel« in einer mehr als 40 000 Zeichen umfassenden Hausmitteilung auf »Spiegel-Online«, dass viele Inhalte in den Reportagen seines Mitarbeiters »erdacht, erfunden, gelogen« waren. »Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake.« Relotius habe die Redaktion des Hamburger Magazins mittlerweile verlassen, teilte Ullrich Fichtner, Chefredakteur des »Spiegel«, weiter mit.

Aufgeflogen ist Relotius, mit einer vor gut einem Monat veröffentlichten Reportage über US-Bürgerwehren im Grenzgebiet zu Mexiko (»Jaegers Grenze«). Der Co-Autor der Geschichte, Juan Moreno, wurde misstrauisch und forschte nach. Nur Morenos Hartnäckigkeit sei es zu verdanken, so Fichtner, dass die Wahrheit ans Licht kam. Jetzt stehen Dutzende von Reportagen, die Relotius in den vergangenen Jahren verfasst hat, auf dem Prüfstand. Und nicht nur der »Spiegel«, auch andere Medien wie die »Süddeutsche Zeitung«, die »taz« und die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«, die die Texte von Relotius veröffentlicht haben, müssen ihre Archive durchforsten.

Auch die Geschichte mit dem Kinderbuch des Jahres wurde frei erfunden - nicht vom Verfasser dieses Artikels, sondern von einer Presseagentur. Diese hatte im Auftrag des Verlages KaleaBook, in dem »Fredy flunkert« im Oktober dieses Jahres erschienen ist, eine Pressemitteilung versandt und im Anschreiben vorsorglich angedeutet (»Oder doch nur Geflunker?«), dass die Meldung eine Lügengeschichte sein könnte.

Die Aufschneiderei ist das Kerngeschäft der PR, es sollte nicht das des Journalismus sein! Womit wir beim »Spiegel« wären, denn der Lügner war noch nie das eigentliche Problem, sondern jene, die die Lüge ermöglichen. Der »Spiegel« ist diesbezüglich ein gebranntes Kind. 2011 wurde dem heutigen Leiter des Hauptstadtbüros des Magazins, René Pfister, nachträglich der Hennri-Nannen-Preis aberkannt, den er 2010 in der Kategorie »Reportage« erhalten hatte. Pfister hatte in seinem Porträt des damaligen CSU-Chefs Horst Seehofer nicht eine falsche Aussage getroffen, aber in den ersten vier Absätzen des Textes beschrieb er Seehofers Modelleisenbahn. Jeder, der des Deutschen halbwegs mächtig ist, musste diese Absätze so lesen, dass Pfister persönlich den Hobbykeller Seehofers in Augenschein genommen hat. Hat er aber nicht, wie er ganz nebenbei bei der Preisverleihung ausplauderte. Die Beschreibungen und Beobachtungen beruhten auf den Angaben Dritter. Als Pfister der Preis daraufhin aberkannt wurde, waren nicht nur die Chefs von Pfister im »Spiegel« empört, die Chefredakteure anderer Blätter, von der »Süddeutschen Zeitung« über »Geo« bis zur »FAZ«, sprangen Pfister und dem »Spiegel« bei. Der »Zeit«-Kolumnist Harald Martenstein bezeichnete die Entscheidung der Jury als »überzogen«, ein journalistischer Text sei schließlich »keine Doktorarbeit, in der jede Quelle zitiert werden muss«, und Pfister beschreibe Seehofers Keller so, wie »ein Historiker, der ein Buch übers alte Rom schreibt und die Römer anschaulich beschreibt«. Nun lernen Journalisten in der Ausbildung aber (oder sollten gelernt haben), dass Quellen genannt werden müssen - und dass Historiker nicht per Zeitreise ins alte Rom reisen können, ist wohl wahr, Seehofer aber lebt noch, man kann ihn zu Hause besuchen!

Die aktuelle »Spiegel«-Affäre ist eine systemische Krise - nicht nur des »Spiegel«, sondern bestimmter Kreise des Journalismus, die sich als »Leitmedien« sehen und von denen der »Spiegel« nur der Primus inter Pares ist. Die Erkenntnis, dass diese Haltung zum Erfinden von Geschichten verleitet, ist nicht neu. 1957 hatte der Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger in einem Essay geschrieben, der »Spiegel« sei gar kein Nachrichtenmagazin, sondern ein Story-Magazin. Eine Story aber, so Enzensberger, »bedarf einer Handlung und vor allem eines Helden (…) sie fingiert Handlung, Zusammenhang, ästhetische Kontinuität. Dementsprechend muss sich ihr Verfasser als Erzähler aufführen, als allgegenwärtiger Dämon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur ein Cervantes ins Herz des Don Quijote, ins Herz seiner Helden blicken kann. Während aber Don Quijote von Cervantes abhängt, ist der Journalist der Wirklichkeit ausgeliefert. Deshalb ist sein Verfahren im Grunde unredlich, seine Omnipräsenz angemaßt.«

Der Konjunktiv fristet in »Spiegel«-Reportagen seit jeher eine Schattenexistenz. Im Stile einer szenischen Rekonstruktion wird alles so geschildert, als ob man im Gehirn des Gesprächspartners säße und die Gedanken direkt anzapfen könne. Dass dies ein systemisches Problem ist, zeigt die ausufernde Stellungnahme Fichtners zum Fall Relotius. Die im vergangenen Jahr erschienene Geschichte über den US-Football-Star Colin Kaepernick, der aus Protest gegen den Rassismus in den USA beim Abspielen der Nationalhymne niederkniete und deshalb von US-Präsident Trump angefeindet wurde, sei von Relotius »in weiten Teilen ausgedacht«, schreibt Fichtner. Statt »beharrlich an Zugängen zu arbeiten, träumt er sich hinein in Räume, die ihm verschlossen bleiben, in Turnhallen, zu denen er keinen Zugang bekommt, auch in Telefonate mit Kaepernicks Eltern. Die Einstiegsszene der Geschichte ist so geschrieben, als hätte Relotius in der ersten Reihe gesessen, aber er war gar nicht da.« Fichtner schreibt das und merkt offenbar gar nicht, dass dieser Befund auch auf ihn zutrifft!

Dort aber, wo ein elitärer Geist herrscht, ist der Missbrauch programmiert. Durch diesen Geist werden die die Egomanen ähnlich magisch angezogen wie die Päderasten von Schulen, die sich mit dem Pathos einer besonderen Pädagogik umgeben, und wenn man den Geist nicht überwindet, also die systemische Ursache abstellt, wird der Missbrauch wieder geschehen.