Nachruf Wolfgang Pohrt

Gegen den Applaus

Er war unerbittlich, brillant und auch noch lustig: zum Glück wurde seine Werkausgabe begonnen

Von Christof Meueler

Mein persönlicher Eindruck: Das hiesige Geistesleben steht wieder mal unmittelbar vor seinem Zusammenbruch«, schrieb Wolfgang Pohrt vor 35 Jahren in »Konkret« - und auch heute denkt man: Stimmt. »Grund für das Interesse auch einer breiten Öffentlichkeit, welches die deutschen Schriftsteller in den letzten Jahren bisweilen auf sich ziehen konnten, waren eigentlich nie ihre Werke.« Im April 1984 kümmerten sich diese Leute vorrangig um »die Palastrevolten, Ranken und Intrigen im Schriftstellerverband«. Der interessiert heute allerdings kaum noch jemanden. Die Autoren beschäftigen sich nun am liebsten mit Twitter. Oder sie übernehmen den Bundesvorsitz der Grünen.

Und was ist mit den Linken? »Wenn Sie heute Student sind, kann Ihnen ein Professor viel von Marx erzählen. Sie werden denken: Wenn ich Marx lese, werde ich wie er, wie dieser Professor, und das ist bestimmt kein Rebell, sondern ein sehr langweiliger Mensch«, sagte Pohrt in einem Interview, nicht zum diesjährigen Jubiläum von 1968, sondern schon 1983. Ich hatte in den 90er-Jahren einen Soziologie-Professor, der hatte bei Adorno promoviert. Er wollte von uns Studenten wissen, ob wir ihm vielleicht sagen könnten, warum er immer noch Mitglied der SPD sei. Wir konnten es nicht. Und er sagte seinen Lieblingssatz: »Wir wissen, so wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Aber es geht weiter.«

Das ist vielleicht auch der Grund, warum der Soziologe Wolfgang Pohrt ab 1989 das Essayschreiben fast komplett einstellte, es sei nur noch eine »schlechte Gewohnheit«, erklärte er in einem Vorwort zu einem Sammelband. Doch seine alten Texte sind immer noch gut für die politische und sprachliche Bildung: brillant formuliert und auch noch lustig. Auf eine zeitlose Art thematisieren sie Formen des Opportunismus und der politischen Paranoia. Zum Glück sind sie wieder erhältlich: Seit Februar erscheinen sie in der Edition Tiamat als »Wolfgang Pohrt Werke«, die den klassischen blauen Bänden der »Marx Engels Werke« nachempfunden sind. Ein Gag, aber auch eine Ehrerbietung des Verlegers Klaus Bittermann für seinen neben Wiglaf Droste wichtigsten Autor.

Mitte Januar kommt der fünfte von insgesamt elf geplanten Bänden heraus, mit Texten von 1982 bis 1984, die ihn bekannt machten.

Damals etablierte sich in der BRD eine neue Szene radikaler Schreiber, die sehr polemisch und originell aufspielten: Wiglaf Droste, Max Goldt, Clara Drechsler, Maxim Biller, Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen waren die nachdrücklichsten; beeinflusst von Gonzo-Journalismus, Punk und der in Deutschland stets verachteten komischen Literatur, unter anderem von den »Pardon«-Autoren, die »Titanic« gründeten. Und dann gab es noch den unerbittlichen Außenseiter Wolfgang Pohrt. Er war schon etwas älter, geboren 1945. Derselbe Jahrgang wie Lemmy Kilmister von Motörhead. Viele glaubten, deren Songs seien nicht auszuhalten, weil sie die Menschen »aggressiv« machen würden. Mit Pohrts Texten war es ähnlich.

»Der Kritiker als Defätist« hatte er 1987 seinen Nachruf auf den »Spiegel«-Kulturredakteur Christian Schultz-Gerstein überschrieben, und das war auch sein Programm. Den Westberliner »Häuserkampf« der »Instandbesetzer« erklärte er zu einem »Aufstand der Heinzelmännchen, eine Mischung aus freiwilligem Arbeitsdienst und Rebellion«, die RAF zu einer »ruinösen Fiktion«, den Feminismus zur »Gemeinschaftsideologie vereinsamter, isolierter Massenmenschen, die einander nicht mögen« und die »taz« zu einem »Blatt von Leuten, die ihre Zukunft hinter sich haben«.

Immerhin druckte die »taz« 1983 seinen Aufsatz »Volkssturm oder Emanzipationsbewegung«, den die »Zeit« zwar bestellt hatte, aber nicht haben wollte, weil er »dem Ernst der Lage nicht angemessen« sei. Darin kritisierte Pohrt den Nationalismus der Friedensbewegung, die den Protest gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen zum »Überlebenskampf eines Volkes gegen die ihm zugedachte physische Vernichtung« stilisierte - ein immer wiederkehrendes Motiv der deutschen Rechten. Mit solchen Überlegungen verging auch »der eigenen Klientel schnell der Applaus«, wie Josef Joffe 1990 in der »Süddeutschen Zeitung« bemerkte.

Zu den Protesten gegen den ersten Krieg der USA gegen Irak 1991 meinte Pohrt in »Konkret«, es brauche »keine Phantasie mehr, um sich die Antiimps oder die Autonomen als Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend oder als Verbände der Aktion Werwolf« vorzustellen. Das klang wie die späteren Antideutschen, doch auch deren Erwartungen verweigerte er sich, als er Anfang der nuller Jahre deren Warnungen vor wachsendem Antisemitismus nicht so ernst nehmen wollte: »Tatsache aber ist, dass die Juden in Deutschland nicht nur keine diskriminierte, sondern überhaupt keine Bevölkerungsgruppe sind, wenn man darunter ein für Außenstehende erkennbares Ensemble von Personen versteht.« Die Probleme würden anderswo liegen: »Die Armen sind wirklich nur noch arm, und seither hat das Thema für die Linke jeden Reiz verloren«, schrieb er 2004.

Der Essayist Pohrt agierte anders als beispielsweise der bis heute als Topdenker gefeierte Peter Sloterdijk. Über dessen »Kritik der zynischen Vernunft« schrieb er 1983: »Da hat einer zehn Jahrgänge FAZ, SZ-, FR- und Zeit-Feuilleton, außerdem Kursbuch, Konkursbuch, Freibeuter etc. in sich hineingefressen, wiedergekaut, aufgestoßen, und das ganze Bildungsgut kam fermentiert und homogenisiert und noch schöner und frischer als ehedem wieder heraus in Gestalt eines dicken Buches. Das Feuilleton hat hineingeschaut, und damit hat die Romanze begonnen. Es war Eigenliebe auf den ersten Blick.«

Romantisch wirkte Pohrt nie. Er hatte über »Die Theorie des Gebrauchswertes« promoviert, konnte aber weder an den Unis noch im Medienbetrieb dauerhaft arbeiten. In den 90ern führte er für die Stiftung von Jan-Philipp Reemtsma praktisch im Alleingang zwei bemerkenswerte Studien durch. Eine über das »Massenbewusstsein« in Deutschland, und eine über Bandenbildung. Danach machte er dann irgendetwas mit Computern, wie man so sagt. Zum Schluss, in seinem 2013 veröffentlichten Büchlein »Das allerletzte Gefecht«, war für ihn der Kommunismus »wie Rauch durch den Kamin« abgezogen. Weil die Zahl der Revolutionäre nach 1968 »nämlich nicht wuchs, sondern schrumpfte«. Wolfgang Pohrt starb am Freitag im Alter von 73 Jahren.

Klaus Bittermann (Hg.): Wolfgang Pohrt Werke, Band 4. Edition Tiamat, 580 S., geb., 30 € (erscheint Mitte Januar).