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Zu nett für den Kapitalismus

Psychologen haben erstmals einen Zusammenhang zwischen dem Kontostand und dem Charakter von Menschen nachgewiesen

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als Student umziehen heißt vor allem eins: alle Freundinnen und Freunde zusammentrommeln, damit sie einem beim Schleppen von Bücherkisten, Matratze, Regalen, Kühlschrank und Co. helfen. Auch wenn der Freundschaftsdienst meist schweißtreibend ist, kann man sich darauf verlassen. Denn es gilt die Devise: »Helfe ich dir, hilfst du mir.«

Wird man älter, beauftragen viele dann doch ein Umzugsunternehmen. Das liegt nicht allein daran, dass sich mehr Hausrat angesammelt hat oder die Freundinnen und Freunde fauler geworden sind. Es hat auch mit dem höheren Einkommen zu tun, das man mittlerweile hat. Denn Menschen mit geringen finanziellen Mitteln helfen sich häufiger. Kurz gesagt, sie sind sozialer eingestellt. Dies wiesen Psychologen kürzlich in einer Studie nach. Sie lieferten als erste eine »empirische Evidenz« für den Zusammenhang zwischen dem sozialen Charakter und der finanziellen Situation der Menschen, schreiben Sandra Matz von der Columbia Business School und Joe Gladstone vom University College London im »Journal of Personality and Social Psychology« der American Psychological Association.

Dabei geht es bei weitem nicht nur um Hilfe beim Umzug. Man könnte auch sagen, die These der Psychologen lautet: Soziale Menschen sind zu nett für den Kapitalismus.

Für ihre Analyse werteten die Forscher sieben Studien aus Großbritannien und den USA aus, in denen Personen nach der Selbsteinschätzung ihres Charakters und ihrer finanziellen Situation gefragt wurden. Sie sollten etwa Auskunft geben über Verdienst, Ersparnisse und Schulden, ob sie mal in finanziellen Nöten steckten oder ob sie »manchmal rücksichtslos gegenüber anderen« oder »rücksichtsvoll und nett zu den meisten« seien.

Laut Matz und Gladstone wurde bereits früher angenommen, »dass der vertrauensvolle und beziehungsorientierte Charakter von liebevollen Menschen sie zu schlechteren Verhandlungsführern macht und sie anfälliger für Ausbeutung durch andere sind«. Menschen mit sozialerem Charakter würden gegenüber ihren stärker wettbewerbsorientierten Kollegen bei Verhandlungen weniger Forderungen stellen und mehr Zugeständnisse machen. Infolgedessen holten umgängliche Personen bei Verhandlungen schlechtere Ergebnisse heraus als ihre unangenehmen Widerparts.

In der jetzt vorgelegten Studie konnten die Forscher tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem Charakter einer Person und seinem Kontostand nachweisen. Doch ihre Untersuchungen unterstützten nicht unbedingt die Hypothese, dass selbstlosere Menschen bei Verhandlungen übervorteilt würden. Stattdessen würden umgänglichere Menschen Geld weniger Bedeutung beimessen und deswegen weniger sparen. Will heißen: Gute Menschen sind spendabel und geben ihr Geld gerne aus, um anderen zu helfen.

Dabei muss man sich Freundlichkeit aber leisten können. »Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Freundlichkeit und Vertrauen Kosten verursachen, besonders für jene, die nicht die finanziellen Mittel haben, um ihre Persönlichkeit zu kompensieren«, heißt es in der Studie. Wer viel Geld hat, kann Menschen in Not problemlos helfen. Ärmere Menschen bringt ihr Altruismus dagegen schneller in finanzielle Engpässe.

Doch wie genau die Zusammenhänge zwischen Kontostand und Charakter sind, was die Bedingung für was ist, können die Forscher nicht sagen. »Es erfordert weitere Studien, um die zugrunde liegenden Mechanismen und Prozesse erklären zu können, die den Charakter einer Person sowie dessen finanzielles Verhalten und Einstellung zum Geld bestimmen«, schreiben die Forscher.

So sei anzunehmen, dass geringes Einkommen und eine sozialere Einstellung zu einer schlechteren Finanzlage führten. Doch es könnten frühere finanzielle Engpässe Menschen auch umgänglicher gemacht haben. »In der Tat scheinen Untersuchungen zu belegen, dass ärmere Personen der Gemeinschaft einen höheren Wert beimessen und sich auf soziale Beziehungen konzentrieren, wenn sie einer schwierigen Lage sind«, schreiben die Forscher. »Personen mit niedrigem Einkommen, die finanzielle Härten erlebten, fühlen sich vielleicht stärker abhängig von anderen und ändern ihr Verhalten in die Richtung, dass es für sie wahrscheinlich wird, mal selbst Unterstützung zu bekommen.«

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