»Erstickendes Klima der Angst«

Was aus dem Widerstand iranischer Frauen vom Jahresbeginn geworden ist

  • Von Gilda Sahebi
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor fast einem Jahr, am 27. Dezember 2017, beschloss Vida Movahed, ihr Kopftuch abzunehmen. Die zierliche Frau stieg mitten in der iranischen Hauptstadt Teheran auf einen Stromkasten, band ihr weißes Kopftuch an einen Stock und hielt ihn in die Höhe. Das Kopftuch wehte im Wind. Stumm stand sie, ihre schwarzen Haare unverschleiert, den Stock in der Hand, auf dem Kasten. Das Bild ging um die Welt. Wegen ihres leisen, friedlichen Protests gegen das staatlich erzwungene Tragen des Hijab wurde die 31 Jahre alte Vida Movahed verhaftet. Nach ihrer Freilassung wenige Wochen darauf hat sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt.

Seit der Islamischen Revolution von 1979 müssen sich in Iran Frauen im öffentlichen Raum verschleiern. Sie dürfen in der Öffentlichkeit außerdem weder singen noch tanzen. Neben der staatlichen Kleider- und Verhaltensordnung unterliegen Frauen auch der Willkür der Mullahs.

Dagegen wehren sie sich zusehends. Anfang dieses Jahres schlossen sich immer mehr Iranerinnen dem Protest gegen den Verschleierungszwang an. Unter den Twitter-Hashtags MyStealthyFreedom und WhiteWednesday teilten sie Fotos und Videos, auf denen sie sich ohne Kopftuch zeigten. Am Internationalen Frauentag ging - ebenfalls in den Sozialen Medien - das Video dreier Frauen viral, die in der U-Bahn ihre Kopftücher abnahmen und ein feministisches Lied sangen. Die Identität einer dieser drei Frauen wurde wenig später öffentlich: Die 29 Jahre alte Atefeh Ahmadi. Sie verließ Iran, um nicht dem Staat in die Hände zu fallen.

Shaparak Shajarizadeh wurde schon zweimal verhaftet, weil sie sich unverschleiert in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Auch sie beteiligte sich am friedlichen Protest. Im Juli wurde sie zu einer weiteren Gefängnisstrafe verurteilt: 20 Jahre Haft, 18 davon auf Bewährung. »Ich soll 18 Jahre lang meinen Mund halten«, sagt sie in einer Videobotschaft kurz nach der Urteilsverkündung. Shajarizadeh fasst sich immer wieder an den Kopf, die langen hellbraunen Haare fallen ihr ins Gesicht. Die 42-Jährige starrt ungläubig in die Kamera und bringt zu Beginn des einminütigen Videos kein Wort heraus. Dass sie nur zwei von 20 Jahren absitzen soll, scheint ihr kein Trost zu sein. Sie habe doch nur gegen ein diskriminierendes Gesetz protestiert, sagt sie laut, schreit fast.

Was also ist vom Protest geblieben? Atefeh Ahmadi - die unverschleiert in der U-Bahn gesungen hatte - sagte im August, inzwischen im Exil, einem US-amerikanischen Radiosender: »Es gab von der Regierung keine bestimmte Reaktion, keinen positiven Wandel, was Gesetze gegen Frauen angeht. Es gab nur eine Serie der Verhaftungen und Verfolgungen.« Tatsächlich scheint es derzeit eine noch stärkere Repression zu geben als vorher. Im September berichtete Amnesty International, dass die konsequente Verfolgung von Anwälten, Aktivisten und Bürgerrechtlern zu einem »erstickenden Klima der Angst« geführt habe.

Dem iranischen Regime kam dabei jemand zu Hilfe: Donald Trump. Mit seinem kompromisslosen Kurs gegenüber Iran und weiteren Sanktionen hat er das Land in eine schwere Krise gestürzt. Iranerinnen und Iraner sind wirtschaftliche Härten zwar gewohnt. Das Regime und die Revolutionsgarden stecken das Geld seit jeher in die eigenen Taschen - Korruption in Staat und Armee sind die Haupttreiber der wirtschaftlichen Misere. Dieses Mal aber, hört man von vielen Menschen, sei die Situation aufgrund der Sanktionen schlimmer als je zuvor. Insbesondere der zunehmende Mangel an wichtigen Medikamenten bringt die Bevölkerung in Existenznöte.

Der Wunsch der Frauen nach Gleichberechtigung verschwindet in dieser Situation, zumindest oberflächlich, aus dem allgemeinen Bewusstsein. Zwar gibt es weiterhin mutige Iranerinnen, die öffentlich das Kopftuch ablegen. Fotos und Videos im Netz zeugen davon. Aber es hat sich eine Depression über das Land gelegt. Die Menschen sind am Ende dieses Jahres vor allem damit beschäftigt, über die Runden zu kommen. Oder sie fliehen ins Ausland. So wie Shaparak Shajarizadeh. Sie verließ Iran, bevor sie ihre Haft antreten musste. Mit einem weiteren Video wandte sie sich an die Öffentlichkeit: Sie habe sich im Land nicht mehr sicher gefühlt. Doch ihr trotziger Blick scheint zu sagen: Eine iranische Frau lässt sich nicht mundtot machen.

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