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  • Im Kino: Drei Gesichter

Jenseits von Teheran

In Iran auf dem Land gibt es keine Revolutionswächter, aber starre Traditionen: der Film »Drei Gesichter« von Jafar Panahi

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 4 Min.

Gab es einen Schnitt? Hätte der Ast das Gewicht überhaupt ausgehalten? Diese Fragen stellt sich Behnaz Jafari auf der Fahrt in die iranische Provinz. Sie hat ein Handyvideo der jungen Marziyeh erhalten, die Schauspielerin werden wollte, aber in ihrem Dorf heiraten sollte. Da sie vergeblich um die Vermittlung der berühmten Schauspielerin Jafari bei ihrer Familie gebeten habe, sehe sie nun keinen anderen Ausweg als den Suizid. Nur eine Inszenierung? Jafari ist sehr beunruhigt und fährt mit dem Regisseur Jafar Panahi in das Dorf des Mädchens, um die Wahrheit herauszufinden.

Das ist die Ausgangssituation in Jafar Panahis neuem Film »Drei Gesichter«, in dem er, der im Iran mit einem Berufsverbot belegte und zu einer Haftstrafe verurteilte Regisseur, und Behnaz Jafari sich selbst in einem fiktionalen Szenario spielen.

Es handelt sich um ein Road Movie, das über weite Strecken im Auto spielt, aber auch um eine Variante des Genres »Stadtbewohner stecken in einem Dorf fest, in dem bizarre Gebräuche herrschen«, nur ohne das in US-amerikanischen Filmen dann unvermeidliche Blutvergießen. Marziyeh lebt, so viel darf verraten werden, denn die eigentlichen Themen des Films sind das schwierige Zusammenkommen zweier iranischer Frauen mit sehr unterschiedlichem sozialem Status und die Kluft zwischen Stadt und Land.

Jenseits von Teheran mit seinen sechsspurigen Autobahnen und alltäglichen Protesten gegen das Regime gibt es noch einen anderen Iran, weitgehend isoliert und vor allem über das Fernsehen mit dem Rest der Welt verbunden. Hier, wo der Repressionsapparat nicht präsent ist, legen sich die Menschen ihre Fesseln noch selbst an. Man lebt nach patriarchalen Traditionen und gibt sich die für den Umgang mit Neuerungen erforderlichen Regeln selbst. Schon um auf dem einspurigen Feldweg durch die Berge in das Dorf zu gelangen, muss man die Hupregeln beachten - die durchaus politisch sind, wie sich herausstellt.

Wie wohl alle Zuschauerinnen und Zuschauer es tun werden, sympathisiert offenkundig auch Panahi mit dem Wunsch Marziyehs, aus diesen Verhältnissen auszubrechen. Aber es gelingt ihm, die zuweilen skurrilen Gegner ihres Berufswunsches - und dieser ist eine Angelegenheit, die das ganze Dorf beschäftigt - darzustellen, ohne sie zu denunzieren oder zu verspotten; so werden auch die Ambivalenzen in ihrem Leben deutlich. Ungeachtet der Freude über den prominenten Besuch hält man zu der »Gauklerin« Behnaz Jafari immer misstrauische Distanz. Dann aber übergibt ein alternder Patriarch ihr ein Bündel mit der bei der Beschneidung entfernten Vorhaut seines Sohnes und äußert den Wunsch, Panahi möge es an einer für den Sprössling karrierefördernden Stelle platzieren. Ein Moment, in dem der Patriarch - sorgsam darauf achtend, dass nicht einmal seine Ehefrau etwas davon mitbekommt - der Fremden aus der Stadt dann doch etwas sehr Intimes preisgibt.

Die berühmte Schauspielerin und der Regisseur werden bewundert - deshalb glaubt Marziyeh auch, Jafari könne vermitteln -, sie und Panahi gelten aber als Wesen aus einer anderen Welt. Ein Mann darf schon eher dorthin hinaus, will aber eine Frau Teil dieser Welt werden, gilt dies den Dorfbewohnern als Angriff auf die Lebensweise aller. Doch nicht alle, auch das stellt sich bald heraus, denken gleich. Marziyeh trifft auch auf Verständnis, hat sogar Verbündete, eine Freundin und die verarmte ehemalige Schauspielerin Shahrazade, die angefeindet, aber wegen ihres starrsinnigen Bleibens geduldet wird und in einer Hütte am Rand des Dorfes lebt. Jafari beobachtet aus dem Auto hinter einem Vorhang die Silhouetten der drei Frauen, die in der Hütte tanzen. Die Ausgestoßenen und Ausbrechenden sind die einzigen, die sich in diesem sehr ernsten Dorf auch mal amüsieren; möglich ist das allerdings nur in sicherer Distanz zu den Männern.

Man kann darüber streiten, ob die »Drei Gesichter« die der drei Frauen (obwohl Shahrazades nie zu sehen ist), oder die Panahis, Jafaris und Marziyehs sind, symbolisch für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder auch Tradition, Rebellion und Ambivalenz stehen; die Deutungen müssen einander nicht ausschließen. Panahi ist jedenfalls ein schöner, einfühlsamer, melancholischer und ohne Pathos kämpferischer Film gelungen. Bedenkt man, wie viele Regisseure mit ungleich größerem Budget ihre Sujets verpatzen, könnte man fast zu dem zynischen Schluss kommen, dass die Diktatur kreativitätsfördernd ist. Ähnlich wie seine Protagonistinnen muss auch Panahi Risiken eingehen und sich etwas einfallen lassen, um weitermachen zu können. »Ich habe mir immer wieder gesagt, dass ich nicht aufgeben kann und einen Weg finden muss, um weiter arbeiten zu können«, sagte der Regisseur, der den Iran nicht verlassen darf, im Oktober. »Ich bin nicht allein.« Dass seine Filme im Ausland zahlreiche Auszeichnungen erhielten, dürfte ein gewisser Schutz für ihn sein. »Drei Gesichter« erhielt beim diesjährigen Filmfestival in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Im Iran darf auch dieser Film nicht gezeigt werden.

»Drei Gesichter«, Iran 2018. Regie: Jafar Panahi. Darsteller: Jafar Panahi, Behnaz Jafari, Marziyeh Rezaei. 100 Min.

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