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  • Kultur
  • "Westend" am DT Berlin

Die triste Erosion der Mitte

»Westend« von Moritz Rinke am Deutschen Theater in Berlin

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

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Stück? Nein Feuilleton! Das ist nicht neu bei Moritz Rinke, der einst auf geistreich-ironische Art über Mittelstandsneurosen zu berichten wusste. Eines seiner frühen Nicht-Stücke »Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte« (mit Nina Hoss und dem leider inzwischen tödlich verunglückten Guntram Brattia) lief bereits Ende der 90er Jahre am Deutschen Theater in der Regie von Stefan Otteni.

Intendant Thomas Langhoff hatte Otteni die Kammerspiele zwecks Verjüngung übergeben, während sich Thomas Ostermeier in der Baracke nebenan bei Mark Ravenhills »Shoppen und Ficken« austobte. Offiziell galt das als eine im Fiasko endende Krisenzeit des Deutschen Theaters, innoffiziell passierten wunderbar wüste Dinge. Die junge Wilden waren Hassobjekte, innerhalb und außerhalb des DT. Man spielte vor einem fast leerem Zuschauerraum - es war wirklich auf großartige Weise radikal!

Lang ist es her, inzwischen dümpelt das Deutsche Theater auf halben Wege zwischen ausrechenbarer Repräsentations- und uninspirierter Boulevardbühne dahin. An gutem Willen mangelt es nicht, jedoch offenbar an anderem.

Regisseur Stephan Kimmig hat zu den Texten von Moritz Rinke ebenfalls eine lang andauernde Beziehung, darum inszeniert er nun auch »Westend«. Der Inhalt sei hier so kurz gefasst, wie es diese unglaubliche Handlung verdient: Ein Schönheitschirurg (Ulrich Matthes) zieht mit seiner Frau, einer Opernsängerin (Anja Schneider) in ein altes Haus in bevorzugter Wohnlage, die Möbel lassen auf sich warten, dafür kommen ungebetene Gäste, die gleich nebenan wohnen, ein bekannter Filmregisseur mit Frau und Tochter (Linn Reusse), die oppositionell gestimmt ist und darum gleich das leere Haus in Beschlag nimmt. Darüber, ob dies nun noch ein Haus oder doch schon eine Villa ist, kann man hier ungefähr fünfzehn Minuten debattieren, mit unentschiedenem Ausgang.

Das Bühnenbild von Katja Haß gefällt sich im Apokalypse-Ambiente. Weiße Wände, ein bisschen antikisch, ein bisschen auch jener »Raum, den sie mit Milch getüncht haben« aus Georg Trakls »Psalm«, ein Sinnbild für den Tod. Aber wie gesagt, nur ein bisschen, hier klammert man sich an Sentenzen wie an Strohhalme: »Die Liebe war früher irgendwie in der Waagerechten, aber jetzt ist sie in der Senkrechten, sie hat sich aufgerichtet wie die Titanic kurz vor dem Untergang.«

Der alternde Schönheitschirurg schafft es, vielleicht aufgrund seines Berufes, mit jeder halbwegs jungen Frau, die ihm begegnet, irgendwie anzubändeln, nur für seine Ehefrau bringt er kaum noch Interesse auf. Gerade hat er ihren Geburtstag vergessen, eine neues Kapitel der Ehetragödie droht. Dann kommt auch noch ein alter Bekannter, Michael (ebenfalls Chirurg) zu Besuch, der der singenden Ehefrau des Schönheitschirurgen, wie sich bald herausstellt, einst mehr war als bloß ein guter Bekannter. Für »Ärzte ohne Grenzen« hat er die letzten Jahre in Afrika und Afghanistan gearbeitet, sah dort schreckliche Dinge und ist offensichtlich traumatisiert. Leider agiert Paul Grill als Michael nun selbst so grobmotorisch, als stünde er andauernd neben sich.

Das anwesende Haus-Villen-Personal verstrickt sich im Fortgang in lauter Beziehungskämpfe, die uns zwar nichts angehen, aber darin gipfeln (so der dramatische Höhepunkt des Abends), dass jeder zu seines Lieblingsmusik ein ausführliches Tanzsolo absolvieren muss. Ulrich Matthes als letzter an der Reihe rettet sich nach einem wüsten Ausbruchs-Indianertanz (sehenswert!) keuchend in den eher matten Schlussapplaus. Diese Inhaltsangabe hört sich übrigens sehr viel amüsanter an, als dieser immerhin dreistündige Abend zu sein vermag.

Was ist das? Ein geschredderter Tschechow, ein missbrauchter Ingmar Bergman oder eine recycelte Yasmina Reza? Man raunt auch etwas von Goethes »Wahlverwandtschaften«. Jedenfalls nichts eigenes. Dafür von allem ein bisschen, ein Sammelsurium von Klischees über ein Bürgertum im Niedergang inmitten einer barbarischen Welt. Vor allem ist es, was es bei Rinke immer ist: ein Feuilleton über grassierenden Moralismus und grenzenlose Eitelkeit. Über das traurige Treibgut Mensch inmitten eines wie von einem gefährlichen Virus befallenen Zeitgeistes.

Die Regie von Stephan Kimmig ist angesichts dieses merkwürdigen Textes so einfallslos naturalistisch, dass man es fast nicht glauben mag. Wenn er hier wenigstens (wie einst Otteni) versucht hätte, einen auf absurde Weise forcierten Totentanz, eine tragikkomische Burleske auf die Bühne zu bringen! Statt dessen zähe Konversation, hölzerne Dialoge, zumal oft frontal ins Publikum gesprochen. Diese Formlosigkeit ist quälend.

Immerhin, Ulrich Matthes als Hauptfigur kann den Totalabsturz des Abends gerade noch verhindern, schafft in all dem vor sich hin plätschernden Gerede Inseln der Distanz, der Befremdung. Er folgt hier nicht bloß der Narzissmus- als Zeit-Diagnose Rinkes, er nimmt sie auf und gibt etwas eigenes mit seinem Spiel zurück. Anja Schneider liegt die Rolle der gut situierten Ehefrau im Opfermodus, der man nun auch noch die versprochene Rolle in Haydns »Schöpfung« verweigert hat, eher nicht - dabei war sie bei Armin Petras einst ungemein ausdrucksstark.

Aber das Schöne selbst an unin-spirierten Theaterabenden wie diesem: man kann immer auch Entdeckungen machen. Wie erfrischend: Linn Reusse (gerade 26 Jahre alt) als ins falsche Ehe-Idyll des Schönheitschirurgen einbrechende Nachbarstochter! Der Enkelin des bedeutenden Schauspielers (einst auch am Deutschen Theater) Peter Reusse gelingt zudem etwas Wunderbares: eine eigene Form. Sie weiß offenbar, was man an diesem Haus weitgehend vergessen hat: Form ist immer künstlich. Das beginnt mit einem Blick, einer Erstarrung des Gesichts, einem Gestus. Für diesen Mut (und diese Fähigkeit) einen Ausdruck auch jenseits der gesprochenen Worte gefunden zu haben, kann man sie nur bewundern.

Nächste Vorstellungen: diesen Freitag, 31.12., 5.1., 13.1., 28.1. DT, Berlin

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