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Mit Karoline in die Zukunft

Hamburger Senat setzt mit dem Rückkauf der Energienetze Ergebnisse der Volksabstimmung von 2013 um

  • Von Folke Havekost, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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So schnell ging Einbürgerung selten: Erst Ende November weihte Bürgermeister Peter Tschentscher nahe des Hamburger Messegeländes Vattenfalls Elektroheizkessel »Karoline« ein. Mit Beginn des Jahres 2019 gehört Karoline schon zur Stadt: Der 45-Megawatt-Kessel, der vornehmlich aus Windenergie gespeist 13 500 Wohnungen wärmen kann, ist Teil des 950-Millionen-Euro-Pakets, mit dem die Metropole die Mehrheitsanteile von Vattenfall an den Energienetzen zurückerwirbt. Der größte Teil davon ist nicht so auffällig wie die »Power-to-Heat-Anlage« Karoline, sondern liegt unter der Erde: 830 Kilometer Rohre befördern Fernwärme in Hamburger Haushalte.

Mit dem Rückkauf setzt der Senat die Volksabstimmung vom September 2013 um, in der 50,9 Prozent der Hamburger für eine Rekommunalisierung der Verteilnetze für Strom, Gas und Fernwärme votierten. Für den SPD-Politiker Tschentscher ist es eine »gute Lösung«, neben seiner Partei stimmten auch der grüne Koalitionspartner und die oppositionelle LINKE in der Bürgerschaft zu. Weil der schwedische Noch-Besitzer in den vergangenen Jahren nicht gerade Unsummen in die Wartung investiert hat, befürchten die Gegner des Modells allerdings hohe Wartungskosten und damit einhergehend steigende Strompreise. »Der Rückkauf verschwendet Steuergelder und verteuert die Fernwärmepreise«, kritisiert FDP-Fraktionschef Michael Kruse.

»Das gesamte Geschäftsmodell ist so gerechnet, dass es zu keinen Preiserhöhungen für die Kunden kommt, die über Gas- oder Ölpreise hinausgehen«, versichert dagegen Jens Kerstan. Der grüne Umweltsenator verspricht sich vom Kauf auch einen forcierten Umstieg auf umweltfreundliche Energien durch die mit hohem Nutzungsgrad (85 Prozent) ausgestattete Kraft-Wärme-Kopplung.

2015 wurden 463 187 Wohneinheiten aus dem zentralen Fernwärmenetz mit 5000 Gigawattstunden Strom und 3761 Gigawattstunden Wärme versorgt. »Fernwärme ist vor allem in der inneren Stadt verfügbar«, erklärt Jan Dube von der Behörde für Umwelt und Energie. Die zuständige Wärmegesellschaft VWH plane ein Wachstum von rund 7000 Wohneinheiten pro Jahr. Wo bei Neubauten oder Sanierungen ein Anschluss an Fernwärme möglich ist, wird er gefördert. Mehr als 70 Prozent der von der Hamburgischen Investitions- und Förderbank unterstützten Projekte sind mit Fernwärme verbunden.

»Aktuell ist es das Ziel, Fernwärme im Zuge des Entwicklungskonzepts ›Stromaufwärts an Elbe und Bille‹ auch verstärkt im Hamburger Osten anzubieten«, sagt Dube, bittet dabei aber um Geduld: »Infrastrukturentwicklungen für ganze Viertel und Stadtteile sind aber immer ein langfristiges Projekt.«

Mit dem Auslaufen kommunaler Konzessionen an private Anbieter werden Rekommunalisierungsmodelle deutschlandweit verstärkt in Städten und Gemeinden diskutiert. Das nordschwäbische Donauwörth übernimmt 2020 die Mehrheit am Stromnetz, das westfälische Marl überlegt, zu diesem Zweck eigene Stadtwerke zu gründen - gemeinsam ist diesen Bestrebungen, den kommunalen Gestaltungsspielraum in der Energiepolitik zu erhöhen.

Entscheidend für die Umweltverträglichkeit der Energiegewinnung bleibt der verwendete Rohstoff - weshalb Hamburg im nächsten Jahrzehnt umrüsten will. In den Kraftwerken Wedel und Tiefstack wird Kohle verbrannt, dies soll sich bis 2025 unter anderem durch eine geplante Fernwärmeleitung unter der Elbe (»Südvariante«) ändern, in die Industrieabwärme eingespeist werden könnte. »Wir peilen an, das Kohlekraftwerk Wedel bis 2022/23 vom Netz zu nehmen und durch dezentrale und größtenteils erneuerbare Energiequellen zu ersetzen«, so Umweltbehördensprecher Dube: »2025 soll das Kraftwerk Tiefstack umgerüstet und ohne Kohle betrieben werden.«

Für den BUND-Landesvorsitzenden Manfred Braasch, den die »Bild« nach dem Gewinn des Volksentscheids 2013 zum Schattenbürgermeister ausrief, ist die Rekommunalisierung nur ein wichtiger Schritt hin zu einem klimafreundlicheren Hamburg. »Das wichtigste Ziel bleibt, Moorburg als größten Klimakiller Hamburgs bis spätestens 2030 stillzulegen.« Das ab 2007 gebaute Steinkohlekraftwerk im Süden der Stadt stößt seit seiner Inbetriebnahme 2015 jährlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 aus. Als der damalige Bürgermeister Ole von Beust mit seiner CDU-Alleinregierung den Kraftwerkbau genehmigte, zogen die Grünen 2008 gegen »Kohle von Beust« in den Wahlkampf - um dann eine Koalition mit den Christdemokraten zu schließen.

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