Mietenwahnsinn

Tapetenwechsel online

Berlin will Wohnungsprobleme mit einem Tauschportal lindern

Von Tim Zülch

Thomas Michaels sitzt etwas ratlos vor seinem Rechner und klickt sich durch das neue Wohnungstauschportal der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Es ist erst im Herbst online gegangen. Gibt er dort seine persönlichen Suchkriterien für eine Tauschwohnung ein, ploppt immer wieder ein Feld auf, das ihm »0 Treffer« anzeigt. Beim Einzug war seine Wohnung der städtischen Gesellschaft Stadt und Land für ihn die »Traumwohnung«. Zwei Zimmer, Küche, Bad - insgesamt 70 Quadratmeter. »Auf dem Balkon stehend konnte ich durch eine Baulücke bis nach Mitte schauen«, schwärmt Michaelis noch heute.

Die Baulücke ist mittlerweile zugebaut, und seit sich ein zweites Kind angekündigt hat, sind er und seine Partnerin Gesine Markert auf der Suche nach einer größeren Wohnung. Doch die gestaltet sich schwierig. Obwohl die beiden berufstätig sind, rangieren die Preise auf dem Berliner Wohnungsmarkt fast immer über ihrem Limit. Da kam ihnen das Wohnungstauschportal der landeseigenen Wohnungsunternehmen, die zusammen mehr als 305 000 Wohnungen in ihrem Bestand haben, gerade recht. Sehr bald hatten sie sich angemeldet.

Es war eines der Anliegen von Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (LINKE), dass der Wohnungstausch innerhalb des landeseigenen Wohnungsbestandes mieterfreundlicher wird. Da galt es auch interne Widerstände zu überwinden, schließlich haben die auf Wirtschaftlichkeit getrimmten Unternehmen finanziell mehr davon, wenn sie einen Mietvertrag mit neuen Konditionen abschließen können. Im September war es schließlich soweit. Seitdem können Interessenten nun das Wohnungstauschportal unter der Adresse »inberlinwohnen.de« aufrufen und, nachdem sie sich registriert haben, nach passenden Tauschwohnungen suchen.

Neu ist, dass die Tauschpartner nun unternehmensübergreifend beispielsweise zwischen degewo und Stadt und Land ebenso tauschen können, wie zwischen Gewobag und WBM, und dass sie bei einem erfolgreichen Tausch in die Bestandsmiete des Vorgängers eintreten können. »Das ist«, so Senatorin Lompscher, »der wesentliche Vorteil gegenüber allen bisherigen Lösungen, weil damit der Neuvermietungszuschlag entfällt und ein Mieterhöhungssprung vermieden wird.«

Ende November konnte ein erster Erfolg verbucht werden: In Lompschers Beisein wurde der erste Wohnungstausch über das Portal vollzogen. Zum Jahresende gebe es immerhin 26 potenzielle Tauschpartner, die sich durch ein mehrstufiges Verfahren gefunden hätten, erklärt der Sprecher des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, David Eberhart.

Dass das die Wohnungsprobleme Berlins nicht auf einen Schlag löst, ist selbstverständlich auch der Bausenatorin klar. Dem »nd« sagt Lompscher: »Also, wenn tatsächlich ein Einpersonenhaushalt aus einer Dreizimmerwohnung auszieht, und dafür eine Familie mit Kind eine angemessen große Wohnung bekommt, dann haben wir zwei Wohnungsprobleme gelöst, ohne eine Wohnung gebaut zu haben«. Was allerdings nicht bedeute, dass sie in Zukunft keine Wohnungen mehr bauen wolle, schiebt sie schnell nach.

In dieser Modell-Annahme der Senatorin liege aber ein Teil des Problems, dass es bei über eintausend Tauschwilligen bisher nur zu 26 potenziellen Tauschpartnern gekommen ist, findet Thomas Michaels. »Alle wollen sich vergrößern, aber keiner will sich wirklich verkleinern und da ist sozusagen momentan eine Lücke«, stellt er zumindest beim Spiel mit den Suchkriterien immer wieder fest. Doch wie ältere Mieterinnen und Mieter, die in großen Wohnungen wohnen, die sie alleine nicht mehr bräuchten, dazu bewegt werden können, in eine kleinere Wohnung zu tauschen und damit einer jungen Familie Platz zu machen, ist eine offene Frage. Katrin Lompscher spricht diesbezüglich davon, dass man »bestimmten Bewohnergruppen vielleicht ein bisschen unter die Arme greifen muss«. Konkrete Ideen dazu gibt sie aber nicht preis: Das sollten die Sachbearbeiter in den Kundenzentren »im Einzelfall ein bisschen erspüren«, so die Senatorin.

David Eberhart berichtet davon, dass zwei der Wohnungsbaugesellschaften auch gezielt Briefe an ältere Mieterinnen und Mieter von großen Wohnungen, mit Hinweis auf die Wohnungstauschmöglichkeit, verschickt haben. Dies habe allerdings bei einigen der Angeschriebenen - was durchaus verständlich sei - zu Verunsicherung geführt.

Gesine Markert, Lebenspartnerin von Thomas Michaels, hat noch eine andere Idee. Sie sieht in einem Wohnungstausch auch Potenzial für neue soziale Kontakte für ältere Menschen: »Der Wohnungstausch könnte noch stärker eingebettet werden in eine gegenseitige Verantwortung. Dass man gemeinsam an Veranstaltungen teilnimmt. Oder die ältere Person ruft an, wenn was zu reparieren ist, oder spielt mit den Kindern. So wären ältere Mieter dann auch wieder stärker eingebunden.«