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Robert Menasse

Spiegelfechterei um Sezessionisten

Von Karlen Vesper

»Was kümmert mich das ›Wörtliche‹, wenn es mir um den Sinn geht«, kontert Robert Menasse (Jahrgang 1954) die Kritik an einem Artikel, den er 2013 (!) für die »FAZ« verfasste. Darin hatte der österreichische Romancier dem deutschen Politiker Walter Hallstein (1901 - 1982) Zitate angedichtet, die dieser nie sagte oder schrieb, darunter: »Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.«

Nun ist es so eine Sache mit Politikerworten, vor allem jenen, die Flügel bekamen. Die wenigsten werden von Zeitgenossen oder der Nachwelt im O-Ton kolportiert. Man denke an »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Und: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« Weder Michail Gorbatschow noch Willy Brandt empörten sich über die pointierte Verknappung. Die geflügelten Worte waren nicht sinnentstellend.

Der Historiker Heinrich August Winkler, der über die falschen Hallstein-Zitate stolperte, ist jedoch der Ansicht, dass diese nicht den Grundüberzeugungen und Intentionen von Adenauers Staatssekretär des Auswärtigen entsprächen. Was man dem Professor allein ob der Parteizugehörigkeit Hallsteins (CDU) unbesehen glauben möchte und mit etwas Wissen um dessen Biografie und politisches Tun bestätigt vermeint. Das ehemalige Mitglied des NS-»Rechtswahrerbundes« war kein Kosmopolit oder Internationalist. Man sollte Hallstein auch nicht zu den großen Europäern zählen. Selbst als erster Vorsitzender der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, EWG, verfocht er isolationistisch-protektionistische, aus nationalstaatlichem Egoismus gespeiste Positionen. Die nach ihm benannte außenpolitische Doktrin trug zur Zementierung der Spaltung Europas in Ost und West sowie der Welt zwischen den Blöcken bei. Der kleingeistige Sezessionist sollte ergo, wenn überhaupt, wahrheitsgemäß zitiert werden, selbst im Roman.

Nun aber den Fall Menasses, eines leidenschaftlichen, klugen Europa-Kritikers und Europa-Visionärs, mit dem des »Spiegel«-Redakteurs Relotius gleichzusetzen, geht fehl. Spiegelfechterei.

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