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Der gläserne Skispringer

Technologie macht aus Flügen eine Datenflut

  • Von Lars Becker, Innsbruck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die geheimnisvolle rote Dose wiegt nur etwa 10 Gramm, ist hinter der Skibindung montiert und könnte theoretisch bald die Erfolgsgeheimnisse von Überflieger Ryoyu Kobayashi lüften. In ihr steckt ein Hightech-Sensor, dessen Signale von 16 rund um die Schanze verteilten Antennen aufgenommen werden. Die Daten, von denen einige wie die Entwicklung der Fluggeschwindigkeit vom Absprung bis zur Landung auch für die Fernsehzuschauer aufbereitet werden, sollen die Flüge der Skispringer enträtseln - und den oft in seinen Details mysteriösen Abenteuersport noch ein Stück verständlicher machen.

»Der Chip liefert bei jedem Sprung schier endlos Daten über die Leistungen der Athleten. Für die TV-Zuschauer werden nur einige wenige aufbereitet. Die echten Experten in den Teams können jedoch noch viel mehr herausfiltern - das wird auch Einfluss auf die Trainingsmethodik nehmen«, sagt Walter Hofer, Skisprungchef des Internationalen Skiverbandes FIS. Der Chip wurde ursprünglich für den alpinen Bereich entwickelt und ist nach zwei Jahren Entwicklungszeit nun auch im Skispringen so weit, dass die Daten während und nach dem Sprung online über einen passwortgeschützten Zugang abgerufen werden können. Alle Springer, die damit springen wollen, bekommen das hochempfindliche Messinstrument kostenlos zur Verfügung gestellt.

Allerdings nutzte bei den ersten zwei Springen der 67. Vierschanzentournee nur ein Bruchteil des Starterfeldes das Gerät. Vor allem die Spitzennationen wie Deutschland, Norwegen oder Polen wollen sich wohl nicht in die Karten schauen lassen. Und Pflicht ist die Benutzung des Chips laut Hofer nicht: »Wir bauen auf Freiwilligkeit. Das hängt auch mit dem Thema Datenschutz zusammen. Die ausführlichen Daten von jedem Springer gehen nur an die jeweilige Nation.« Allerdings hofft der Österreicher, dass bis Ende des Winters alle die angeblichen Vorzüge des Systems erkennen. Dann könnten die Zuschauer vom »gläsernen Skispringer« profitieren, wenn durch die Daten zwei Flieger direkt verglichen werden können.

»Es ist ein sehr spannendes System, dass dabei helfen könnte, das Rätsel des perfekten Sprungs zu lüften. Aber wenn man die Daten des Siegspringers hat, kann man es dann auch nachmachen?«, fragt sich Skisprunglegende Toni Innauer. Derzeit, meint jedenfalls Polens Cheftrainer Stefan Horngacher, sei es »selbst für Fachleute schwer, die Daten richtig zu lesen«. Welche Werte sind also wirklich wichtig?

Einige Details scheinen für den perfekten Sprung in jedem Fall signifikant zu sein: So zum Beispiel, ob die Geschwindigkeit etwa 20 Meter nach dem Absprung gestiegen oder gesunken ist. Denn als Grundlage für einen gelungenen Sprung gilt es, möglichst schnell in die Flugposition zu kommen und viel Schwung mitzunehmen - so wie es der Japaner Ryoyu Kobayashi regelmäßig schafft. Er fliegt mit der kleinen roten Dose am Ski.

Die deutschen Flieger nutzen schon seit einiger Zeit die Vorteile eines eigenen Sensors. Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) hatte ein solches Gerät einst exklusiv für Richard Freitag, Andreas Wellinger und Co. entwickelt. »Wir haben Erfahrungen mit einem Sensor als Trainingstool«, hatte Bundestrainer Werner Schuster schon vor einem Jahr erklärt.

Dass seine Flieger durch den neuen FIS-Chip für alle einen Wettbewerbsvorteil einbüßen, glaubt er nicht: »Wissen ist das eine, die Umsetzung das andere.« Schließlich seien auch im Golf unglaublich viele Informationen bekannt, dennoch könnte längst nicht jeder Spieler den Ball 300 Meter weit schlagen. Der passionierte Golfer Schuster weiß also, dass er mit seinen Fliegern den jahrelangen Erfahrungsvorsprung nicht gleich verliert. Denn trotz aller Daten entscheidet am Ende immer noch die perfekte Umsetzung der Erkenntnisse im Flug durch den Springer selbst. Deshalb glaubt er weiterhin, dass sein Schützling Markus Eisenbichler im großen Tourneeduell noch eine gute Siegchance gegen Überflieger Kobayashi hat.

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