Das alte Gasthaus »Zum Schultheiß« war bis 1990 eine Bibliothek; nach langem Leerstand ist es heute ein Kunsthaus.
Zeitz

Pop-up-Dinner in der Provinz

Viele Industriebrachen, viel Platz und ein Faible für moderne Kunst: Die Kleinstadt Zeitz bietet sich als Zuflucht für verdrängte Großstädter an - zum Beispiel aus Leipzig.

Von Hendrik Lasch

Nein, dieser eine Raum ist als Atelier nicht zu haben. Zwar wüssten ihn Künstler, deren Staffeleien viele der Nachbarzimmer füllen, zu schätzen. Hohe Fenster an zwei Wänden spenden viel Licht; die hohe Decke lässt Gefühle von Enge nicht aufkommen. Aber, sagt Philipp Baumgarten, der Raum über dem Speisesaal der alten Zeitzer Gaststätte »Zum Schultheiß« wäre zu schade für einen Einzelnen: »Den sollte man lieber gemeinsam nutzen.« Wer aus den Erkerfenstern auf die Straße schaut, wähnt sich auf der Brücke eines Schiffes. Zwar fällt der Blick auf Häuser, die ihre besten Tage hinter sich haben. Doch Baumgarten sieht in den blinden Fenstern und bröckelnden Fassaden der Rahnestraße weniger den Verfall als vielmehr ungenutzte Möglichkeiten. Sie regen seine Fantasie an. Und außerdem, so hofft er, könnten ausgerechnet solche Brachen, der Leerstand, das Unfertige der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt wieder Zuzug bescheren. Hier gibt es Platz und Freiraum - der in Metropolen wie Leipzig inzwischen sehr knapp geworden ist.

Leipzig gilt heute als hippe Großstadt. Das liegt nicht zuletzt an einer quirligen, schier unübersehbaren kreativen Szene, die aus leer stehenden Fabrikgebäuden und Ladenlokalen angesagte Adressen des Kunstmarktes hat werden lassen. Begriffe wie »Westwerk« und »Baumwollspinnerei« sorgen bei Kunstfreunden für leuchtende Augen. Der »Schultheiß« in Zeitz ruft solch euphorische Reaktionen nicht hervor. Noch nicht. Baumgarten und andere Künstler arbeiten daran. Zum Beispiel mit einem »Pop-up-Dinner«: 45 Plätze, ein Drei-Gänge-Menü, Harfenmusik - eine fantasievolle Reminiszenz an stolze Zeiten des »Schultheiß«. Die Gaststätte eröffnete 1907 in einem mondänen Bürgerhaus der Gründerzeit: halbrunde Fenster im Parterre, Schmuckfriese an der Fassade im ersten und zweiten Stock, der Giebel elegant verspielt. Jüngere Zeitzer kennen das Haus eher in der Nutzung, die an der Fassade noch in großen Lettern kundgetan wird: als Bibliothek. Die war hier bis in die 1990er Jahre untergebracht. Dann zogen die Bücher aus und Leerstand ein. Regen und Wind drangen durch kaputte Fenster; Diebe bedienten sich an den Heizungsrohren. So ging das über Jahre.

Jetzt sind in die alten Fensterrahmen neue Scheiben eingesetzt; Ölradiatoren und ein Holzofen im Erdgeschoss sorgen auch an Wintertagen für Wärme. Aus dem früheren »Schultheiß« und der späteren Bibliothek ist das Kunsthaus »Open Space« geworden. Baumgarten, der aus Zeitz stammt und Kunst in Dresden und Karlsruhe studierte, hat dazu einen Mietvertrag mit dem Eigentümer abgeschlossen. In den oberen Etagen öffnen sich nun die alten Holztüren in Ateliers. In der »Phonothek« im Parterre, wo Zeitzer Musikfreunde einst Schallplatten und Kassetten ausleihen konnten, hängen großformatige Porträts, die Baumgarten fotografierte. Und im Gastraum schwebt fantasievoller Papierschmuck unter der Decke, der vom Weihnachtsmarkt im Advent übrig ist.

Melancholie hat keine Chance

Das Haus in der Rahnestraße 20 ist ein Ort für Kreativität und Ideen geworden. Allerdings sieht mancher Zeitzer das unsanierte Gebäude und die heruntergekommenen Häuser in der Nachbarschaft noch immer eher als städtebaulichen Makel an und als Beleg dafür, dass die Stadt ihre Blütezeit hinter sich hat. Es ist eine Melancholie, die auch Baumgarten nicht ganz fremd ist. Er erinnert sich an Spaziergänge durch die Stadt, auf denen er in einen »wehleidigen Rückblick« verfiel, in Trauer über verfallende Zeugnisse der Vergangenheit oder ein kulturelles Leben, das Geschichte ist: den Musikverein »Muckefuck« etwa, in dem er kurz nach der Jahrtausendwende »Kettcar« bei einem legendären Konzert erlebte. Die Hamburger Band wurde seither berühmt - das »Muckefuck« ist vorbei und vergangen, wie offenbar so vieles in Zeitz.

Melancholie ist allerdings nicht mehr das bestimmende Gefühl, das Baumgarten mit seiner Stadt verbindet. 2004 ging er weg, um zu studieren. Als er nach zehn Jahren nach Zeitz zurückkehrte und andere Künstler mitbrachte, wandelte sich der Blick. Gebäude, die einst wie Schandflecken wirkten, erschienen nun als Schatz - wenn auch als ungehobener. »Leute, die von außerhalb kommen, staunen über die Bausubstanz, die es hier noch gibt«, sagt Baumgarten. Sie sind auch verblüfft über die vielen leeren Räume, die für wenig Geld zu mieten und als Atelier, Werkstatt oder Büro zu nutzen wären. Mit dem »fremden Blick«, sagt er, wirke Zeitz als Ort, an dem »vieles möglich ist«.

Es ist ein Blick, der Zeitz guttut. Die Stadt an der Weißen Elster, die im Jahr 968 zum Bischofssitz wurde, hat es auch in späteren Jahrhunderten immer wieder zur Blüte gebracht und vor allem mit Industrialisierung und Gründerzeit einen enormen Aufschwung erlebt. Dafür sorgte zum Teil die Braunkohle, die bis heute in der Gegend gefördert wird. Die Brikettfabrik »Hermannschacht«, heute technisches Denkmal, gilt als älteste erhaltene Anlage ihrer Art weltweit. Großes handwerkliches Können manifestierte sich aber auch auf andere Weise. Es gab allein acht Pianofabriken und über 30 Betriebe, die Kinderwagen herstellten. In der DDR wurden sie unter der bekannten Marke »Zekiwa« zusammengefasst. Das war nur einer von zahlreichen Betrieben, deren Kürzel sich mit der Stadt verbanden. Die »Zemag« stellte Krane und Tagebauausrüstungen her, bei »Zitza« wurde Kosmetik produziert, bei »Zetti« Süßwaren. Dazu kamen Chemiebetriebe wie das Hydrierwerk. Insgesamt gab es in der Stadt im damaligen Bezirk Halle 20 000 Arbeitsplätze in der Industrie - und einen ausgeprägten Arbeiterstolz.

Dem allerdings wurden nach 1990 viele Nackenschläge versetzt. Reiner Eckel hat das aus nächster Nähe miterlebt. Er war Betriebsrat im Hydrierwerk, wo man nach der Gründung in den späten 1930ern Treib- und Schmierstoffe aus Braunkohlenteer gewann und seit den 1970er Jahren auch Erdöl verarbeitet wurde. Nach 1990 überlebten andere Standorte, etwa die Raffinerie in Leuna; für das Werk in Zeitz kam das rapide Aus. »Es ging von 4400 Mann auf null in sechs Jahren«, sagt Eckel. Ein Gutteil derer, die ihre Jobs verloren, wurden in ABM und anderen »Maßnahmen« beschäftigt - mit dem Abriss der Anlagen, die sie jahrzehntelang bedient hatten. »Eine Katastrophe«, sagt Eckel, der noch heute staunt, »mit welcher Demut das die Menschen ertragen haben«. Ende der 1990er Jahre lag die Arbeitslosenquote in Zeitz bei über 30 Prozent. Zuversicht keimt in einer solchen Lage nicht auf; stattdessen regierten Schwermut und Resignation. Und viele »geben diese Haltung auch heute noch an die nächsten Generationen weiter«, sagt Eckel: »Das drückt auf die Stimmung.«

Ein Wunder ist das nicht. Viele der Fabrikgebäude stehen - als Zeugen einstiger Größe und als Mahnmale des Niedergangs - noch immer in der Stadt. In den Augen Außenstehender mögen sie einen morbiden Charme verbreiten; Journalisten, die Zeitz besuchen, nehmen sie aber auch gern als Inbegriff für den Niedergang der ostdeutschen Provinz: Von »Geisterstadt« war in der Hamburger Wochenzeitung »Zeit« die Rede. Verstärkt wird der Eindruck durch blinde Fenster in vielen Wohnhäusern. Die Einwohnerzahl von Zeitz sank seit 1990 von 44 000 auf 29 000; in der Stadt stehen 4800 Wohnungen leer, eine Quote von 23 Prozent. »Das beeinflusst die Stimmung leider sehr negativ«, sagt Christian Thieme, der 2016 in Zeitz zum Oberbürgermeister gewählt wurde und dafür eine Tätigkeit als Anwalt in Hamburg aufgab. Jetzt hat er ein Dienstzimmer in einem Rathaus, das durch seine schiere Wucht von der früheren Finanzkraft der Stadt zeugt. Aber er gibt sich keinen Illusionen über die Befindlichkeiten in seiner Kommune hin. »Wenn es jahrzehntelang nur bergab geht«, sagt er, »macht das depressiv.«

Ein Holzofen für die Genossen

Es gibt aber auch Menschen, die dem Eindruck energisch entgegentreten, dass Pessimismus das Zeitzer Grundgefühl sei. Reiner Eckel ist einer von ihnen. Der einstige Hydrierwerker, der später eine Wahlperiode lang für die SPD im Landtag von Sachsen-Anhalt saß, betreibt heute im Internet das vielseitige und gut informierte Portal »Zeitz Online« und bemüht sich nicht nur dort, auch die positiven Seiten seiner Stadt in den Blick zu rücken. Besuchern schlägt er deshalb als Treffpunkt schon mal eine Straße im Gewerbegebiet vor, wo es keine historischen Mauern zu sehen gibt, aber eine Zucker- und eine Stärkefabrik sowie eine Anlage zur Herstellung von Bioethanol mit insgesamt etlichen Hundert Arbeitsplätzen. Und den SPD-Ortsverein lädt er zur Versammlung in die »Phonothek« im Kunsthaus »Open Space« ein - auch wenn er sich nicht sicher ist, ob der Holzofen die Genossen ausreichend wärmt.

Denn auch das Kunsthaus ist ein Ort, der für Zuversicht sorgen kann - zumindest bei Menschen, die ihren Blick über den Zeitzer Tellerrand hinaus richten: zum Beispiel nach Leipzig. Der sächsischen Großstadt, knapp 50 Kilometer entfernt, hängt noch immer der Ruf an, ein Eldorado der kreativen Szene zu sein, von Malern, Fotografen, Installations- und Videokünstlern, die in den 1990er und 2000er Jahren angelockt wurden durch ein überreiches Angebot an preiswerten Räumen: einstige Industriebetriebe, Ladenlokale, ungenutzte Wohnungen in Gründerzeithäusern. Die Szene boomte, auch wenn sie immer wieder umziehen musste: Einst heruntergekommene Viertel, die sie durch Ateliers und Szenekneipen belebt hatte, wurden für Immobilienentwickler interessant, die billige Ateliers lieber durch teure Lofts ersetzt sehen wollten. Einige Jahre waren solche Prozesse der Verdrängung zwar ärgerlich, aber kein grundsätzliches Problem - schließlich gab es andernorts in der Stadt neue Räume, die erobert werden konnten.

Platz als Ressource

Das ist vorbei; Leipzig wird nicht nur für Künstler und andere Kreative zunehmend zum unerschwinglichen Pflaster. Auch viele andere Leipziger leiden inzwischen unter den Kehrseiten des Aufschwungs. Die Mieten in Szenevierteln wie Connewitz sind kaum noch bezahlbar, Wohnungen generell knapp. Gedränge herrscht auch in Kindergärten, Schulen und selbst Kleingartenanlagen. In Leipzig fehlt es schlicht an Platz.

Eine halbe Stunde Zugfahrt entfernt herrscht daran kein Mangel. »Platz«, sagt Christian Thieme im Zeitzer Rathaus, »ist unsere größte Ressource.« Die Hoffnung in der Kleinstadt besteht darin, dass sich die Erkenntnis auch in der Metropole verbreitet und, wie der Oberbürgermeister formuliert, es zu einem »Überschwappeffekt« kommt. »Wenn der Druck in Leipzig groß genug ist«, sagt Thieme, »könnte uns das zugute kommen.« Dem Zeitzer Rathauschef ist zwar auch klar, dass nicht er allein auf Zuzügler aus der Großstadt spekuliert: Städte wie Wurzen und Grimma, Delitzsch und Torgau rechnen sich ebenfalls Chancen aus. Zeitz liegt jenseits der Landesgrenze in Sachsen-Anhalt und hat bisher auch keine Anbindung an die S-Bahn, die direkt bis unter den Leipziger Markt fährt. Dafür aber, sagt Thieme, »gibt es bei uns Industrieimmobilien in einer Zahl und Größe wie nirgends sonst«. Die Botschaft: Wer in Leipzig-Plagwitz nicht mehr fündig wird, ist in Zeitz willkommen.

Philipp Baumgarten nimmt erste Anzeichen dafür bereits wahr. Unter den Mietern im Kunsthaus sind etliche Kreative aus Leipzig, darunter eine Musikerin, die sich die Miete im dortigen »Westwerk« nicht mehr leisten konnte. Auch im alten Kloster Posa, das Baumgarten seit Jahren mit einem guten Dutzend Mitstreitern zum Wohn- und Kulturort umgestaltet, leben neben zwei Zeitzern viele Zuzügler. Sie schätzen das, was Baumgarten als »Modell Kleinstadt« bezeichnet: einen Ort, in dem weder die Anonymität der Großstadt noch die Enge des Dorfes herrscht; in dem Freundeskreise und Strukturen überschaubar sind, man »nicht durch Komplexität erschlagen« und vieles durch persönliche Kontakte möglich gemacht wird. Wie formuliert es der Organisator eines seit drei Jahren in Zeitz veranstalteten Musikfestivals namens »Septemberluft«? »Ein Handschlag und ein Schnaps - das funktioniert in Zeitz recht gut.«

Das Musikfestival wie auch die zahlreichen anderen Ausstellungen und Kunstaktionen sorgen dafür, dass sich die Kunde über die kleinstädtischen Freiräume herumspricht: Das Publikum kommt zu einem guten Teil aus Leipzig und anderen Großstädten - und lernt Zeitz dabei von seinen spannenden Seiten kennen. Baumgarten ist auch auf andere Weise zu einer Art Werbebotschafter für seine Heimatstadt geworden. So lädt er regelmäßig Kunststudenten verschiedener Hochschulen ein, die im Rahmen von Projekten zum Beispiel Bücher über Zeitz gestalten. Im Unterschied zu manchem Alteingesessenen, sagt er, »klagen sie nicht, was alles weg, sondern sehen, was noch da ist«. Und mancher, der später Raum zum Arbeiten sucht, erinnert sich womöglich an Zeitz.

Manchmal, räumt Baumgarten ein, fühlt er sich fast zu sehr in die Rolle des PR-Mannes gedrängt. Als die »Tagesthemen« unlängst über die Kreativszene in Zeitz berichteten, klingelten in der Stadt die Telefone: Anrufer selbst aus dem Ruhrgebiet und aus Hamburg erkundigten sich nach Immobilien in der Stadt - und wurden von der Stadtverwaltung an Baumgarten verwiesen. Dieser will sich aber lieber seiner Kunst widmen, derzeit vor allem Fassadenprojektionen aus Licht und Videosequenzen, und die Abwicklung des Zuzugs dem Rathaus überlassen. Dort, bedauert er, gebe es keinen eigenen Ansprechpartner dafür.

Voller Kulturkalender

Auch manch anderer findet, dass die Stadt ihre Chance entschlossener beim Schopf packen und selbst aktiv werden muss. Sie brauche »eine Strategie und ein Leitbild«, sagt Reiner Eckel; sie müsse stärker als bisher definieren, wer aus welchen Gründen nach Zeitz kommen soll und was ihn hier erwartet: Mieten, die mit höchstens sechs Euro pro Quadratmeter weit unter denen in großen Städten liegen; Kitaplätze, für die »hier niemand Schlange stehen muss«; ein Kulturkalender, der mittlerweile mit 50 bis 60 Terminen im Jahr gefüllt ist. Die Botschaft, sagt Eckel, müsse man dann nach außen tragen: »Von allein passiert das nicht.« Im Rathaus setzt man die Akzente etwas anders. Zwar betont auch Oberbürgermeister Thieme, junge Familien, Senioren und Kreative in die Stadt locken und dafür den Rahmen schaffen zu wollen. »Wichtig ist, dass die Stadt das will«, sagt er und versichert, man sei bei Genehmigungen und Fördermitteln entgegenkommend. »Im Rahmen des rechtlich Zulässigen sind uns die Hände nicht gebunden«, formuliert er. Allerdings brauche es dafür auch »keine Tausende Euro teure Werbekampagne«. Plakate, die großstadtmüde Leipziger in die sachsen-anhaltische Provinz locken, wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Und falls sie doch in großer Zahl kommen? Droht dann in Zeitz, was Plagwitz und Connewitz schon erlebt haben: ein Teufelskreis aus Sanierung, Aufwertung und Verdrängung? Erreicht die Gentrifizierung irgendwann die Kleinstadt? In dem Punkt sind sich Christian Thieme und Philipp Baumgarten einig. In Zeitz gebe es so viel Platz, sagt der Oberbürgermeister, »dass ich die Gefahr der Verdrängung nicht sehe«. Es werde »immer genug Raum geben«, sagt der Künstler - und fügt hinzu: »Wenn man es klug anstellt.«