Werbung

Es eckt doch wirklich keiner mehr an

Oliver Kern meint, Stefan Kretzschmars Thesen zur Meinungsfreiheit werden durch die Reaktionen bestätigt

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Fangen wir mal mit den Fakten an. Was hat Stefan Kretzschmar gesagt? »Welcher Sportler äußert sich heute noch politisch, es sei denn, es ist die Mainstreammeinung, wo man sagt: ›Wir sind bunt‹ und ›Refugees welcome!‹ Aber hat man eine kritische Meinung, vielleicht auch gesellschafts- oder regierungskritisch, darf man das in diesem Land nicht sagen. Das wird dir sofort vorgeworfen«, äußerte sich der ehemalige Handballstar bei t-online.de. Und weiter: »Wenn wir uns kritisch äußern, kommen wir nicht in den Knast, aber wir haben mit Repressalien zu rechnen von unserem Arbeitgeber, von Sponsoren. In dem Sinne haben wir die Meinungsfreiheit nicht mehr.«

Die Bundestagsfraktion und Regionalverbände der AfD teilten das Video, später auch noch die NPD und Österreichs FPÖ-Vizekanzler Hans-Christian Strache. Das wiederum führte zum Shitstorm. Der reicht von der Behauptung, Kretzschmar beschreibe keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern Feigheit (Wolfgang Kubicki, FDP), bis zu Vorwürfen auf Twitter, der ehemalige Punk sei zum Nazi geworden.

Kretzschmar wehrt sich dagegen. Wer seine Vita kennt, weiß auch, wie unsinnig die Vorwürfe sind. Sogar in dem besagten Interview selbst betont der gebürtige Leipziger, der in Berlin aufgewachsen ist, seine Verbundenheit zur linken Szene und den Hausbesetzern der frühen 90er Jahre. »Das hat meinen Charakter und meine politische Einstellung geprägt. Das hat mich gelehrt, über den Tellerrand hinauszuschauen«, sagt er. Doch weder die AfD-Abgeordneten, noch die »Nazi!«-Rufer haben sich wohl das Video in Gänze angesehen.

Der Handballer hat sich ziemlich ungeschickt geäußert. Das gilt vor allem für das Beispiel der Geflüchteten, das er auch anderswo verwendete. Das kam ihm vielleicht in den Sinn, weil er erfreut festgestellt hat, dass ein flüchtlingsfreundlicher Diskurs mittlerweile mehrheitsfähig ist. Kretzschmars spätere Aussage über die Instrumentalisierung seines Interviews »von politischen Gruppierungen, die meiner politischen Einstellung nicht ferner liegen könnten«, legt das zumindest nahe.

Sein Argument ist, dass Profisportler - und nur um die ging es hier - Probleme mit ihren Vereinen und Sponsoren bekommen würden, sollten sie sich von einer Mehrheitsmeinung abweichend öffentlich äußern. Die Feststellung ist nicht falsch, auch wenn das noch nicht das Ende der Meinungsfreiheit sein mag. Es gibt sie wirklich nicht mehr, die politisch aneckenden Sportler. Ihre Verbände betonen zwar gern, dass sie mündige Athleten wollen, doch das ist nur Fassade. Wenn sich mal einer äußert, heißt es, er sollte sich zuallererst mal um seine Leistung kümmern. Und fragt man all die anderen bei Olympia zu Putin, Trump oder Kim, antworten sie unisono: »Ich will mich nur auf den Sport konzentrieren.«

Kretzschmars Aussagen wurden verkürzt, aus dem Zusammenhang gerissen. Und der Shitstorm bestätigt sein Argument: »Für jeden Kommentar kriegst du eins auf die Fresse.«

Das wiederum gilt nicht nur für Profisportler. Auch diese Zeilen ziehen sicher wieder ein paar, sagen wir, »interessante« Leserbriefe nach sich. Ich allerdings muss keine Angst haben, dass mir mein Arbeitgeber danach sagt: »Konzentrier du dich mal lieber auf die Nachrichten!«. Im Profisport und vielen anderen Berufen ist es hingegen verständlich, wenn sich viele lieber wegducken. Dabei brauchen wir Menschen, die den Kopf rausstrecken, denn nur dann kann man mit ihnen diskutieren, anstatt immer nur über sie abzulästern. Und nur dann funktioniert Demokratie.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!