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Zwölf Jahre lebte Rosa Luxemburg im Berlin-Friedenau. Für manche Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend ist sie noch immer präsent

  • Von Johanna Bussemer
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Die Luft in Friedenau ist sehr gut, vor den Fenstern Bäume, Felder und Wälder nah gelegen, Ruhe, ein ausgesprochenes Villenquartier«, schreibt Rosa Luxemburg kurz nach ihrem Umzug aus dem innerstädtischen Berlin-Tiergarten in den damals beschaulichen Vorort am 16. August 1899 an Leo Jogiches. Bis 1911 lebt Rosa Luxemburg in Friedenau, eine enorme Anzahl ihrer Texte und Briefe entsteht hier. Es ist die Zeit ihrer großen Kämpfe in der SPD, der Debatte mit Bernstein. Die Zeit der Freundschaft mit Karl und Luise Kautsky, der Versuch des Zusammenlebens mit Leo Jogiches, die Zeit der Liebe zu Kostja Zetkin.

Das Erinnern an Menschen, die man nicht kennt, mit denen man sich aber viel auseinandersetzt, wird von unterschiedlichen Einflüssen geprägt. Im Fall von Rosa Luxemburg verfügen wir über einen stetig wachsenden Korpus von Texten, ein paar zentrale Biografien, insbesondere die von Annelies Laschitza, über Fotografien und künstlerische Verarbeitungen. Viel stärker für mich waren und sind jedoch schon immer Bilder in meinem eigenen Kopf, die noch zu Zeiten meiner Kindheit in Berlin Schöneberg und Friedenau in den 1980er und 90er Jahren entstanden. Eigentlich einen Katzensprung, in der Westberliner Lebensrealität jedoch weit entfernt war das Erinnern der DDR an Luxemburg und Liebknecht. Wir kannten keine Straßen oder Plätze, die nach Luxemburg benannt waren, sie waren nicht Teil des einer Propaganda, die uns vermittelt wurde.

Dafür wussten wir seit Kindesbeinen, in welchen Wohnungen Rosa Luxemburg gelebt hatte; wir spielten darin, weil unsere Schulfreunde dort wohnten. Vom Mahnmal im Tiergarten wussten wir etwas über die Umstände ihres Todes.

Später, mit dem Lesen der ersten Biografien, kamen neue Bilder hinzu: Rosa Luxemburg wie sie mehrmals täglich zum Kaiserlichen Hauptpostamt 1 am damaligen Wilmersdorfer Platz, heute René-Sintenis-Platz, eilt, weil sie Briefe von Kostja Zetkin erwartet. Überliefert ist, wie schwer es ihr fiel, morgens die Bahn in die Stadt zu nehmen, um Unterricht an der Parteischule zu geben. Seit dem kann ich, vor allem bei unwirtlichem Wetter, nicht mehr am S-Bahnhof Friedenau aus- oder einsteigen, ohne sie innerlich dort stehen zu sehen.

Sitz man im Garten des S-Café an jenem Bahnhof, vor allem am Abend, kann man sich gut die Szene vorstellen, die Ernst Piper in seiner neuen Luxemburg-Biografie aufgegriffen hat und die aus den Erinnerungen von Luise Kautsky stammen müssen. Die Kautskys wohnen anfangs in der Wielandstraße beinah gegenüber von Luxemburg. Luise Kautsky beschreibt, wie sie abends beim Plaudern kein Ende fanden und sich immer wieder von Tür zu Tür brachten. »Sie liebte es auch, ihrem revolutionären Drang in der mitternächtlichen Stille durch lautes Singen Luft zu machen«, so Luise Kautsky.

So wird Friedenau zum Bild dafür, was immer stärker ein Teil der Persönlichkeit Rosa Luxemburgs wurde: ihre Sehnsucht nach einem beschaulichen, stabilen Leben. Der Bruch mit Kautsky und das Bedürfnis nach mehr Ruhe gilt als einer Gründe für den Umzug 1911 nach Südende. Von da an blieben ihr noch sieben Jahre; die Hälfte davon verbachte sie im Gefängnis. Vielleicht hätte ihr der kleine Friedenauer Friedhof an der Stubenrauchstraße als letzte Ruhestätte besser gefallen als das etwas grobe Denkmal in Friedrichsfelde. Wer weiß.

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