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Hätte man ihn doch nur besser bezahlt!

Mehr Stringenz und ein bisschen weniger Hitler hätten Michael Moores neuem Film »Fahrenheit 11/9« gutgetan

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 5 Min.

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Gwen Stefani hat schuld. Das ist Michael Moores erste Antwort auf die am Anfang von »Fahrenheit 11/9« gestellte Frage: »How the fuck did this happen?« Diese Antwort auf die Frage, wie Donald Trump Präsident der USA werden konnte, ist nicht ganz ernst gemeint. Ebenso wie der Sängerin und Schauspielerin hätte Moore auch deren Arbeitgeber, dem Fernsehsender NBC, die Schuld geben können. Denn nur weil NBC Stefani für ihre Rolle in der Gesangs-Castingshow »The Voice« mehr zahlte, als Trump für die TV-Realityshow »The Apprentice« erhielt, habe dieser behauptet, er wolle Präsident der USA werden, wobei es ihm in Wahrheit nur darum gegangen sei, seinen Marktwert zu erhöhen und seine verletzte Macho-Ehre wiederherzustellen. Dann seien die Dinge außer Kontrolle geraten.

Das meint Moore ernst. In weniger zugespitzter Form ist die These, Trump habe mit seiner Kandidatur für die US-Präsidentschaft zunächst nur geschäftliche Interessen in der Medienbranche verfolgt, in der US-Debatte häufig vertreten worden. Dies lässt sich weder beweisen noch widerlegen. Doch wenn Trump nur Präsident wider Willen ist, warum kämpft er so konsequent und unerbittlich gegen die demokratischen Institutionen und die Medien, deutet zudem - wie Moore später im Film dokumentiert - immer wieder an, er wünsche sich eine längere Amtszeit als gesetzlich vorgesehen?

Die Frage, ob eine Verkettung unglücklicher Umstände einen grantelnden Dilettanten ins Weiße Haus gespült hat, der einiges Unheil anrichten kann, aber keinen Plan hat, oder ob die Präsidentschaft Trumps eine Gefahr für die Demokratie in den USA darstellt, ist ja nicht unwichtig. Moore, der immerhin zu den wenigen prominenten Linken gehörte, die vor der Wahl im November 2016 Trump einen Sieg zutrauten, hält den amtierenden Präsidenten für eine große Gefahr, konnte aber offenbar der Versuchung nicht widerstehen, dessen Kandidatur und damit auch ihn de facto zu verharmlosen, um ihn einmal mehr als Witzfigur dastehen zu lassen.

Spätestens seit »Fahrenheit 9/11« (2004) - Moores Film über die Kriegspolitik George W. Bushs, dessen Fortsetzung »Fahrenheit 11/9« (am 9. November wurde das Wahlergebnis bekanntgegeben) ist -, weiß man, dass der Regisseur fast alles für einen guten Gag tut, oft manipulativ arbeitet, sich um Widersprüche nicht schert und manchmal Fakten mit Vermutungen mischt. »Fahrenheit 11/9« ist ein Propagandafilm. Akzeptiert man das, kann man sich 126 Minuten gut unterhalten lassen und auch einiges lernen.

Moore ist ein Populist im US-amerikanischen Sinn des Wortes, wo der Begriff aufgrund anderer historischer Bezüge einen besseren Klang hat als hierzulande und in der Trump-Debatte unter »progressive populism« vornehmlich verstanden wird, die Demokraten zu einer linken Sozial- und Wirtschaftspolitik zu bewegen. Sein Film ist in jenen Szenen politisch am stärksten, wo in längeren Passagen soziale Bewegungen vorgestellt werden: der Lehrerstreik in West Virginia, die Schülerbewegung für schärfere Waffengesetze, die Proteste gegen die durch Privatisierung verursachte Vergiftung des Wassers in Flint, Michigan. Moore vermag es auch, durch Fakten zu überraschen, etwa wenn er, durch Umfragen untermauert, die USA als linkes Land charakterisiert (für sozialstaatliche Reformen gibt es Zweidrittelmehrheiten), und unerwartete Gesprächspartner wie den bei den meisten Linken eher unbeliebten Historiker Timothy Snyder zu präsentieren.

Doch den Antworten auf die Frage »How the fuck did this happen?« fehlt eine inhaltliche Verbindung miteinander. Der Lehrerstreik in West Virginia war erfolgreich, auch weil es eine breite Solidarisierung gab. Aber der Bundesstaat fiel 2016 mit 68,5 Prozent an Trump. Kommt die linke Mehrheit, wie Moore suggeriert, nur deshalb nicht zum Zuge, weil die Demokraten Hillary Clinton statt Bernie Sanders kandidieren ließen? »Fahrenheit 11/9« dokumentiert die Manipulation der Vorwahlen, die Kenner der bürgerlichen Politik allerdings nicht überraschen kann - wer gegen das Establishment antritt, muss sich nun einmal gegen dessen Macht und Intrigen durchsetzen. Die Nominierung Clintons dürfte viele potenzielle Wähler enttäuscht haben, weil man ihr die (maßgeblich durch Sanders’ Kampagne bewirkte) politische Neuorientierung - sie trat mit dem fortschrittlichsten Programm der Demokraten seit Jahrzehnten an und forderte unter anderem einen höheren Mindestlohn als die Linkspartei - nicht abnahm. Eine Erklärung dafür, dass knapp 63 Millionen US-Amerikaner Trump wählten, ist das nicht.

Um diese Frage drückt Moore sich herum. Deshalb ist der letzte Teil des Films, der sich der Frage widmet »Wo wird das alles enden?«, nur eine - mit wenig subtilen Mitteln erzeugte - apokalyptische Warnung. Trotz hilfreicher Bemerkungen Snyders. Der Historiker erläutert unter anderem, dass die USA erst seit der Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts um 1970 als Demokratie gelten können und man sich deshalb auf angeblich mehr als 200 Jahre der Stabilität nichts einbilden solle. Zudem müsse das Ende der Demokratie nicht zu einer faschistischen Terrorherrschaft führen, es könne auch ein System etabliert werden, in dem rechtliche Diskriminierung und Wahlrechtsmanipulationen dafür sorgen, dass 30 bis 40 Prozent der Stimmen für einen Wahlsieg reichen.

In den USA ist dies die wahrscheinlichere Entwicklung, zumal rechte Republikaner bereits vor der Kandidatur Trumps in diese Richtung arbeiteten. Spätestens hier müsste nun jenes gute Drittel der US-Bevölkerung ins Spiel kommen, das ihm seit der Amtseinführung konsequent die Treue gehalten hat und die Basis für ein autokratisches oder diktatorisches Regime wäre. Welche Rolle spielen dabei rassistische Hetze, Frauenverachtung und die immer deutlicher antisemitisch konnotierte »Elitenkritik«? Wenn Moore Filmaufnahmen einer Hitler-Rede mit der Tonspur einer Ansprache Trumps unterlegt und Szenen, in denen NS-Truppen Zivilisten zusammentreiben, in den Kontext der US-Abschiebepolitik setzt, geht es daher nicht allein um Fragen des guten Geschmacks und die Grenze zwischen Polemik und Demagogie. Hitler sei über das - so die Darstellung Moores - Bücher und Musik liebende, an sich gutherzige Volk der Deutschen gekommen. Ähnliches könne nun in den USA passieren. Doch wenn ein rechtsextremes Regime nicht durch einen Putsch an die Macht kommt, geht es nicht nur um einen Täter oder eine Clique, sondern um Millionen. Hier wirkt die Personalisierung entpolitisierend. Eine überzeugende Antwort auf die Frage »How the fuck did this happen?« bleibt Moore somit letztlich schuldig.

»Fahrenheit 11/9«, USA 2018. Dokumentarfilm. Buch und Regie: Michael Moore. 126 Min.

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