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Antisemitismusvorwürfe: Frauenmacht trotz Uneinigkeit

Trotz Antisemitismus-Vorwürfen werden am Samstag Hunderte »Womens Marches« weltweit stattfinden - von verschiedenen Organisationen

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Womens-March-Organisatorin Tamika Mallory bei einer Rede in Washington
Womens-March-Organisatorin Tamika Mallory bei einer Rede in Washington

Auch dieses Jahr wollen wieder Tausende Frauen in Hunderten Städten in den USA und weltweit beim Womens March demonstrieren. Doch dieses Jahr ist die vor zwei Jahren aus Empörung über die Wahl von Donald Trump entstandene Protestbewegung in den USA gespalten. Der Grund: Antisemitismusvorwürfe.

Als schwarze Organizerin müsse sie halt dort hingehen, wo die schwarze Community sei, auch wenn das manchmal »problematische Orte« seien, verteidigte sich Tamika Mallory diese Woche in Woopi Goldbergs populärer Fernsehsendung »The View«. Auf Nachfrage, warum sie den schwarzen Nationalisten Louis Farrakhan auf Instagram »den Größten« genannt habe, wollte sich die Aktivistin aus der Führungsriege des Womens Marches nicht von dem Führer der Nation of Islam distanzieren. Farrakhan hat sich immer wieder antisemitisch geäußert. Er habe trotz seiner Rhetorik historisch wichtige Arbeit für Schwarze gemacht, so Mallory.

Schon im Februar 2018 hatte Mallory Schlagzeilen gemacht, als sie an einer Veranstaltung teilnahm in der Farrackhan »mächtige Juden« als seine Feinde bezeichnete, erklärte diese würden die US-Regierung kontrollieren und das »ihre Zeit vorbei sei«. Der Womens March distanzierte sich in einer Erklärung von Farrackhans Äußerungen und von Antisemitismus.

Wie hälst du es mit »Nation of Islam«?

Der Mee-Too-Mitbegründerin Alyssa Milano etwa war das zu wenig. Sie erklärte im November nicht mehr als Rednerin beim diesjährigen Womens March auftreten zu wollen. In Reaktion darauf verurteilten die Womens-March-Macherinnen erneut jeglichen Antisemitismus verteidigten aber auch Mallory.

Auch andere prominente Womens-March-Aktivisten wie Linda Sarsour werden immer wieder von jüdischen Organisationen, zentristischen Demokraten und auch aus der amerikanischen Rechten wegen vermeintlichem Antisemitismus kritisiert. Das sei ein Instrument der Spaltung von Menschen, die sich nicht an Frauenkämpfen beteiligen, antwortete Sarsour auf die Vorwürfe. Die Unterstützerin der »Boykott-Divest-and-Sanctions«-Bewegung, die Israel isolieren will, schwankt dabei zwischen trotziger Selbstbehauptung und dem Versuch auf Juden zuzugehen.

The Women In Our Family

So wurden jüdische Frauen, nachdem sie dort zunächst nicht explizit als »verwundbare Gruppe« aufgeführt waren, in die »unity principles« des Womens Marches aufgenommen, Workshops zu Antisemitismus für die Organisatorinnen der Bewegung organisiert und mittlerweile drei Erklärungen zu Antisemitismus herausgegeben. Hinter der Auseinandersetzung steht auch eine um Identitätspolitik und Repräsentation auf der einen und Koalitionsbildung auf der anderen Seite.

Erklärtes Ziel des Frauenmarsches war und ist es einerseits verschiedene marginialisierte Gruppen zusammenzubringen, andererseits beschwerten sich schwarze Frauen und Latinas über weiße Feministinnen, die historisch ihre Bedürfnisse übersehen hätten und auch jetzt über ihre Köpfe hinweg planten.

Verlust von Unterstützern

Mehrere große Organisationen des politischen Establishments in den USA, die zuvor den Womens March unterstützt hatten, haben sich wegen der Kontroverse zurückgezogen. Emily`s List etwa, die seit über 30 Jahren weibliche Kandidaten bei Wahlen unterstützt, sowie das bekannte Southern Poverty Law Center aus Alabama, das zu Rechtsextremismus forscht und die Nation of Islam als »hate group« einstuft. Diese Woche folge das Democratic National Comittee (DNC) und die National Organization for Women.

Einzelne Frauenmärsche wurden auch abgesagt, in New Orleans etwa, weil das Spendenaufkommen an die lokalen Organisatorinnen einbrach und das für Genehmigungen, Bühne und Kundgebungstechnik notwendige Geld nicht gesammelt werden konnte. Doch es scheinen Einzelfälle zu sein. 2017 hatte es nach Zählungen von Protestforschern der Harvard-Universität landes- und weltweit 900 Frauenmärsche gegeben – der größte Protest in der Geschichte der USA. Im vergangenen Jahr waren es über 250.

Trotz der Antisemitismus-Kontroverse wird breit zu Demonstrationen mobilisiert, nun eben getrennt. Die Organizer von Womans March Inc. verweisen auf ihrer Homepage auf rund 220 Events in den USA. Die Mobilisierung arbeitet mit emotionaler Ansprache, Familienrhetorik und großen Gefühlen. Im Mobilisierungsvideo wendet sich eine Erzählerin stellvertretend an eine neue Generation Frauen: »Mächtige Männer haben uns ausgelacht, aber wir senden Schockwellen durch Universitäten, politische Ämter und jeden Raum in Amerika, damit du nicht mehr das durchmachen musst, was wir erleben mussten«. Und: »Wir werden nicht aufhören, bis wir die alte Welt hingweg gespült haben, die versucht hat uns klein zu halten«. Das Motto des Protestes ist dieses Jahr: »Women Wave«.

Getrennte Mobilisierung

Eine Frauenwelle gab es tatsächlich schon, bei den Midterm-Wahlen, bei denen traten bei den Demokraten so viele Frauen an, wie noch nie, über 100 wurden in den US-Kongress gewählt, eine Rekordzahl. Mitorganisiert hat die auch Vanessa Wruble. Die jüdische Mitbegründerin des ersten Womens Marches in New York City 2017 sieht zwar ihre Privilegien als weiße Frau durchaus kritisch, war aber von falschen Behauptungen von Mallory über die vermeintlich besondere starke Rolle von Juden in Sklavenhandel und privater Gefängnisindustrie abgestoßen (Mallory und andere Mitgründerinnen streiten diese ab). Wruble gründete anschließend die Organisation MarchOn und unterstützte mit ihrer Organisation weibliche Kandidaten vor den Midterm-Wahlen.

Auch March On organisiert am Samstag rund 160 Frauendemos in den gesamten USA. An der zentralen Demonstration Washington nehme man nicht Teil und sei eigenständig und glaube viel mehr an eine dezentrale Bewegung betonen die Aktivistinnen von MarchOn. Man wolle eine Graswurzel-Bewegung auf die Straße bringen und die Macht von Frauen zeigen, auch mit Hinblick auf die Wahlen 2020.

Weltweit wird es am Samstag und Sonntag rund 75 Frauenmärsche geben, viele davon organisiert von der eigenständigen Organisation »Womens March Global«, acht davon in deutschen Städten.

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