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»Ich könnte jetzt auch auf ‚Hambi bleibt‘ wechseln«

250 Menschen protestierten in Köln gegen die Absetzung der Lindenstraße

  • Von Sebastian Weiermann, Köln
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hambi bleibt, Flora bleibt, Rigaer bleibt, Linke wollen oft, dass irgendetwas bleibt, was sie als linkes Projekt ansehen. Ob der Wald im Rheinland, das Zentrum im Hamburger Schanzenviertel oder das besetzte Haus in Berlin. Dass nun Menschen für den Erhalt der Lindenstraße, die nur eine Kulisse ist, auf die Straße gehen, das verstehen viele nicht. Frankreich erlebt mit den Gillet Jaunes die größten Sozialproteste seit langem, in ganz Europa formiert sich die extreme Rechte zur Europawahl, und in Deutschland meinen 250 Menschen, für den Erhalt einer Fernsehserie demonstrieren zu müssen. Das klingt schräg! Aber die Serie ist für ihre Fans mehr als nur Unterhaltung. Das wird bei der Demonstration in Köln deutlich.

»Ich bin mit der Serie erwachsen geworden«, sagt Andreas Satori aus dem Organisationsteam der Demonstration. Die Serie hat er früher mit der ganzen Familie geschaut. Als einer der Beimer-Söhne auf rechte Abwege geriet und mit einem Luftgewehr durch die Straße schoss, da habe seine Mutter ihn gewarnt, nicht zu werden wie der. Auch andere Teilnehmer verbinden ihr persönliches Leben mit den Seriencharakteren.

1990, als sich die Bundesrepublik noch zur Lindenstraße vor dem Fernseher versammelte, gab es den ersten Kuss von zwei Männern in der Serie. Das anschließende Coming-Out hat auch einzelne der Kölner Demonstranten zum selben Schritt bewogen.

Ein anderer Demonstrant erzählt von seinem behinderten Kind und dem behinderten Sohn, den das Serienpaar Hans Beimer und Anna Ziegler aufgezogen hat. Auch hier hat die Lindenstraße dabei geholfen, Akzeptanz zu schaffen. »Meine Generation zieht sich immer weiter zurück, wenn es nicht so gemütlich ist«, sagt eine junge Lindenstraßen-Zuschauerin.

Man lasse sich im Fernsehen gerne auf niedrigem Niveau unterhalten. Die Serie sei da anders, sie würde zum Nachdenken anregen, über gesellschaftliche Probleme und die eigene Position. Dass sich daraus auch eigener Aktivismus entwickelt, erzählen mehrere Demonstranten in Köln. »Ich könnte jetzt auch auf ‚Hambi bleibt‘ wechseln«, sagt eine Demonstrantin und verweist auf die Buttons in ihrer Tasche. Eine andere, die mit ihrer Mutter da ist, erzählt auch von den Demos der Klimabewegung und von den »Pulse of Europe«-Kundgebungen, bei denen sie sich engagiert habe.

Die Lindenstraße schafft es heute kaum noch Themen zu setzen, wie sie das vor 20, 30 Jahren konnte. Viele Tabus sind gebrochen, die Medienlandschaft ist vielfältiger geworden. Mit viel Glück kann auch ein einzelner Internetnutzer über soziale Medien ein Thema setzen. Trotzdem probiert die Serie es und bleibt dabei ihrer progressiven Linie treu.

Jüngst hatte eine deutsch-türkische Familie Probleme, nachdem der jugendliche Sohn einen Erdogan-kritischen Text für die Schülerzeitung verfasst hatte. Mit Sunny Zöllig werden erstmals die Schwierigkeiten einer Transgender-Identität einem breiten Publikum präsentiert. Die Lindenstraße probiert sich also weiter aus mit dem, womit sie groß wurde: Die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite möglichst komprimiert darstellen. Das wirkt manchmal etwas angestrengt, aber bei Weitem nicht so verkrampft wie in mancher Talkshow in der ARD.

Dass nun über 250 Menschen für die Serie demonstrierten, mag irgendwie lächerlich erscheinen. Was ist schon eine Vorabendserie? Für einige Menschen offenbar Lebenshilfe, Anker von Freundschaften und einigendes Band in familiären Beziehungen. Dafür auf die Straße zu gehen, ist verständlich. Und es demonstriert, ganz nebenbei auch das Weltbild von Lindenstraßen-Fans und Machern: Gegen einen Missstand kann man vorgehen. Vor dem Gebäude des WDR demonstrieren und den Erhalt der Lieblingsserie fordern. Ein großer Unterschied zur Rechten, die kaum Vorschläge für die öffentlich-rechtlichen Programme hat und stattdessen ständig stumpf deren Abschaffung fordert.

Ob die Demonstration für die Lindenstraße Erfolg hat, ist derzeit mehr als fraglich. ARD und WDR betonen immer wieder, dass ihnen die Entscheidung nicht leicht gefallen sei, dass sie nun aber getroffen wurde. Die Lindenstraße soll im Frühjahr 2020 auslaufen. Vielleicht schaffen ihre Fans es aber doch noch, mehr Zeit für einen Neustart der Serie herauszuschlagen. Dem deutschen Fernsehprogramm würde es sicherlich nicht schaden.

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