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Alleinerziehende sorgen sich um Arbeitschancen

Eltern, die ihre Kinder ohne Partner großziehen, erklärten Politik und Jobcenter ihre Hürden in die Anstellung

  • Von Marion Bergermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eine Alleinerziehende äußert ihren Unmut beim Projekt-Treffen
Eine Alleinerziehende äußert ihren Unmut beim Projekt-Treffen

Zum Frühstücken kamen die Frauen im Projekt »Empowerment und Unternehmenszugänge für Alleinerziehende schaffen« kaum, so viel gab es den Gästen mitzuteilen. An ihrem morgendlichen Treffen, das regelmäßig Mittwoch vormittags in Berlin-Hohenschönhausen stattfindet, hatten diesmal der Lichtenberger Bezirksbürgermeister Michael Grunst (LINKE), Lutz Neumann, Geschäftsführer des Jobcenters Lichtenberg, sowie die bezirkliche Gleichstellungsbeauftragte Majel Kundel, teilgenommen.

Sie bekamen zu hören, was die Frauen - ein alleinerziehender Vater war nicht dabei - bewegt. Und das war vor allem, wie schwer es ist, den Einstieg oder Wiedereinstieg in einen Beruf zu finden, wie Berater*innen im Jobcenter mit ihnen umgehen und dass ihre eigenen Interessen dort eine nur geringe Rolle spielen.

Zwischen den belegten Brötchen, Apfelschorle und Kaffee wandte sich Dolores, die wie alle Teilnehmerinnen ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, an Lutz Neumann vom Jobcenter Lichtenberg: »Es wird nicht auf gute Angebote hingewiesen, sondern darauf, was das Jobcenter sich wünscht. Manche Berufe werden nicht gefördert in der Weiterbildung.« Sie habe bei dem Treff zum ersten Mal von der Möglichkeit einer Teilzeitausbildung gehört. »Ich bin noch niemals in meinem Leben, von keinem Jobcenter, darauf hingewiesen worden, dass es so etwas gibt.« Am nächsten Tag hat Dolores einen Termin beim Berufsberater. Dort will sie vorschlagen, eine Teilzeitausbildung zu machen.

Neumann wies darauf hin, wie wichtig Netzwerke seien. »Man sollte eine Idee haben, wo man fragen und sich Unterstützung holen kann. Berater können nicht alles leisten.« »Manchmal weiß man ja selber nicht, was es gibt«, entgegnet eine andere Mutter aus der Runde.

Wie man nützliche Informationen mitbekommt, sich untereinander austauscht, dafür hat das Bezirksamt das Alleinerziehenden-Projekt geschaffen. 20 Wochen lang treffen sich Alleinerziehende aus dem Bezirk und besprechen Themen wie Unterhalts- und Sorgerecht oder wie man Familie und Beruf vereinbaren kann. Bald soll eine Expertin Anleitung geben, wie man sich in einem Bewerbungsgespräch präsentiert. Janine, die mit beim Frühstück sitzt, wird zwar bald eine feste Stelle antreten, doch auch sie fühlt sich vom Jobcenter nicht gut behandelt. Die 35-Jährige hat zwei Kinder im Alter von elf und 16 Jahren, die sie alleine groß zieht. »Warum wird ständig der Berater gewechselt? Ich musste mich wieder komplett neu vorstellen«. Die anderen nicken zustimmend. Janine wird bald als Zugbegleiterin anfangen, im Drei-Schicht-System. »Das geht mit Kindern, weil ich endlich aus dem Jobcenter rauskomme und mich selbst finanzieren kann.« Ihre 16-jährige Tochter wird ihr mit dem jüngeren Kind helfen, auch ihre Mutter.

In Lichtenberg wohnen mehr Ein-Eltern-Familien, also Mütter und Väter, die ohne Partner*in ihre Kinder großziehen, als in anderen Bezirken. 36 Prozent waren es laut Bezirksamt im Dezember letzten Jahres, was über dem Berliner Durchschnitt von rund 28 Prozent liegt.

Martina aus der Frühstücksrunde findet die Ansprüche mancher Arbeitgeber unmöglich. Sie hat drei Söhne im Alter von 16 bis 22 Jahren und ist Aufstockerin. Einer ihrer Söhne arbeitet. »Überall heißt es, jeder, der sich bewirbt wird genommen. Bei meinen Jugendlichen sehe ich, der Durchschnitt hat es schwierig. Sie nehmen nicht den Durchschnitt, der auch mal eine drei auf dem Zeugnis hat und weder Auslandserfahrungen noch mehrere Fremdsprachen hat. Die Anforderungen der Arbeitgeber sind irre hoch.«

Bürgermeister Grunst erzählt gegen Ende des Treffens kurz von sich und gibt sein Resümee aus 100 Bewerbungen und einer selbst gesuchten Umschulung, nachdem er 1992 in Ostdeutschland arbeitslos geworden war: Eine duale Ausbildung und ein Netzwerk seien das A und O. Für die Alleinerziehenden im Bezirk setzt er sich ein, denn »wir können das Bundesgesetzbuch nicht ändern, aber wir können hier im Bezirk was tun.« Zum Schluss stellt Dolores die Frage, die auch andere hier zu beschäftigen scheint: »Warum bekommen Leute aus anderen Ländern mehr Geld?« Neumann stellt richtig, dass Geflüchtete den gleichen Satz an Sozialleistungen bekommen. Was er nicht erwähnt ist, dass deutsche Arbeitsuchende den Vorteil haben, arbeiten gehen zu dürfen. Geflüchtete und Migranten erhalten manchmal erst nach langem Warten eine Arbeitserlaubnis.

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