Leningrad

Hohn der Täter

Velten Schäfer über die Befreiung von Leningrad im Spiegel der deutschen Presse

Von Velten Schäfer

Vergangenen Sonntag jährte sich nicht nur die Befreiung von Auschwitz 1945. Die Rote Armee hatte genau ein Jahr zuvor schon das belagerte Leningrad entsetzt. Und was macht Russland? Es missbraucht den 75. Jahrestag zu einer Militärparade!

So lautete, sofern man Kenntnis nahm vom Datum, der Tenor tonangebender hiesiger Medien. Der »Spiegel« hatte einen Überlebenden gesprochen. Man hob den Halbsatz in die Headline, der Krieg solle nicht »glorifiziert« werden. Das ist immer richtig und das gab das Gespräch auch her. Doch hätte sich auch ein anderer Titel finden lassen. Etwa einer, der das Grauen prominent gemacht hätte, dem zwischen 1941 und 1944 mehr als eine Million Zivilisten zum Opfer fielen, meist durch Hunger.

Ließ der »Spiegel« das Publikum noch selbst auf die implizierte Spitze gegen Putin kommen, trötete es die »Süddeutsche« laut heraus. Zumindest online prangte der »Missbrauch« schon in der Überschrift. Zur Begründung führt man zunächst Selbstverständlichkeiten an. Natürlich stimmt es, dass der Alltag in einer verhungernden Metropole nicht nur von patriotischem Heldenmut geprägt war, sondern vom Kampf ums Überleben. Es gab Leute, die mehr hatten und das Elend sogar ausnutzten. Aber wieso spricht das gegen eine Militärparade?

Die »Süddeutsche« meint, die »Stadtbehörden« müssten sich »fragen lassen«, warum sie unter der Belagerung »so wenig für die Bürger taten«. Sie ernennt die sowjetische Militärführung zur Mittäterin, weil diese die Stadt unbedingt verteidigen wollte. Das ist so zynisch wie verquer: Wer nämlich - wie immerhin auch die SZ-Autorin - einräumt, dass es weniger um eine Besetzung der Stadt mit Lenins Namen ging als um die Auslöschung der Bevölkerung, muss doch fast unweigerlich folgern, dass das Halten dieser Stadt viele Leben gerettet hat.

Doch der Text zieht alle Register, den Gedenkakt zu diskreditieren. Dezentrale Erinnerungstraditionen am 8. September - Tag des Beginns der Belagerung - bringt er gegen das staatliche Gedenken am Befreiungstag in Stellung. Das entspricht den Intentionen der Anlässe kaum. Die Autorin verunglimpft die Parade sogar als »Tanz auf den Gräbern«, wobei sie vorgibt, einen ominösen lokalen Common Sense zu zitieren.

All dieser Hohn empört hierzulande kaum. Die Kritik etwa von »Sputnik« an dem Text nimmt man eher als Beispiel russischer Aggression. Alle ernst zu nehmenden Historiker wissen, dass der Krieg im Osten ein megalomanes, völkermörderisches Kolonisierungsprojekt war - und der antikommunistische Antislawismus für die Nazis kaum weniger wichtig als der Antisemitismus. Dennoch wähnt sich die deutsche Presse in der Position, russische Erinnerung zu benoten. Schreibt die »Süddeutsche« so über Israel, wenn es seine Jets symbolisch Auschwitz überfliegen lässt?

Wenn die Kluft zwischen Historikerwissen und öffentlichem Bewusstsein und Reden so tief ist wie im Fall des Vernichtungskriegs gegen den slawischen »Untermenschen«, ist angebracht, was wir Deutsche angeblich so gut können: Aufarbeitung.

»Wortgewitter« ist ein Platz für unumgängliche Medienkritik.