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Die talentierteste Partei des Landes

Bernd Zeller über Gesangseinlagen im Parlament und darüber, für welche Metapher Sigmar Gabriel stehen könnte

  • Von Bernd Zeller
  • Lesedauer: 3 Min.

In unserem heutigen Bericht geht es um ein neues Sprichwort, das der Altbundeskanzler geprägt hat. Wie Gerhard Schröder in einem Gespräch mit der Nachrichtenillustrierten »Spiegel« ausführte, habe SPD-Chefin Andrea Nahles Anfängerfehler gemacht, wogegen Sigmar Gabriel der begabteste SPD-Politiker sei und für künftige Aufgaben zur Verfügung stehen solle. Daraus wird sich das geflügelte Wort entwickeln: Unter SPD-Politikern ist Sigmar Gabriel der begabteste.

Wie wir es zu Schulzeiten gelernt haben, wollen wir ein Sprichwort hinterfragen und auf seinen Wahrheitsgehalt untersuchen.

Da wäre zunächst zu erforschen, ob der Altkanzler im zeithistorischen und gesellschaftlichen Bezug eine Mitteilung gemacht hat darüber, womit Sigmar Gabriel begabt sei. Da von Sigmar Gabriel nicht bekannt ist, dass er ein Instrument spielt oder singt, wird diese Begabung nicht gemeint sein, auch sind keine Gedichte aus seiner Feder bekannt. Das heißt aber noch lange nicht, dass er nicht darin die höchste Begabung unter den Parteifreunden haben kann. Es kann durchaus sein, dass sich die literarische Qualität dadurch zeigt, was er nicht schreibt. Wir können uns spontan an keine missratenen Twittertexte von ihm erinnern, damit hebt er sich schon mal von den anderen ab. Von Andrea Nahles kennt man parlamentarische Gesangseinlagen, von Sigmar Gabriel nicht, damit hat er schon mal eine höhere musikalische Kompetenz bewiesen.

Überhaupt wird das Unterlassen bei Politikern viel zu wenig gewürdigt. Wir, die Kundschaft der Politiker, sollten auch mal unsere Dankbarkeit zeigen dafür, dass sie meistens nicht auch noch singen oder dichten. Allerdings kann das auch daran liegen, dass sie den Wettbewerb scheuen, denn das Publikum könnte nach Qualität der Leistung gehen bei seiner Bewertung statt nach den im Politikbetrieb üblichen Kategorien Status und Präsenz. Reizvoll wäre es schon, wenn bei Anne Will oder Sandra Maischberger nicht gestanzte Parolen, sondern selbst gereimte Werke zum Vortrag gebracht würden.

Da Gerhard Schröder nicht das Image eines Feingeistes hat, haben wir davon auszugehen, dass er das musische Talent nicht gemeint hat. Schröder würde eher ein wirtschaftliches, um nicht zu sagen finanzielles, Geschick erkennen. Viele meinen, er würde es daran erkennen, dass er ein lukratives Angebot bekommt. Wir wollen wiederum nicht zu viel auf Image geben; Schröders Amtsvorgänger Kohl war in klassischer Musik und Literatur bewandert, aber weil er nur auf Pfälzerisch darüber gesprochen hat, blieb ihm dieses Image versagt. Vielleicht liest Schröder in seiner Freizeit ganz viele Bücher oder verfasst selbst Gedichte und ist nur etwas gehemmt, sie vorzutragen, womöglich sind sie so intim gehalten, dass sie immer nur seiner aktuellen Partnerin gewidmet sind und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Obwohl es uns nichts anginge, müssten wir uns dafür interessieren, um einordnen zu können, was Schröder unter hoher Begabung versteht. Misst er Sigmar Gabriels Fähigkeiten an der Bildung oder schlimmer an der Bildungspolitik oder noch schlimmer an den Ergebnissen der Bildungspolitik, schneidet Sigmar Gabriel schon überdurchschnittlich ab, wenn er über die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben verfügt. Genauer gesagt: zum in altem Sinne richtigen Schreiben, nicht nur Lautschrift mit Emotions-Sonderzeichen.

Nun ist allen, die das noch wissen, bekannt, dass ein Sprichwort im übertragenen Sinne, metaphorisch, aufzufassen ist. Darum müssen wir fragen: Für welche Metapher könnte Sigmar Gabriel stehen? Eigentlich nur für die Nachfolge Gerhard Schröders, er war niedersächsischer Ministerpräsident und SPD-Vorsitzender. Er ist eine Allegorie für das Schröderhafte. Was Schröder also eigentlich sagen wollte, ist: Ohne mich läuft gar nichts.

Und das Gefühl kennen wir alle, das sieht jeder so.

Wir sehen, das Sprichwort stimmt.

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