Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.

Mit Poesie gegen Gewalt

Eine Reise nach Kolumbien, in ein Land mit zwei Gesichtern

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Tausende von Jugendlichen, die ergriffen den Versen von lateinamerikanischen Lyrikern wie Gonzalo Rojas, aber auch jenen der saudi-arabischen Dichterin Huda Aldaghafag lauschen, sind in Medellín nichts Ungewöhnliches. Seit 1991 findet in der zweitgrößten Stadt Kolumbiens alljährlich im Juli das Internationale Poesiefestival statt. Den Initiatoren ist es sogar gelungen, der Poesie die Tore der Gefängnisse zu öffnen. Und selbstverständlich ist es für Fernando Rendón, den Vater des Festivals, dass sie auch in den Armenvierteln vorgetragen wird. Den öffentlichen Raum mit Poesie besetzen, ein Zeichen gegen die Gewalt und den latenten Konflikt setzen, das ist eines der wesentlichen Ziele des Festivals. Und dieses Beispiel hat durchaus Schule gemacht.
Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes findet wie in Medellín auch in Bogotá statt. Jugendliche, die auf öffentlichen Plätzen rappen, Fahrradfahrer, die nachts die Straßen der Metropole erobern oder Frauenorganisationen, die Gemeindehäuser gründen, sind nichts Ungewöhnliches. Der Wille, eine friedliche Zukunft aufzubauen, ist nicht nur in den Metropolen sichtbar. Die Zivilgesellschaft hebt ihr Haupt, wie Werner Hörtner zu berichten weiß. Ermutigende Zeichen angesichts anhaltenden Bürgerkrieges.
Krieg und Gewalt prägen nicht erst seit 1964, dem Gründungsjahr der Guerilla, die kolumbianische Geschichte. Gewalt dient quasi seit der Unabhängigkeit von der spanischen Krone 1821 als Instrument der politischen Auseinandersetzung. Aber anders als in den Nachbarländern ist die Violentología, die Gewaltforschung, in Kolumbien ein eigener Forschungsbereich der politischen Wissenschaft. Gewalt sei quasi zu einem allgemeinen Verhaltensmuster geworden, schreibt Hörtner, der das Land seit mehr als zwei Dekaden regelmäßig bereist. Dabei hat der Autor die Geschichte des Bürgerkriegs und der bewaffneten Akteure detailliert recherchiert. Sowohl die FARC, die größte Guerillabewegung des Kontinents, als auch die kleinere ELN hat er unter die Lupe genommen und deren Wandel in über vierzig Jahren des bewaffneten Kampfes kritisch nachgezeichnet. Ebenso die Geschichte der sogenannten Selbstverteidigungsgruppen, besser bekannt als Paramilitärs. Diese waren vom kolumbianischen Staat auf Anregung der USA gegründet und bewaffnet worden, wie freigegebene Dokumente von Pentagon und CIA belegen. Grundlage bot ein Gesetz von 1965, worauf Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien immer wieder hinweisen. Das ist im Kontext der im August 2006 beendeten Demobilisierung von insgesamt knapp 32 000 paramilitärischen Söldnern besonders interessant; in der ursprünglichen Vereinbarung war von 15 000 die Rede. Für den Autor eine wundersame Vermehrung, die er genauso kritisch beleuchtet wie die getroffenen Vereinbarungen zwischen den Kommandanten der Paramilitärs und der Regierung. Die haben, so der Hörtner, Straflosigkeit produziert. Er berichtet darüber, dass selbst Straftätern, gegen die wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen Ermittlungen liefen, Amnestie gewährt wurde. Allein 163 solcher Fälle soll es bei der Entwaffnung des ersten Verbandes, des Bloque Cacique Nutibara, in Medellín gegeben haben.
Keine Priorität hatte bei der Formulierung der gesetzlichen Grundlagen für die Demobilisierung die Auffindung von Abertausenden von Verschwundenen, die Aufklärung der unzähligen Menschenrechtsverletzungen und die Ahndung von Kapitaldelikten, wie die Recherchen des aus Österreich stammenden Autors ergaben. Die latente Straflosigkeit sei eine der zentrale Herausforderung für die Zukunft des Landes. Auch an zwei weiteren Punkten kommt Präsident Álvaro Uribe laut Hörtner nicht vorbei: der Aufnahme von Friedensverhandlungen mit der größeren der beiden Guerillaorganisationen, der FARC, und der Kampf gegen die derzeit immer offensichtlicher werdenden Verquickung zwischen Politik, Paramilitärs und Drogenhandel. Für Verhandlungen und gegen die kriminellen Netzwerke erheben immer mehr Organisationen aus der Zivilgesellschaft ihre Stimme - sei es die sich landesweit organisierende Opferbewegung oder die Initiatoren des Internationalen Poesiefestivals von Medellín.

Werner Hörtner: Kolumbien. Verstehen - Geschichte und Gegenwart eines zerrissenen Landes. Rotpunk...

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.