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Schweigende Seelen

Ferien von Thomas Arslan

  • Von Ralf Schenk
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Draußen vor der Toren der großen Stadt scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Die von der Sonne beschienenen Feldwege, die märkischen Alleen, die fleißig wandernden Ameisen im Unterholz verweisen auf ein Idyll, das seine zauberischen Kräfte auch auf die Menschen zu übertragen vermag. So möchte man meinen, so erhofft und erwünscht man sich das irdische Dasein, und doch ist es ganz und gar nicht so, wie die sommerliche Natur suggeriert. Anna und Robert, die hier vor Jahren ein Landhaus bezogen haben, wirken wie von unsichtbaren Kräften mit Sorgen belastet; vor allem Angela Winkler als Anna wandelt mit der ihr eingepflanzten, fast somnambulen Leidensschwere durch Haus und Hof und Garten. Das Lächeln bleibt auch aus, als ihre beiden erwachsenen Töchter zu Besuch anreisen; im Gegenteil: Die Anwesenheit der jungen Frauen macht alles nur noch schlimmer. Jede hat ihre eigene Last zu tragen, Laura (Karoline Eichhorn) beispielsweise hat sich mit ihrem Mann Paul (Uwe Bohm) auseinandergelebt; dass sie sich seit Monaten mit einem Geliebten trifft, bemerkt er nicht. Die psychische und physische Not, die ihr Paul verursacht, wird in einer Szene deutlich, in der er ihr einen Ringkampf aufzwingt. Aus Jux und Tollerei wird plötzlich existentieller Ernst, der sich in Lauras Blicken und Körperhaltungen manifestiert. Darüber sprechen kann allerdings niemand; keiner aus dieser Familie hat es gelernt und gepflegt, das klärende Wort, den reinigenden Satz zu gebrauchen. »Ferien« hat Thomas Arslan seinen Film genannt, der sichtlich von zwei Vorbildern gespeist ist. Natürlich standen Anton Tschechows Stücke Pate: »Der Kirschgarten«, »Drei Schwestern« und »Onkel Wanja«. Und natürlich fühlt sich Arslan auch seiner Kollegin Angela Schanelec verpflichtet, die mit ihren Filmen, zuletzt »Marseille« und »Nachmittag«, einer ähnlichen Sichtweise auf die Welt und die Menschen, besonders das materiell abgesicherte städtische Bürgertum, frönt. Auch in »Ferien« haben die Protagonisten keine pekuniären Nöte; wohl aber sind sie tief in den Fallstricken ihrer mitunter ins Irrationale tendierenden Unzufriedenheit, ihrem Lebensüberdruss und ihrem seelischen Eingeschlossensein verfangen. Auch der plötzliche Tod von Annas Mutter (leise und intensiv: Gudrun Ritter), der die Familie am Schluss noch einmal zu einem gemeinsamen Kirchgang zusammenführt, wird keine Befreiung, keine Erlösung bringen. Wie in seinen anderen Filmen, von denen vor allem »Geschwister« (1997) und »Dealer« (1999) als herausragende Beispiele für das junge deutsch-türkische Kino gelten, hat Thomas Arslan gemeinsam mit seinem Kameramann Michael Wiesweg auch diesmal die optische Struktur genau ausgeklügelt. Dazu gehört die Korrespondenz zwischen den Figuren und ihrem Lebensumfeld: Die Kamera erfasst die Darsteller meist aus der Totale oder Halbtotale, manifestiert deren Erstarrung in einer fast vollkommenen Unbewegtheit. Manchmal verweigert sie es sich, den Figuren zu folgen, wenn sie das Bild verlassen: Dann bleibt eine Art Leere zurück, die den Blick für die Dingwelt des Hauses und des Gartens schärft. Die Kirchenszene im Finale des Films ist mit ihrem halbschrägen Blick von hinten auf die Familie dann der äußerste Ausdruck von Distanz, Fremdheit, Kühle. Ja, »Ferien« ist bei allen sonnendurchfluteten Bildern ein kühler, ein kalter Film. Wie am Seziertisch aufgenommen, nur dass die Lupe umgekehrt verwendet wurde, um eine große Entfernung herzustellen. Aber genau darin besteht auch eine Gefahr, die bereits ins Arslans letztem Spielfilm »Der schöne Tag« (2001) deutlich geworden war. Der Lethargie einer weitgehend sprachlosen, an sich und der Welt leidenden Familie Spannung zu geben, bedarf zumindest einer inneren Dramatik. Diese Dramatik fehlt hier, jedenfalls weitgehend, abgesehen von wenigen Szenen, etwa jener, in der die Töchter ihren vor vielen Jahren weggegangenen »richtigen« Vater erwarten und er wieder nicht erscheint. Die Hoffnung, dass doch etwas besser werden könnte, verortet Arslan ausschließlich bei Annas 16-jährigem Sohn, dem Halbbruder der beiden erstarrten Schwestern. Der wird mit seiner Freundin vielleicht einen anderen Weg ge...

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