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  • Kultur
  • Der Boden unter den Füßen

Im Maschinenraum des Kapitalismus

Marie Kreutzers Berlinalefilm «Der Boden unter den Füßen»

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wer ist hier eigentlich die Patientin: Lola (links) oder ihre suizidale Schwester Conny?
Wer ist hier eigentlich die Patientin: Lola (links) oder ihre suizidale Schwester Conny?

Ich schau an mir herunter, und kann doch gar nichts sehen.« Mit diesen Zeilen eines Gedichts beginnt Marie Kreutzers beeindruckender Wettbewerbsbeitrag »Der Boden unter den Füßen«. Selbigen verliert Lola (Valerie Pachner), Anfang 30, zusehends. Dabei schien sie bisher alles richtig gemacht zu haben. Lola hat sich aus eigener Kraft hochgearbeitet, wie man sagt, und ist jetzt eine wackere und gut verdienende Arbeiterin im Maschinenraum des Kapitalismus, also Unternehmensberaterin. Als solche tut sie, was Berater eben tun, um das Räderwerk der Marktwirtschaft in Gang zu halten: Restrukturieren, Downsize-Strategien implementieren, deren Progress tracken und dergleichen. Die Terminologie selbst ist schon verräterisch; hinter der technokratischen Begrifflichkeit verbirgt sich die ganze Unmenschlichkeit eines Systems, welches keine Menschen, sondern lediglich Humankapital kennt. Entsprechend genervt reagiert eine alleinerziehende Frau bei der Betriebsversammlung, in der die neue Firmenstrategie verkündet wird: »Nun sagen Sie uns doch endlich, wie viele von uns gehen müssen!« Nur kurz lässt sich Lola aus der Ruhe bringen, bevor sie sich wieder hinter ihren Business-Anglizismen verschanzt.

Ruhelos hetzt sie von Termin zu Termin und optimiert mit eiserner Disziplin ihren Körper im Fitnessstudio. Geradezu emblematisch verkörpert Lola die Einsamkeit des neoliberal zugerichteten Menschen. Kinder und Familie hat sie keine, die Kollegen, mit denen sie die meiste Lebenszeit verbringt, können Freunde nicht ersetzen; sie sind vielmehr Konkurrenten in permanenter Lauerstellung. Selbst ihrer Chefin und gleichzeitig Liebhaberin, mit der sie die Nächte in diversen Hotelzimmern verbringt, um die Einsamkeit erträglicher zu machen, kann sie nicht wirklich vertrauen. Dennoch scheint nichts ihre Karriere stoppen zu können. Die fragile Balance des auf äußerste Effizienz getrimmten Lebens gerät allerdings aus den Fugen, als ihre ältere Schwester Conny (Pia Hierzegger) nach einem Suizidversuch in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird. Lola, die die Existenz Connys meist verheimlicht, sieht sich auf einmal in die Pflicht genommen, Verantwortung für sie übernehmen zu sollen und ihr eng getaktetes Leben in Frage zu stellen. »Du musst mich beschützen!«, ruft die Schwester, was bei Lola, für die Emotionen nur vom Wesentlichen ablenkendes Beiwerk sind, tiefes Unbehagen hervorruft. Ihre hektischen Versuche, ihr Leben zwischen Business-Dinner und Flughafen mit den Bedürfnissen Connys in Einklang zu bringen, sind zum Scheitern verurteilt, und ihren eigenen nervlichen Zusammenbruch kann Lola nur mühsam abwenden. Schon bald steht die Frage im Raum, wer hier eigentlich der Patient ist? Conny, die nach Zuwendung und Empathie giert und dem Mangel daran mit Selbstzerstörung begegnet? Oder doch eigentlich Lola, die vor lauter beruflichem Ehrgeiz wie vereist scheint? Dabei ist Lola mitnichten ein böser Mensch - sie folgt lediglich den Regeln, die andere aufgestellt haben.

Mit ihrem Film, dessen Script sie auch verfasst hat, knüpft die Wienerin Marie Kreutzer, deren Debütfilm »Die Vaterlosen« 2011 auf der Berlinale lief, an eine kleine Reihe ganz ähnlicher Filme aus der jüngeren Vergangenheit an, denen gemeinsam ist, dass sie das herrschende Narrativ des homo oeconomicus mit den Mitteln des Films in Frage stellen. Allen voran Maren Ades »Toni Erdmann«, der eine sehr ähnliche Geschichte erzählt, aber auch Johannes Nabers »Zeit der Kannibalen« von 2014, der als bitterböse Satire auf das Consultant-(Un-)Wesen daherkam. Die Zeit ist auf jeden Fall überreif für einen Diskurs, der sich gegen das neoliberale Menschenbild des einzig auf seinen ökonomischen Vorteil bedachten Individuums wendet, und es entspricht der Berlinale und ihrem Selbstverständnis als politisches Festival, dass »Der Boden unter den Füßen« in den Wettbewerb eingeladen wurde. Der Film überzeugt hingegen auch künstlerisch; neben der Dringlichkeit des Drehbuchs, welches seine Geschichte linear in einem schnörkellosen Spannungsbogen erzählt, überzeugen vor allem die Darstellerinnen und Darsteller. Die ganze verzweifelte Hoffnungslosigkeit der paranoid schizophrenen Conny spiegelt sich in ihren Augen und der Zuschauer ahnt schon früh, wie das Ende aussehen wird. Ob Lola irgendwann in der Lage sein wird, sich selbst wieder zu sehen, lässt der Film letztlich offen; sehr wahrscheinlich scheint es aber nicht.

»Der Boden unter den Füßen«, Österreich 2019. Regie: Marie Kreutzer. Darsteller: Valerie Pachner (Lola), Pia Hierzegger (Conny) u.v.a. 108 Min.

Weitere Spieltermine: Sonntag, 17. Februar, 13.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.

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