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Wo alles anfing

Bei Johann Sebastian Bach in Eisenach

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Bahnhofsschilder Eisenachs tragen neuerdings den Untertitel: Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs. Von daher ist es erstaunlich, wie wenig dieser Bach - und es gibt bekanntlich an die Hundert dieser fruchtbaren Sippe, darunter mindestens ein Dutzend Musiker - bisher in der Stadt selbst präsent war. Die weltweite Resonanz seiner »Soli Deo Gloria«, ausschließlich dem Ruhme Gottes gewidmeten Kompositionen scheint fast umgekehrt proportional zu seiner öffentlichen Präsenz in seiner Geburtsstadt zu sein. (Man vergleiche nur mit Mozart in Salzburg, wo die Schokoladen-Mozartkugeln noch der harmloseste kommerzielle Kitsch sind, mit denen aus dem großen Namen Profit geschlagen wird). Doch das soll und kann sich nun ändern: Zu Pfingsten 2007 hat das alte »Bachhaus« einen Museums-Erweiterungsbau erhalten, der sich von außen und vor allem von innen sehen lassen kann, der erste Museumsneubau im kulturträchtigen Thüringen, finanziert vom Land, vom Bund und nicht zuletzt aus dem EU-Regionalfonds. Die Einweihung fiel absichtlich aufs Schönste zusammen mit dem 100-jährigen Jubiläum jenes Bachhauses, das zwar im strengen Sinne nicht das Geburtshaus, wohl aber ein Haus aus seiner unmittelbaren Umgebung und Zeit ist. Es war 1907 von der Neuen Bachgesellschaft (die »alte« war 1850 zum 100. Todestag Johann Sebastians u.a. von Robert Schumann und Franz Liszt zur Sicherung seines Werkes gegründet worden) als authentisches Museum zu Leben und Wirken dieses persönlich höchst bescheidenen, aber inzwischen als Größter unter den Großen der Musik anerkannten Musikers eingerichtet worden. Seitdem hatte dieses Haus - mit einer der reichsten Musikinstrumentensammlungen seiner Art - vor sich hingedämmert, und es bedurfte des sprichwörtlichen Dornröschen-Kusses, um sich nun frisch geputzt und um einen großzügigen Anbau erweitert dem Publikum des 21. Jahrhunderts neu vorzustellen. Am Anfang war Musik. Um es biblisch zu sagen: Das »Wohltemperierte Klavier«, diese Sammlung von zwei mal 24 Präludien und Fugen durch alle Tonarten, gilt unter Musikern gemeinhin als das Alte Testament (Beethovens Klaviersonaten dann als das Neue). Zu jeder vollen Stunde gibt es eine Einführung, die sich - weil sie musikalische Qualifikation voraussetzt - wohltuend von den üblichen routinemäßigen Museumsführungen unterscheidet: mit dem auf einem Silbermann-Spinett gespielten ersten Präludium C-Dur, dessen zarter, durchsichtiger Ton dieses auf modernen Flügeln meist gewichtig daherkommende Stück so in Bachs Hausmusik zurückverfremdet, dass es den Besucher wie ein feines Leitmotiv durch die Räume zuerst des alten und dann des neuen Hauses begleiten wird. Das ist das erste Plus des neuen Museums. Das zweite ist die Dialektik von Alt und Neu, von Geschichte und Gegenwart. Geschichtlich ist das Haus mit all seinem Fachwerk, seiner Rekonstruktion bürgerlichen Wohnens im 17. Jahrhundert, wie es auch anderswo zu sehen ist - und doch hier vom Nimbus Bachs lebt: Da gibt es die (aus seiner Leipziger Wohnung stammende) Tür, durch die er und seine Familie vermutlich täglich gegangen sind und die heute dem Museum zur Ikone dient, zeitgenössische Bilder und Stiche, Instrumente aus Bachs Zeit und Besitz (die reiche Instrumentensammlung selbst befindet sich im Depot), die verwinkelten Wohnräume mit ihren niedrigen Decken, zum Teil mögen sie früher auch Stallungen gewesen sein, ein gepflegter Garten und vieles andere mehr - und dann der soeben eingeweihte moderne Teil: Hier ist Luft und Licht und Raum und man atmet die Freiheit des musikalischen Geistes. Ist das anscheinend Unmögliche hier geglückt, Musik museal zum Klingen zu bringen? Im Unterschied zu so vielen anderen Musiker-Häusern - man denke nur an Mozart in Salzburg und Wien, an Haydn in Eisenstadt, an Beethoven in Wien oder an Verdi in Sant'Agata und Puccini in Torre di Lago - hat man hier den Versuch gemacht, der hellen Vernunft Bach'scher Musik räumlichen Ausdruck zu geben. Natürlich kommt man dabei nicht ohne die obligaten Schriftdokumente aus, aber die Art, wie sie thematisch arrangiert sind - die Biographik von 1732 bis heute, die Porträts, die gesicherten und die ungesicherten Forschungsergebnisse, die unzähligen Werkverluste, die Vielfalt musikalischer Gattungen, in denen Bach sich ausgesprochen hat, der lange Weg vom Autographen zum modernen Notendruck, und dann nicht zuletzt die musikalische Formensprache und was sie bedeutet (Polyphonie, Kontrapunkt und Fuge, Generalbass, Temperatur) -, das alles findet sich hier erläutert und der geweckten Neugier zugänglich. In mancher Hinsicht vielleicht für den musikalisch z.B. im Notenlesen nicht vorgebildeten Laien zu schwer verständlich, für den gebildeten Musiker wiederum zu einfach: Hier gibt es noch viel konzeptuellen Raum für Musikpädagogen. Gleichwohl: Es macht Appetit auf das Faszinosum der Musik, auf Bach. Im Zentrum des Museumsneubaus die heutzutage wohl unvermeidliche Video-Show, die einerseits versucht, originell zu sein und Bach-Musik gewissermaßen im Entstehen ihrer Aufführung oder als Ballett zu zeigen, andererseits aber den Anspruch einer »begehbaren« Installation doch verfehlt. Aber ein gutes Museum lebt und wird und sollte sich verändern mit seinen Benutzern und deren Erfahrungen. Besonders interessant der Versuch, heutige Bach-Interpretationen im Vergleich von zehn verschiedenen Aufnahmen anhand der Kantate »Nun komm der Heiden Heiland« hörbar zu machen. Außerdem gibt es große Plastik-Hörkugeln, in die man sich setzen und auf die Musik konzentrieren kann. Dieses Museum, das stolz von sich behauptet, das »weltweit erste und damit zugleich älteste Bach-Museum« überhaupt zu sein, hat einen Besuch in Eisenach verdient.

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