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Fünfzig rote Rosen für eine Ohrfeige

Die Antifaschistin und Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld wird heute 80 Jahre alt

  • Von Gesine Lötzsch
  • Lesedauer: 4 Min.

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Beate Klarsfeld 2018 beim Gedenken an die 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin-Friedrichsfelde.
Beate Klarsfeld 2018 beim Gedenken an die 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin-Friedrichsfelde.

International bekannt wurde sie durch eine Ohrfeige. Beate Klarsfeld hatte während des CDU-Parteitags in Berlin am 7. November 1968 das Podium bestiegen und Bundeskanzler Kiesinger, der unter Ribbentrop als stellvertretender Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung unter anderem für die Verbindung zum Reichspropagandaministerium von Joseph Goebbels zuständig war, geohrfeigt und »Nazi, Nazi, Nazi!« gerufen. Dafür wurde sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die 1969 zu vier Monaten auf Bewährung umgewandelt wurde. Heinrich Böll schickte ihr nach der Aktion 50 rote Rosen. Günter Grass hingegen meinte, es habe kein »Anlass bestanden, Beate Klarsfeld Rosen zu schicken«. Böll schickte noch einen Strauß Rosen und schrieb: »Ich war diese Blumen Beate Klarsfeld schuldig: … weil ich’s mir selbst schuldig war, als Person, als einer, der soeben 3 x 17 alt geworden ist und der 15 Jahre und ein Monat alt war, als der bürgerliche Politiker von Papen Hitler zur Macht verhalf.«

Als junge Frau war sie nach Paris gegangen. 1963 heiratete sie Serge Klarsfeld, dessen Vater im KZ Auschwitz ermordet wurde. Diese Ehe veränderte ihr Leben. Zusammen mit Serge spürte sie unbehelligt lebende Nazi- und Kriegsverbrecher auf, belegte mit detaillierten Dokumentationen deren Verbrechen am jüdischen Volk und den Völkern des deutschokkupierten Europas, klagte zum Beispiel Kurt Lischka, Alois Brunner, Klaus Barbie, Ernst Ehlers und Kurt Asche an.

1971 versuchte sie gemeinsam mit ihrem Mann, den für die Deportation von 76 000 Menschen aus Frankreich verantwortlichen Kurt Lischka aus Deutschland zu entführen, damit er sich vor der französischen Justiz verantworte. Am 4. Juli 1987 wurde der auf ihre Initiative gefasste Kriegsverbrecher Klaus Barbie verurteilt. 1991 kämpfte sie um die Auslieferung des in Syrien lebenden Eichmann-Stellvertreters Alois Brunner, der für die Ermordung von 130 000 Juden in deutschen Konzentrationslagern verantwortlich zeichnete. Im Jahr 2001 wurde Brunner durch die Bemühungen der Klarsfelds von einem französischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Beate Klarsfeld hat in ihrem Leben mehr für die gerechte Bestrafung von Nazi-Kriegsverbrechern getan als die gesamte bundesdeutsche Justiz zusammen. Für ihren Kampf wurde sie weltweit ausgezeichnet. 1984 ehrte sie der französische Präsident François Mitterrand als »Ritter der Ehrenlegion«. Nur in Deutschland tat man sich schwer, den Kampf von Beate anzuerkennen und zu würdigen. Für ihre Lebensleistung hatte ich sie für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Doch das damals von Guido Westerwelle (FDP) geleitete Auswärtige Amt, das für die Verleihung an im Ausland lebende deutsche Staatsangehörige zuständig ist, lehnte 2009 diesen Antrag ab.

In der Amtszeit von Joseph Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) als Außenminister (1998 bis 2005) war die Verleihung schon einmal abgelehnt worden. Erst 2015 wurde den Klarsfelds das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

2012 hat DIE LINKE Beate Klarsfeld für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagen. Sie sagte sofort zu. Sie hatte keine Angst vor der Springer-Presse. Die kannte sie schon aus den 1960er Jahren. 44 Jahre später warfen ihr die Journalisten von Springer vor, dass sie mit den DDR-Behörden zusammengearbeitet habe. Sie parierte diesen Angriff sehr gelassen. Sie sagte öffentlich, dass sie auch gern mit den BRD-Behörden zusammengearbeitet hätte, um Nazi- und Kriegsverbrecher zu enttarnen, doch die wären nicht an dieser Kooperation interessiert gewesen.

Beate Klarsfeld wurde bekanntlich nicht Bundespräsidentin, aber bekam mehr Stimmen als unsere Fraktion Mitglieder hatte. Noch wichtiger war, dass eine ausgewiesene Antifaschistin, die weltweite Anerkennung genießt, im Deutschen Bundestag zur Wahl als Bundespräsidentin stand und die politischen Enkel Kiesingers das nicht verhindern konnten.

Es ist für mich unmöglich, das Leben von Beate Klarsfeld in einem Geburtstagsgruß zusammenzufassen. Die Klarsfelds haben auf 624 Seiten ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Eine lohnende Lektüre!

Für mich ist Beate Klarsfeld ein Vorbild. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Energie und Entschlossenheit sie über 50 Jahre zwei ganz konkrete Ziele verfolgte: Sie hat unter Einsatz ihres Lebens Kriegsverbrecher weltweit gejagt, damit sie vor ein Gericht gestellt werden konnten. Und sie ist immer noch unterwegs, wenn es darum geht, an die jüdischen Opfer des Faschismus zu erinnern.

Wenn ich mit jungen Menschen über Politik rede und sie mir erklären, dass sie diese Welt doch nicht ändern können, dann erzähle ich ihnen von Beate Klarsfeld. Wenn mir Genossinnen und Genossen erzählen, dass sie sich mit 70 Jahren aus der Politik zurückziehen wollen, dann erzähle ich ihnen, dass Beate Klarsfeld gerade dabei ist, eine Ausstellung des Künstlers und Auschwitz-Überlebenden David Olère nach Deutschland zu holen.

Beate Klarsfeld wird auch dieses Jahr wieder am 10. Mai beim »Lesen gegen das Vergessen« auf dem Berliner Bebelplatz dabei sein. Dort kann man sie treffen und sich wundern, wie bescheiden, freundlich und bodenständig diese großartige Frau geblieben ist. Herzlichen Glückwunsch, liebe Beate! 50 rote Rosen werden Dich heute in Paris erreichen.

Die Autorin ist Politikerin der Linkspartei und Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

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