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Angst, keine Ahnung und nicht zuständig

Initiative gegen Gewalt an älteren Menschen fordert Politik und Ärzte zu Maßnahmen auf

Gewaltübergriffe und Missbrauch an älteren Menschen sind weit verbreitet, werden aber kaum verfolgt. Zum morgigen weltweiten Aktionstag eines internationalen Netzwerks zur Prävention von Gewalt gegen ältere Menschen ruft die Bonner Initiative »Handeln statt Misshandeln« (HsM) besonders Politiker und Ärzte auf, sich mehr mit diesem Problem auseinanderzusetzen.
Das Ausmaß kann nur geschätzt werden: Mehrere hunderttausend ältere Menschen werden jährlich Opfer von körperlichem, psychologischem, finanziellem oder sexuellem Missbrauch. »Die Dunkelziffer ist groß. Missbrauch und Gewalt finden oft im Verborgenen statt«, sagt Rolf Hirsch, Vorsitzender der Initiative HsM. Der Kenntnisstand über Formen und Häufigkeit der Gewalt gegen die meist Hilfe- und Pflegebedürftigen ist unzureichend, das Thema in der Forschung unterbelichtet. »Wir befinden uns auf einem Stand wie bei der Aufdeckung von Kindesmissbrauch vor 30 Jahren«, bemängelt Gabriele Walentich vom Landespräventionsrat Nordrhein-Westfalen. Während sich die Polizei dem Problem mit Seniorenbeauftragten, Informationsbroschüren oder Nottelefon verstärkt annehme, fühlten sich Ärzte viel zu oft nicht zuständig, hätten Angst oder wüssten nicht, was zu tun ist, sagt Hirsch. »Ärzte müssen für dieses Problem noch mehr sensibilisiert werden.« Helfen könnte dabei die Aufnahme des Themas in die Ausbildung von Gesundheitsberufen und ein Leitfaden, der bei Misshandlungsfällen Hilfestellung gibt. Einen solchen Leitfaden für Ärzte gibt es bisher nur in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. »Es ist ein Netzwerk notwendig, damit Ärzte wissen, an wen sie sich wenden können«, sagt Walentich. Dazu müsse auch mehr Unterstützung aus der Politik kommen. »Doch da wird das Thema bisher zu vorsichtig behandelt.« In anderen Ländern wie Spanien oder Norwegen gebe es bereits konkrete Aktionspläne, die strukturelle Veränderungen vorsehen. Als Ansatz und Vorlage für gesetzliche Maßnahmen könnten der im Strafgesetzbuch geregelte Schutz des Kindeswohls und die institutionelle Einrichtung des Jugendamtes dienen, so Walentich. »Warum soll es das in ähnlicher Form nicht auch für Ältere geben?« Besonders verbreitet ist die Gewalt gegen Ältere in der häuslichen Pflege. Eine »größere soziale Aufmerksamkeit« fordert deshalb Gabriele Tammen-Parr von der Berliner Beratungsstelle »Pflege in Not«, eine von bundesweit nur 13 Hilfseinrichtungen (Kindesmissbrauch ca. 6000 Stellen) und mit vier Mitarbeitern zuständig für etwa 96 000 Pflegebedürftige in der Hauptstadt. »Das Umfeld darf sich nicht abwenden und wegsehen. Die meisten Fälle haben eine Vorgeschichte und entstehen selten erst in der Pflege.« Viele sind mit einem plötzlich eintretenden Pflegefall überfordert, beginnen mit besten Absichten, stoßen aber schnell an ihre Grenzen, »vor allem emotional«, sagt Tammen-Parr. Zudem sei die Rollenverteilung von Opfer und Täter nicht immer eindeutig, weil auch Ältere manchmal mit ihrem Verhalten Konflikte fördern. »Die Pflege ist oft Plattform für aufgestaute Familienprobleme, die früher nicht aufgearbeitet wurden.« Etwa die Hälfte der Pflegeleistenden kümmert sich ohne professionelle Hilfe um die Angehörigen. »Ein häufiger Grund für Gewalt ist die Überbelastung. Viele wissen gar nicht, wo es Hilfe und Unterstützung gibt«, sagt Walentich. »Deshalb muss ein System geschaffen und mehr Anlaufstellen eingerichtet werden.«

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