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Hamas und Fatah lassen Waffen sprechen

Kämpfe im Gaza-Streifen dauern an, Vermittler Ägypten denkt über militärische Optionen nach

  • Von Oliver Eberhardt, Jerusalem
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Hamas hat ihre Kontrolle auf den gesamten nördlichen Gaza-Streifen ausgeweitet und rüstet sich zum Sturm auf den Rest. In Israel geht derweil die Regierungskrise in eine neue Runde: Am Dienstag wurde Ehud Barak zum Vorsitzenden der Arbeitspartei gewählt.
In Gaza-Stadt gingen die Kämpfe zwischen Brigadisten der Hamas und Anhängern der Fatah unvermindert weiter, als in Tel Aviv eine junge Dame nahezu unbemerkt von den zahlreichen wartenden Journalisten das Hauptquartier der Arbeitspartei mit einem kleinen Karton in den Armen verließ: Die Tochter von Amir Peretz hatte die wenigen persönlichen Gegenstände abgeholt, die ihr Vater in kaum mehr als eineinhalb Jahren als Vorsitzender der Partei in seinem Büro hatte ansammeln können. Nur wenige Stunden später traf, überlegen lächelnd, der neue Inhaber des Vorstandsbüros ein: der ehemalige Regierungschef Ehud Barak. Wenn alles nach Plan verläuft, dann wird er als nächstes den Posten des Verteidigungsministers besetzen - eine Aussicht, auf die sich im Moment viele Hoffnungen stützen. Denn Barak war nicht nur bereits Premierminister, sondern hat als früherer Generalstabschef und Verteidigungsminister jede Menge militärische Erfahrung. Und die, so die übereinstimmende Meinung der israelischen Kommentatoren am Mittwochmorgen, wird in diesen Tagen dringend gebraucht. Das Militär ist nach dem Libanon-Krieg im vergangenen Jahr immer noch moralisch und organisatorisch am Boden zerstört und Israels Regierung steht mit dem Rücken zur Wand: Die Öffentlichkeit will Taten sehen, Antworten hören auf die Lage im Gaza-Streifen, die sich am Dienstag und am frühen Mittwoch weiter zugespitzt hat. Längst haben sich die von der Fatah kontrollierten Sicherheitskräfte zurückgezogen; die Hamas kontrolliert mittlerweile den gesamten Norden des Landstrichs und droht jedem Uniformierten mit dem Tod. Viele Funktionäre der Fatah haben indes den Gaza-Streifen in Richtung Kairo oder Westjordanland verlassen oder sind dabei, es zu tun - denn die Angriffe durch Kämpfer der Hamas häufen sich. Die Lage dort färbt auch weiterhin auf Israel ab: Auf die Städte und Dörfer regnet es nach wie vor Raketen; zuletzt schlug am frühen Mittwoch eine Kassam-Rakete in einer Schule ein. Die Menschen auf beiden Seiten des Grenzzauns haben Angst, die Straßen hüben wie drüben sind nahezu menschenleer. Natürlich gehen auch die Bemühungen weiter, eine Einigung zu finden: Am Mittwochnachmittag wollte eine Delegation der ägyptischen Regierung versuchen, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Doch mit einem Ergebnis rechnete niemand: Vertreter der Hamas erklärten am Morgen erneut, ihre Kämpfer würden erst aufhören, wenn der letzte Posten Fatah-treuer Kämpfer und Sicherheitskräfte erobert worden sei. Und so steigt mit jeder Stunde, in der die Kämpfe andauern, mit jedem Quadratmeter, der unter die Kontrolle der Hamas gerät, die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Palästinensische Autonomiebehörde dem Ende ihrer Tage nähert. Die Minister der Fatah haben ihre Mitarbeit in der Regierung eingestellt; die Einheitsregierung existiert nur noch auf dem Papier. Im Ausland wird derweil immer öfter über militärische Optionen gesprochen: Ägypten droht unverhohlen mit einem Einmarsch; ein Vertreter der Arabischen Liga schlug vor, Jordanien solle wieder die Kontrolle über das Westjordanland übernehmen. Israels Premier Ehud Olmert hätte gerne eine internationale Truppe, die an der Grenze zu Ägypten den Schmuggel unterbindet. Andere arabische Länder freunden sich mit dem Gedanken an, ein UNO-Mandat für den Gaza-Streifen einzurichten. Gemeinsam ist allen diesen Vorstellungen: Die Palästinensische Autonomiebehörde spielt darin, wenn überhaupt, nur noch eine untergeordnete Rolle. Die israelische Rechte hat derweil eine ganz andere Idee: Israel solle einfach die Siedlungen im Gaza-Streifen wieder aufbauen und die Aktivitäten im Westjordanland verstärken, forderte der Likud-Abgeordnete Juwal Schteinitz am Mittwoch und stieß damit auf große Zustimmung der Siedler, die immer wieder Märsche zu den Ruinen der 2005 geräumten Siedlung Chomesch in der Nähe veranstalten. Jetzt, da der Friedensprozess am Boden liegt und das Militär nicht handlungsbereit ist, sehen sie ihre Stunde gekommen. Auch damit wird sich Ehud Barak befassen müssen, wenn er tatsächlich Verteidigungsminister werden sollte.

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