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Wenigstens fährt der Berlinale-Bär Rad

Tabea Rößner fordert die Politik dazu auf, für mehr Nachhaltigkeit in der Filmbranche zu sorgen

  • Von Tabea Rößner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Berlinale ist in vollem Gange, der Kohleausstieg vereinbart. Zwei Themen, die nichts miteinander zu tun haben? Falsch. Sie haben sehr viel miteinander zu tun. Denn die Filmbranche ist eine sehr ressourcenintensive und tendenziell wachsende Branche. Auch sie muss ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Deutschland hat sich zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens bekannt. Kohlendioxid einzusparen ist damit eine Aufforderung an alle Wirtschaftszweige. Doch wenn es um die Unterhaltungsbranche geht, dann wird gerne ein Auge zugedrückt. Aber es muss umgedacht werden. Das ist auch das Fazit eines Fachgesprächs, zu dem die Bundestagsfraktion der Grünen im Vorfeld der Berlinale eingeladen hatte.

Bei Nachhaltigkeit in der Filmproduktion denken alle zunächst ans Catering. Keiner wird sterben, wenn er im Winter keine Erdbeeren bekommt, oder könnte behaupten, dass Kaffee aus Pappbechern besser schmeckt als aus der Kaffeetasse. Regionale und saisonale Verpflegung statt CO2-Emissionen durch eingeflogene Südfrüchte, wiederverwendbare Wasserflaschen statt Müllberge aus Plastikflaschen und Recycling von anfallendem Müll - das sollte heute kein Problem mehr sein. Doch obwohl die meisten Crewmitglieder zu Hause selbstverständlich Müll trennen, wird beim Dreh mal schnell alles in einen Müllsack geschmissen. Selbst da ist also noch Luft nach oben.

Grünes Produzieren ist aber noch viel mehr. Besonders bei Transport und Energie muss umgedacht werden. Gibt man die CO2-Emissionen eines Drehs in einen CO2-Rechner ein, zeigt sich schnell, dass große Posten die An- und Abreisen ausmachen. Da wird mal eben hin- und hergejettet - die Flüge sind ja billig und die Zeit knapp. Es gibt aber Produktionsfirmen, die Schauspielern eine Bahncard finanzieren, wenn diese nur per Bahn anreisen. Eine Win-Win-Situation, die sich drastisch auf den CO2-Fußabdruck einer Produktion niederschlägt.

Schwieriger wird es bei der Set-Logistik. Elektro-Autos und Erdgas-LKW gibt es, aber kein Verleiher hat diese im Sortiment. Hier herrscht kein Nachfrage-, sondern ein Angebotsproblem. Ähnlich sieht es mit der Stromversorgung am Set aus. Selbst wenn die Produktion bereit ist, Mehrkosten für das Leihen eines CNG-Generators zu zahlen, anstatt mit Dieselgeneratoren die Umwelt zu verpesten, sie würden keinen bekommen. Die Anschaffung neuer Technik ist sehr kostenintensiv und für die Verleiher ein hohes Risiko, das sie finanziell oftmals nicht alleine stemmen können. Hier braucht es eine Anschubfinanzierung.

Neulich wurde ich zu einem grünen Dreh eingeladen. Der Produzent berichtete, dass für einen festen Stromanschluss - als Alternative zu einem Generator - pro Set mehr als 1000 Euro gezahlt werden müsse. Bei 20 verschiedenen Sets könne das teuer werden. Auch die Bühnenbildner stehen vor Herausforderungen. Alternativen zu Styropor gibt es inzwischen - zum Teil sogar kompostierbar. Sie sind aber in großem Umfang noch nicht zu bekommen. Kosmetik ohne Plastik kommt ebenfalls nicht immer zum Einsatz. Ein Umweltzertifikat wie der Grüne Drehpass der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein soll Filmschaffende ermutigen, ökologische Maßnahmen umzusetzen.

Nachhaltigkeit muss von allen Beteiligten des Filmemachens mitgedacht werden. Die Idee ist, grüne Berater als eigenen Berufszweig zu etablieren. Die Tage sind vorbei, als der Set-Praktikant für Nachhaltigkeit zuständig war. Hier steht auch die Politik in der Verantwortung. Bereits 2017 führten zwei öffentliche Anhörungen im Bundestag fraktionsübergreifend zu der Meinung, dass Anreize für Nachhaltigkeit in der Filmbranche geschaffen werden müssen. Die Haushalte bilden das jedoch noch nicht ab. Zwar wurde die Berücksichtigung »ökologischer Belange« bei der Novellierung des Filmförderungsgesetzes als Aufgabe der Filmförderungsanstalt in den Aufgabenkatalog aufgenommen, Richtlinien wurden bisher keine erarbeitet.

Nachhaltigkeit sollte aber auch den Weg in die Geschichten finden. Einen Fahrrad fahrenden »Tatort«-Kommissar gibt es neben Kommissar Thiel aus Münster nur in Drehbuchseminaren. Der Berlinale-Bär fährt dieses Jahr immerhin mit dem Rad oder Bahn zum Kino, verrät ein Blick auf die Berlinale-Plakate. Wenn das auch die Zuschauerinnen und Zuschauer machen, lässt dies zumindest hoffen, dass aus Ankündigungen auch Taten folgen können.

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