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Dumpinglöhne im Krankenhaus

Serviceassistentinnen und Wachleute am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum im Warnstreik

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vor dem Haupteingang des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK) stehen am Donnerstagmorgen drei Dutzend Männer und Frauen mit Westen der Gewerkschaft ver.di. Je nachdem, was gerade ins Megafon gerufen wird, ertönen Johlen, Buhrufe oder Pfiffe. Ein Taxifahrer hält an der Auffahrt und beschwert sich freundlich lächelnd: »Macht doch nicht so einen Lärm. Ihr habt doch schon gewonnen.«

Aber das stimmt so nicht. Einen erfolgreichen Abschluss haben am Mittwoch lediglich die Tarifgespräche für die rund 2200 Mitarbeiter gefunden, die direkt beim CTK angestellt sind. Hier aber demonstrieren etliche der 170 Beschäftigten der Tochtergesellschaft Thiem Service GmbH (TSG). Ihr Tarifkonflikt ist keineswegs beendet. An diesem Freitag gibt es den nächsten Verhandlungstermin.

Die Krankenschwestern und Pfleger werden vier Prozent mehr Lohn erhalten. Damit liege der Haustarif dann zwar immer noch sechs Prozent unter dem Tarif für den öffentlichen Dienst, erläutert Gewerkschaftssekretärin Heike Plechte. Doch CTK-Direktor Götz Brodermann hat durchblicken lassen, dass es perspektivisch zu einer Angleichung kommen soll. Insofern kann ver.di die Einigung als Erfolg verbuchen.

Verhärtet sind die Fronten jedoch, wenn es um die Löhne der Wachschützer und Serviceassistentinnen geht, die in die Tochtergesellschaft TSG überführt worden sind. Denen sind zuletzt 3,5 Prozent mehr Lohn in Aussicht gestellt worden, plus weitere zwei Prozent mehr ab 1. Januar kommenden Jahres.

Eine Serviceassistentin würde dann zunächst nur 9,96 Euro erhalten, rechnet ver.di vor. Eine Rente, die zum Leben ausreicht, komme dabei nicht heraus. Oft reicht es jetzt schon hinten und vorne nicht, zumal etliche Frauen nur vier oder sechs Stunden am Tag arbeiten. 9,96 Euro liegen auch unterhalb des brandenburgischen Vergabemindestlohns von 10,50 Euro - und das CTK ist immerhin ein kommunales Krankenhaus. Ab April 2019 müssen Firmen ihren Beschäftigten wenigstens 10,50 Euro die Stunde bezahlen, wenn sie Aufträge vom Land oder von den Kommunen erhalten wollen.

Es ist allerdings rechtlich dünnes Eis, dies auf die Geschäftsbeziehungen der Klinik zu ihrer Tochtergesellschaft anwenden zu wollen, die übrigens in Personalunion ebenfalls von Götz Brodermann geleitet wird. Darum argumentiert die Gewerkschaft damit nur vom moralischen Standpunkt aus.

Zur Thiem Service GmbH gehören der Sicherheitsdienst, das Schreibbüro, die Sterilisierung und die Serviceassistentinnen, die am Empfangstresen sitzen oder den Patienten das Essen servieren. Im kommenden Jahr sollen noch die Reinigung der OP-Betten, das Küchenpersonal, die Lagerlogistik sowie der Patienten- und der Gütertransport zur Servicegesellschaft wechseln.

Kliniksprecherin Susann Winter bestätigt, dass im Klinikum jährlich ein Überschuss von fünf bis sechs Millionen Euro erwirtschaftet werde. Dennoch sei dieses Geld nicht so einfach zum Verteilen an das Personal vorhanden. Denn es stehe teure Diagnose- und Behandlungstechnik im Wert von 40 Millionen Euro im Haus und diese müsse immer wieder ersetzt werden. Es würden Mittel für Investitionen gebraucht, weil die Zuschüsse des Landes Brandenburg dafür nicht ausreichen. Wenn den Serviceassistentinnen und ihren Kollegen jetzt der Tarif für den öffentlichen Dienst gezahlt würde, so entspräche dies einer Steigerung um 40 Prozent, sagt Winter. Von dieser überhöhten Forderung müsse ver.di ablassen. Das sei ja der Sinn einer Ausgliederung, bei den Gehältern zu sparen.

Über solche Äußerungen ärgert sich Serviceassistentin Sabine Block, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Annett Raue in der Tarifkommission sitzt. Sabine Block spricht von »Dumpinglöhnen« und davon, dass kein Politiker auf Geld verzichten würde, um die Stadtkasse zu entlasten. Unfair findet sie die Weigerung, befristete Arbeitsverträge zu verlängern, solange es keine Tarifeinigung gibt. »Zehn bis 15 Kollegen hängen deswegen in der Luft und wissen nicht, ob sie sich im März oder April beim Arbeitsamt melden müssen«, beklagt Block.

Annett Raue erklärt entrüstet, dass sogar die bei der Dienstleistungsfirma Gegenbauer angestellten Reinigungskräfte im CTK besser verdienen als die Serviceassistentinnen. »Es ist ein Skandal. Es götzt uns an«, schimpft Raue in Anspielung auf den Vornamen des CTK-Chefs Götz Brodermann.

Ein Warnstreik begann am Mittwoch um 6 Uhr und sollte bis Donnerstag 22.45 Uhr dauern. Der Ausstand hat Auswirkungen. Die Krankenschwestern müssen so lange das Essen ausgeben. Weil sie aber genug anderes zu tun haben, könne das auch mal ein bisschen dauern, heißt es.

Dabei komme es doch beispielsweise bei Diabetikern darauf an, regelmäßig und rechtzeitig zu essen, sagt ein Krankenpfleger. »Das zeigt, wie wichtig die Serviceassistentinnen sind. Ohne euch sind wir aufgeschmissen«, lobt er die Frauen. Bei einem früheren Warnstreik sollen auf einer Station gehfähige Patienten jenen Kranken, die nicht aufstehen konnten oder durften, das Essen ans Bett gebracht haben, erzählt Sabine Block.

Der Taxifahrer hat derweil längst die Tür seines Autos geöffnet und seinen Fahrgast aussteigen lassen. Er redet kurz mit den Streikenden und lässt sich die Situation erklären. Dabei nickt er mehrmals.

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