Zero Waste in Berlin

Die Kraft der Bequemlichkeit

Zero Waste ist das Ziel des Berliner Senats - doch die Umsetzung ist schwierig

Von Tim Zülch

Noch ein letzter Schluck Heißgetränk to-go und mit einer beiläufigen Bewegung den Becher in den Mülleimer entsorgt. Am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg gehört der Pappbecher mit Plastedeckel mittlerweile zum festen Accessoire. »Ex und Hopp«, der saloppe Spruch, der schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, passt noch immer - man könnte sogar sagen, immer besser.

Denn täglich werden mittlerweile rund 460 000 dieser Becher berlinweit gekauft, wenige Minuten genutzt, weggeworfen und schließlich verbrannt. Denn recyceln lässt sich das Material - eine Kombination verschiedener Kunststoffe und Pappe - nicht. »Die Papierkörbe in unseren Parks quellen über wegen dieser Becher«, empört sich Georg Kössler, Grünen-Politiker im Abgeordnetenhaus. Mittlerweile müssen die Mülleimer in einigen Parks deswegen zwei Mal täglich geleert werden. »Ich denke, dass eine Abgabe oder Steuer auf Einweg nötig ist«, sagt er.

Zero Waste heißt das Leitbild, an dem sich Berlin auf dem Weg zur Reduzierung des Müllaufkommens orientieren soll, so steht es im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag. Außerdem soll durch mehr Wiederverwertung die Restmüllmenge gesenkt werden und die Biotonne flächendeckend eingeführt werden, das Ganze flankiert von entsprechenden Bildungsmaßnahmen an Schulen.

Passiert ist bisher wenig. Das Restmüllaufkommen pro Person (inklusive Gewerbemüll) bleibt konstant bei etwa 250 Kilogramm pro Jahr, die Wiederverwertungsquote stagniert und im Restmüll finden sich nach wie vor gut 40 Prozent Biogut. Kössler ist ungeduldig: »Mir geht das alles viel zu langsam«, gesteht er. Darum würde er gerne »ein paar Pflöcke einschlagen«, wie er sagt. Vor allem die Berliner Stadtreinigung (BSR) kommt bei ihm schlecht weg: »Die BSR spielt noch nicht das gleiche Lied wie die Politik. Die BSR ignoriert einfach Entscheidungen des Abgeordnetenhauses, beispielsweise die Senkung der Biomülltarife.«

Dass vor allem beim Biomüll ein riesiges Potenzial zur Müllvermeidung besteht, unterstreicht auch Tobias Quast, Abfallspezialist beim Umweltverband BUND Berlin. »Jeder Berliner sammelt nur rund 20 Kilogramm Biomüll im Jahr. Da liegen wir im bundesweitem Vergleich ganz weit hinten. In Köln, Hamburg oder ähnlichen Städten sind es doppelt so viel«. Er ist sich sicher, dass sich auch in Berlin die Menge sortenrein gesammelten Biomülls drastisch erhöhen würde, wenn die BSR die Biotonnentarife massiv senken oder ganz abschaffen würde. Der Anteil des Restmülls könnte so um bis zu 40 Prozent sinken.

Aus den biogenen Produkten im Abfall könnte Biogas als Kraftstoff gewonnen werden. Seit Jahren wird über eine zweite Biogasanlage der Stadtreinigung gesprochen. Die Anlage, die die BSR letztes Jahr in Hennickendorf bei Berlin gekauft hat sei allerdings ungeeignet, so Quast: »Die ist zu klein und total veraltet. Methan kann dort austreten und die Verrottung ist nicht ausreichend.« Die BSR sehe vor allem die Einnahmen, die sie durch die im Verhältnis teuren Restmülltonnen generiere, beobachtet Quast, und habe daher wenig Interesse an einer Verminderung dieser Einnahmen.

Durch den Wechsel der bisherigen Chefin Tanja Wielgoß zu Vattenfall sehe er aber durchaus Chancen, die BSR auf Abfallvermeidung zu trimmen. »Diese Ziele müssten im Arbeitsvertrag eines neuen Vorsitzenden verankert werden.«

Die Stadtreinigung sieht sich auf nd-Anfrage zu Unrecht beschuldigt. Das Problem liege vor allem bei den Bürgern, heißt es. »Trotz Anwendung all dieser Maßnahmen bleibt der Weg zu mehr Abfalltrennung und weniger Restabfall in einer internationalen Metropole wie Berlin mit unterschiedlichen Kulturen und hochanonymen Wohnsituationen ein Langstreckenrennen, bei dem sprunghafte Erfolge eher nicht zu erwarten sind«, so der Entsorger. Auch eine Reduktion der Restmüllmenge um ein bis zwei Prozent sei unter diesen Vorzeichen als Erfolg zu werten. Außerdem habe man die Tarife für die Biogut-Tonne bereits zu Anfang des Jahres um zehn Prozent gesenkt. Bei einer kostenlosen Aufstellung würde es voraussichtlich »verstärkte Restabfallfehlwürfe« geben. Ab April werde zudem eine »Pflicht-Biotonne gemäß Kreislaufwirtschaftsgesetz des Bundes« eingeführt, von der sich nur Bewohner mit der Möglichkeit zur Eigenkompostierung befreien könnten.

Um den Einwegbecherbergen Herr zu werden hat der Senat vor eineinhalb Jahren die Pfandbecherkampagne Better-World-Cup gestartet. Die Zeit scheint reif für solche Konzepte. Mit der Resonanz sei man mittlerweile zufrieden, so ein Sprecher der Umweltsenatorin. Derzeit seien 904 Partner-Geschäfte angeschlossen. Mit McDonalds, der Backerei Steinecke und neuerdings REWE nähmen auch ein paar Große der Branche teil. Wer einen Better-World-Cup erwerbe oder einen eigenen Mehrwegbecher mitbringe bekomme 10 bis 20 Cent Rabatt pro Getränk.

Im Unverpackt-Laden »Der-Sache-Wegen« in Prenzlauer Berg wird alles aus großen Behältern zum selbstabfüllen angeboten. Inhaberin Christiane Sieg fällt es schwer, den Ansturm zu bewältigen. »Das geht ab wie eine Bombe, der Umsatz ist stark gestiegen und ich müsste längst neue Mitarbeiter einstellen«, sagt sie. Die Lagerfläche reiche nicht mehr aus. »Auch im Großhandel hat sich viel getan und ich habe keine Probleme mehr, Großgebinde in Pfandverpackungen zu bekommen«, berichtet sie. Sieg führt das nicht nur auf den Standort Helmholtzplatz zurück. »Die Leute kommen von überallher. Anwohner sind sogar eher die Minderheit«, sagt sie. Der Kritik an der BSR will sie sich nicht anschließen. »Die machen doch tolle Werbekampagnen«, sagt sie.