Werbung

Der wunderbare Fremdling

Zum Tod des unvergleichlichen Schauspielers Bruno Ganz

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es war, als hätten sämtliche Sanduhren ihr eigenes Glas gesprengt: alle Stunden nunmehr ausgelaufen; die Zeit, wahrhaft, in den Sand gesetzt. Der nun unablässig aus den schwarzen Himmeln rann. Eingefasst war die Bühne von grauen, verschmutzten Bauplanen - heilige Gegenden sind immer auch Kriegsgegenden. Ein Götterhain? Wer hier wohnte, war mit Leben - erschlagen. Der Maler Anselm Kiefer schuf den Ort für »Ödipus in Kolonos« von Sophokles, aus dem Altgriechischen übertragen von Peter Handke. Vor Jahren am Burgtheater Wien inszeniert von Klaus Michael Grüber, in der Titelrolle: Bruno Ganz.

Er spielte mit märchenhafter, versteinernder Grazie den krönenden Ehrgeiz eines Menschen, einzig noch sein eigenes Verschwinden zu betreiben. Wie da ein blinder Geschundener das letzte Kapitel Lebens-Kunst aufschlug! Erzählend: Da kommt ihr alle hin! Der Heimkehrer draußen vor der Polis. Sah aus wie ein vergreistes Wolfskind. Die Stunde vorm Tod wie der Moment vor einer Geburt - paradox. Aber wo etwas paradox wird, ist es einer Wahrheit wahrscheinlich sehr nah.

Der Arbeitsort dieses großen europäischen Schauspielers war dort, wo eine unüberwindbare Entfernung zur schönsten, schwierigsten Erfahrung werden kann. Es ist die Entfernung zwischen einer Dichtung und dem, der sie ausdrücken möchte. Ganz wollte beides - diese Entfernung verkürzen und sie zugleich heiligen. Dies gab dem Künstler eine geheimnisvolle, aber auch heitere Aura. Sie kam aus Gebundenheit an eine alte Sitte: in der Kunst einzig und allein durch jenen ästhetischen Anschein zu überzeugen, den der innere Klang des Wortes hervorrufen kann. Hölderlins Diotima, Kleist, Giorgos Seferis. Verse, mal lichtklar leise, dann wieder brausend und scharf. Immer gegen den schnurrenden Zeitgeist.

Im Kino sah ich »Heidi«, den Film von Alain Gsoner. Es saßen mehr Erwachsene als Kinder im Saal. Die Kinder sahen den Großvater, aber anzunehmen ist: Die Erwachsenen sahen vor allem Bruno Ganz. Große Schauspieler lassen bei aller Versunkenheit in einer Rolle nie vergessen, dass sie große Schauspieler sind. So auch hier. Dieser Großvater, der Alpöhi, in seiner Einsamkeitshütte hoch droben - er offenbarte in seiner drohlichen, dann traulichen Erscheinung just den, der ihn spielte. Ein Karger, Verschlossener, der nicht sich selber in Szene setzt, sondern mit jedem Moment seines Schweigens und Schauens ein Stück Welt setzt. Bergwelt, Seelenwelt - welches ist das stärkere Massiv? Oder ist Stärke nur der Schutzmantel? Wie in den Höhen der Schnee einen Schutz schafft - nämlich dem Unterboden, der bald wieder blühen wird. Weich und wanderbar. Wunderbar.

Der Schweizer Ganz, 1941 als Arbeitersohn in Zürich geboren, verließ das Gymnasium kurz vor dem Abitur, ließ sich zum Schauspieler ausbilden, kam 1952 in die Bundesrepublik. Er brach als junger Mann auf zur Truppe um den rebellischen Peter Zadek in Bremen. War Franz Moor, Hamlet, Macbeth, schließlich Peter Steins klassisch-antiautoritärer Tasso. Ging nach Berlin an die Schaubühne. Wurde Klaus Michael Grübers Empedokles und gefesselter Prometheus. Später noch einmal Hamlet - und Peer Gynt. Ganz ist einen Weg theatralischen Denkens und Tuns gegangen, der just an jener Schaubühne einen steil beglückenden Aufstieg ins analytisch Helle, Aufklärerische schuf. Ästhetische Radikalität wurde an der berühmten Bühne Steins zum Antrieb einer kollektiven Veränderungshoffnung. Auch außerhalb der Aufführungen. Mitbestimmung? Basis-Kollektivität? Aktivisten-Furor rund um Spielpläne und Regiekonzepte? Unbedingt! Kampf, dann Kichern und Jahre später die Bilanz: »Ich bin, was Kunst betrifft, absolut gegen jede Demokratie. Total. Ich halte die Vorstellung, dass alle gleich gut in einer bestimmten Sache sind, für unwahr.«

Bruno Ganz geriet damals in die wachsende politische Illusionslosigkeit jener 68er, die auf Dauer zu sensibel waren für Eifer. Irgendwann gingen bei ihm gebrochenes Weltempfinden und das unverletzbar bleibende Kunstgefühl eine bezwingende Liaison ein. »Wir waren politisch eine Generation, die sich daran verschliss, das Eigene zu formulieren.« Wenn dann Peter Stein in den 80er Jahren jener Regisseur war, der die besagte politische Ernüchterung in eine verblüffende Kunstschönheit umsetzte, in der das Leben neu, bewundernswert melancholisch aufleuchtete - dann war Ganz der Protagonist dieses Wunders. Eines sich steigernden Versunkenheitssinnes. Einer wachsenden Freude am Unklaren, am Geheimnis. Suche nach der verlorenen Zeit - aber so, als sei das Spiel wie eine Uhr, der man bitte nie ansehen möge, wie spät es gerade ist.

Nie ist er der expressive Verwandler gewesen. Doch mit jeder Geste gründete er ein durchrauntes Gelände. Mehr und mehr - enttäuscht von den Hopsigkeiten des Theaters - wurde er ein Prägender des Kinos. Charakterweltglanz in Filmen von Wenders, Handke, Rohmer, Herzog, Schlöndorff, Tanner, Goretta, Coppola, Angeloupolos, Scott, von Trier, Matti Geschonneck. Herausragend: der leise, traurige, graziöse Kellner Fernando in »Brot und Tulpen« von Silvio Soldini. In Erinnerung auch der Privatdetektiv, den Martin Walser erfunden hatte: »Tassilo - ein Fall für sich«; schon der Titel der TV-Reihe verwies auf die Doppelbödigkeit des Nicht-Helden, eine Art Provinz-Columbo, dem Ganz als einen charmanten Ungeschickten spielte, mit skurrilem Witz verstrickt in den unlösbaren Fall namens Leben.

Er gab im »Untergang« den Hitler. Spiel-Bedürfnis siegte über Bedenken. Aller Streit um Oliver Hirschbiegels Film hatte seine Berechtigung, aber Ganz, der Wägende, der Ungebundene, hat da nur sehr erfrischend natürlich gehandelt, nämlich mit jener preschenden Neugier, ohne die dieser Beruf nicht denkbar wäre: das Unspielbare spielen, das Unbegreifliche berühren wollen. Heilig sei der unheilige Grundsatz des Komödiantentums: Führe mich in Versuchung! Göttliches versuchen - und zwar in den Teufelsrollen! Hitler: Wahn und Wurschtigkeit. Ganz grandios: geradezu lüstern luziferisch, geradezu lasziv lachhaft.

Beharrlich alterte sich dieser Spielkünstler ans Beständige heran, das die Dichter stiften. Wissen versuchte er zurückzuzaubern in jene Ahnung, die mehr weiß. Mit seiner gelassenen Art, in entscheidenden Fragen unbeweglich zu bleiben, wirkte der Schauspieler so, wie es Peter Stein in einer »Faust«-Probe mit einem schönen, gar nicht existierenden Wort ausdrückte: Sein Hauptdarsteller sei »ausruhsam«. Irgendwann übrigens gestand der Schauspieler, mit jenem Faust, den er in Steins buchstabentreuem 22-Stunden-Marathon gab, habe er eigentlich nichts zu tun. Schmerzende Ehrlichkeit gegen den Regisseur, dessen Projekt Ganz aber eben doch ein paar seiner Lebensjahre diszipliniert hingab.

Immer, wenn ich ihn sprechen sah und spielen hörte, schien eine Zwingkraft zu wirken, ein Schleusenwerk wider das Ungezügelte. Stets, wenn ich ihn eine Bühne betreten sah oder er in einem Film auftauchte (er trat stets etwas verquält und kindlich zugleich, schwebenah und doch unübersehbar körperschwer auf) - dann schien es, als wolle der Spieler etwas Geformtes zurückstreuen ins formlos gewordene Leben. Und du fühltest Fragen! Warum fällt uns heute alles so leicht? Warum müssen wir alles immer sofort verstehen, verwerten, vernutzen? Warum reizt uns nicht, was sich uns entzieht? Und warum müssen wir alles auf unser Niveau ziehen, und warum merken wir nicht beschämt, dass vieles, was wir zu uns heranziehen, ein Herunterziehen wird, geradezu ein Herabwürdigen? Die Tore zu einer Dichtung sind keine Galeria-Kaufhof-Tür.

Diesen Künstler bewegte, was in dieser Welt nicht von dieser Welt ist. Er würde schwören, schrieb Botho Strauß, »dieser Schauspieler hat noch nie über einen Satz hinweg gesprochen.« Er sei ein »Fremdling unter den sorglosen Resteverwertern der Epoche«. Man habe bei Ganz den Eindruck, »als bedränge ihn etwas Dunkel-Ungebärdiges, Chaotisches, das er kurz vorm Ausbruch dann durch Sprache bezwingt und zähmt wie Orpheus die wilden Tiere«. Ganz war dem Schriftsteller ein treuer Bruder - in jener einzig würdigen Denkungs- und Fühlungsart, »sie ist immer und existenziell eine Fantasie des Verlustes und nicht der (irdischen) Verheißung. Eine Fantasie also des Dichters«.

Nun ist der unvergleichliche Bruno Ganz im Alter von 77 Jahren in Zürich gestorben.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!