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Die Macht der Erinnerungen

Die »Berlinale-Bären« und das Ende einer Ära: Abschied von Festivalchef Dieter Kosslick

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.

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Es liegt einiges an Abschied in der Luft, eine mit Händen zu greifende Schwermut in der alljährlichen Selbstfeier der Berlinale. Aber es ist nun tatsächlich das letzte Mal so, wie es achtzehn Jahre lang unter Festivalchef Dieter Kosslick gewesen ist. Charmant, aber nie ohne Ernst bei der Sache, die da Film heißt.

Nun endet eine Ära - und damit auch die Arbeitsverträge seiner vielen Mitarbeiter. In Pausengesprächen hörte man von der Sorge, dass sich da nicht nur für den 70-jährigen Kosslick das Kapitel Berlinale geschlossen hat. So wie es heute überall ist: Langjährige Mitarbeiter können sich bei den neuen Chefs, die die glorreiche Vergangenheit des Festivals wenig interessiert, wie Neulinge bewerben. Eigentlich unwürdig, so ein Prozedere, aber eben auch ein Spiegel des herrschenden Sittenverfalls in allen Bereichen der Gesellschaft.

Gewiss, unter Kosslick wollte man immer größer werden, gierte nach Zuschauerrekorden, wuchs immer mehr in die Breite, manche sprachen schon von Überdehnung der Berlinale bei all den unüberschaubaren Filmnebenreihen. Etwa 400 Filme liefen in zehn Tagen, aber nur 17 im Wettbewerb, da kann man schon von einem Ungleichgewicht sprechen. Der siebzehnte Wettbewerbsfilm konnte dieses Jahr übrigens nicht gezeigt werden. Warum der chinesische Beitrag »Yi mia zhong« von Zhang Yimou über die Kulturrevolution drei Tage vor dem Start der Berlinale wieder zurückgezogen wurde, darüber schwieg man sich aus. Schwierigkeiten bei der »Postproduktion« so hieß es offiziell, seien der Grund. Inoffiziell sprach man von Schwierigkeiten anderer Art: die Zensur in China. Dass man darüber ein Tuch des Schweigens legte, darf man wohl als einen faulen Frieden bezeichnen.

Wehmut gleich zu Beginn der von Anke Engelke moderierten Preisverleihung. Comedy-trainiert, wie sie ist, kann sie bei ihren artistischen Sprüngen zwischen Englisch und deutsch eigentlich nichts erschüttern - aber auch sie ahnt wohl, dass es ein letztes Mal sein wird. Also macht auch sie, was sie für richtig und wichtig hält. Als Erstes ein großes Foto von Bruno Ganz, der gerade gestorben ist - dieser so besondere Schauspieler, der das Artifizielle in etwas fast Natürliches zu verwandeln verstand. Welch ungeheure Ausdrucksfähigkeit, die dem Kino fehlen wird. Ihm im »Himmel über Berlin«, dem Film von Wim Wenders, in dem er einen ins da noch geteilte Berlin reisenden Engel spielte, gilt am Anfang das Gedenken - und mir schien, dass kein Beifall an diesem Abend länger war als der zu seinen Ehren.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters nimmt sich viel Zeit, Dieter Kosslick auf sehr persönliche Weise zu verabschieden. Immerhin, eine Politikerin, die eine eigene Sprache spricht und sich zudem auch noch tatsächlich für Kunst interessiert. Das ist selten geworden in Zeiten seelenlosen Politikmanagements. Kosslick, der einmal sagte, was er mache »bestehe, eigentlich nur aus guten Nerven«, wird von ihr als ein Gourmet geschildert, für den Filme aussuchen so etwas wie kochen sei. Am Ende soll es allen schmecken? Das gelang auch Kosslick nie, obwohl er das Unpopuläre und Experimentelle nie scheute, aber eher als Kontrast innerhalb eines für ein breites Publikum gemachten Festivals. Wird sich das künftig ändern, wird das Festival stärker zur Avantgarde-Bühne und der rote Teppich zur Nebensache?

Über die Preisvergabe den Kopf zu schütteln, gehört jedes Jahr wieder zum guten Ton unter Kritikern. Der eigene Favorit ist nie dabei. Auch dieses Jahr überraschte die Wettbewerbsjury unter dem Vorsitz der französischen Schauspielerin Juliette Binoche mit einigen ihrer Entscheidungen. Jemandem einen Preis zu geben heißt, ihn einem anderen, der ihn ebenso verdient hätte, zu verweigern. Eine andere Jury hätte gewiss anders entschieden - in dieser subjektiven Handschrift der Jury liegt ja gerade der Reiz eines solchen Festivals.

Reden wir also über Filme, die unverdientermaßen leer ausgingen. Lone Scherfigs Eröffnungsfilm »The Kindness of Strangers« war weit mehr als kulinarisches Kino zum Auftakt. Im Gegenteil, ein auf herbe Weise poetischer Beitrag über eine junge Frau, die mit ihren zwei Kindern aus der Provinz nach New York kommt - eine Fluchtgeschichte im eigenen Land, und New York wurde so von unten porträtiert, wie man diese Stadt noch nie gesehen hat. Dieser wunderbare Film aber wird seinen Kino-Weg auch ohne Berlinale-Bären ebenso machen wie ihr »Italienisch für Anfänger«, mit dem die Regisseurin 2001 so erfolgreich auf der Berlinale debütierte.

Der in seiner Stille intensive türkische Wettbewerbsbeitrag von Emin Alper »Kiz Kardezler« über drei Schwestern mit ihrem alten Vater in einem abgelegenen anatolischen Dorf wurde leider kaum beachtet. Aber was sich hier auf engstem Raum für eine Energie der Sehnsüchte versammelte, das ähnelte Tschechows »Drei Schwestern«, wo alle nach Moskau wollen, aber in einem jämmerlichen Leben im Abseits feststecken. Hier ist nicht Moskau das Ziel, sondern die einige Stunden entfernt liegende Provinzstadt, von der die Schwestern vergeblich träumen. Übrigens war das russische Kino nicht im Wettbewerb vertreten - eine versäumte Gelegenheit Brücken zu bauen, gerade in Zeiten gefährlicher antirussischer Stimmungsmache.

Kontroversen gab es zum deutschen Betrag von Fatih Akin: »Der goldene Handschuh« - eher ein Brechmittel, aber ein wohlkalkuliertes. Fritz Honka war in den 70er Jahren auf St. Pauli in jenen billigen Amüsierkneipen wie dem »Goldenen Handschuh« ein Dauergast. Hier fand er seine Opfer, die er in seiner Wohnung ermordete. Die Leichen zerteilte er, deponierte die Stücke in Ecken und Winkeln, bis es zum Himmel stank. Niemand reagierte darauf. Auch dies ein Film über eine Stadt von unten. Akin demontiert sowohl den bundesrepublikanischen 70er-Jahre-Mythos als auch den der freundlichen Sextouristenmeile Hamburg St. Pauli. Unter den Konsumverlierern herrschen pures Elend und Verwahrlosung. Irgendwie erinnert mich dieser Film an Christoph Schlingensiefs »Kettensägen-Massaker« - unerfreulich bis zum Ekel, aber irgendwie auch einen verborgenen Nerv der Zeit treffend.

Ansonsten können sich in diesem Jahr die deutschen Filme über mangelnde Anerkennung nicht beklagen. So wurden gleich zwei Wettbewerbsfilme über Mütter und ihre Kinder prämiert. Angela Schanelecs »Ich war zu Hause, aber« erhielt den Silbernen Bären für die beste Regie. Dieser Film teilte das Publikum in diejenigen, die in den hier geführten Kunst-und-Leben-Diskursen philosophische Fingerzeige erblickten und die anderen, die sich bloß langweilten.

Ganz das Gegenstück hierzu ist das hochdynamische Aggressionsstück »Systemsprenger« von Nora Fingscheidt, der den Alfred-Bauer-Preis für neue filmische Perspektiven erhielt. Beachtlich für ein Regiedebüt. Dieser Film über ein unkontrollierbar »wildes Kind« lebt ganz von der neunjährigen Darstellerin Helena Zengel, deren Spiel eine geradezu beängstigende Wucht erzeugt.

Die silbernen Darsteller-Bären gingen an den chinesischen Film Wang Xiaoshuais »Di jiu tian chang«, Wang Jingchun als bester männlicher Darsteller und Yong Mei als beste weibliche Darstellerin. Erzählt wird in starken Bildern ein Familiendrama über drei Jahrzehnte im Schatten eines Staudammes. Ein Spiegel des modernen China - und die nicht nachlassende Macht der Erinnerungen.

Umstritten - wie jedes Jahr - auch diesmal der »Goldene Bär« für den besten Wettbewerbsfilm. »Synonymes«, der französische Beitrag des in Israel geborenen Regisseurs Nadav Lapid ist ebenso provokant wie auf eruptive Weise poetisch. Kein Meisterwerk, aber mit bemerkenswert wuchtigen Szenen, in denen sich die Erfahrungen des Regisseurs bei seiner Ankunft in Paris wiederfinden.

Yoav, ein junger Israeli, kommt nach Paris. Er hasst Israel, für das er viele hässliche Wörter findet. Niemals will er dorthin zurück. Der Selbstversuch einer rabiaten Identitätsvernichtung beginnt. Frankreich allein wird ihm das gelobte Land. Doch schnell muss er erfahren, dass die Widersprüche auch in der französischen Gesellschaft brutal sind und man Fremden gegenüber alles andere als freundlich ist. Der Staatsbürgerkundeunterricht für Einbürgerungskandidaten verwandelt sich in eine Groteske. Was ist der gallische Hahn, das Symbol der Franzosen? Stark, mutig und steht früh auf. So, wie jeder gute Franzose. Spätestens jetzt erwacht in Yoav der Anarchist.

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