Heroenparade in Skopje: Philipp II., Vater Alexanders d. G., ist nur einer von vielen.

Von Titos Grab bis zu Teresas Geburtshaus

Im Spätsommer durch Ex-Jugoslawien: Menschen und Kultur, Natur und Politik zwischen Belgrad und Skopje

Von Michael Müller

Warum sollten wir gerade auf den Balkan reisen? Schlechte Politik und Armut, kränkelnde Umwelt und zunehmend rohe Alltagssitten haben wir doch bei uns schon genug, oder?

Solche Einwände begegnen dem Autor des Öfteren. Und sie sind nicht so einfach von der Hand zu weisen. Aber es gibt auch nicht wenige interessierte Leute, die wie der britische Schriftstellers Aldous Huxley (1894-1963) meinen: »Reisen ist das Entdecken, dass alle Unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken.« So formulierte er es in seinem bedrückenden, neudeutsch: dystopischen Zukunftsroman »Schöne neue Welt«. Indikation gegen Indoktrination.

Und die wirkt heute durchaus auch bei einer Kultur- und Bildungsreise durch Ex-Jugoslawien. Knapp zwei Stunden Anflugzeit braucht man von Deutschland. Und es ist erstaunlich, wie schnell bei Mitreisenden die erlebte Wirklichkeit beginnt, bisherige Vorstellungen zu korrigieren, zu relativieren, in jedem Fall aber zu bereichern.

Wenn heute in Westeuropa Ex-Jugoslawien in Rede steht, dann meist mit diesen Stichworten: Tito-Kommunismus, Bürgerkriege nach 1990, Korruption und Mafia, Vormarsch des Islam, Balkanroute der Migranten, Gastarbeiter fürs BRD-Wirtschaftswunder und vielleicht noch: preiswerter Urlaub an der Adria. Das alles mag nicht zwar völlig aus der Luft gegriffen sein. Aber es ist leider fast immer einseitig und vermittelt bestenfalls ein Zerrbild, wenn nicht gar ein Trugbild von dem, was ist.

Kaum jemand fände es glaubwürdig, wenn deutsche Medien über Italien unablässig als Mafialand Nr. 1 berichteten. Bei Mazedonien ist so etwas vergleichsweise üblich (momentan gedämpft, weil die neue Regierung das Land unter neuem Namen in die NATO steuert). Serbien wiederum wird immer wieder der geheimen und gefährlichen Freundschaft zu Russland bezichtigt, mag auch nur eine russische Firma dort ein Kohlekraftwerk modernisieren. Was aber ist so ein Kohlekraftwerk gegenüber dem deutsch-russischen Milliardenkooperationsprojekt Nord Stream 2?

Auch über solche Fragen wird auf unserer Tour von Nord nach Süd durch Ex-Jugoslawien zu diskutieren sein. Sicher ausgiebig. Miteinander und mit einheimischen Gesprächspartnern. Was südslawische Nationalitäten unterscheidet und eint, dürfte ein weiteres Thema sein. Ebenso ihr Verhältnis zu Albanern und Türken. Wo Südslawen historisch herkommen, wie und warum sich jetzt ihre Sprachen weiter ausdifferenzieren, welche Musik sie hören und welche Serien so im TV laufen. Was für ein Verhältnis sie zu ihrer herrlichen Landschaft haben, wie ihr Alltagsleben verläuft und warum die Jugend meist gen Westen strebt. Warum der Besuch von Titos Grab für die serbische Schuljugend Pflicht ist, warum die ältesten serbischen Klöster in Kosova stehen. Wieso das Geburtshaus der katholischen Nonne Mutter Teresa im orthodoxen Skopje peinlichst gepflegt wird, warum ein junger Mann namens Mustafa Kemal, nämlich der spätere türkische Präsident Atatürk, im mazedonischen Tetowo die Militärschule absolvierte.

Es gibt also gute Gründe, mal durch den Balkan zu reisen. Der wichtigste: Das dort ist auch Europa! Was im vermeintlich echten (West-)Europa noch nicht überall durchgesickert zu sein scheint. Verständlich. Zählten hiesige Historiker und Geografen den Balkan bis vor ein paar Jahrzehnten doch noch zum Orient.