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Blackout in Köpenick

Wegen Stromausfalls fuhr keine Straßenbahn - Klinikpatienten mussten evakuiert werden

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 4 Min.

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Thomas Schäfer, Chef der Stromnetz Berlin GmbH, legt die Stirn in Falten: »Es ist nicht nur der längste, sondern auch, was die Anzahl der betroffenen Personen angeht, der größte Stromausfall, an den ich mich in 40 Jahren erinnern kann.« Am Mittwochmorgen hatte der Stromnetzbetreiber - eine Tochterfirma des Energiekonzerns Vattenfall - eigentlich zur Jahrespressekonferenz geladen, um die Unternehmenspläne für das laufende Jahr vorzustellen. Doch das Interesse der Journalisten galt nun dem Stromausfall im Bezirk Treptow-Köpenick, von dem bis Mittwoch mehr als 30.000 Haushalte und rund 1900 Gewerbetreibende betroffen waren.

In den Ortsteilen Bohnsdorf, Grünau, Köpenick, Müggelheim und Schmöckwitz war der gesamte Strom ausgefallen. Straßenbahnen blieben stehen, Schulen, Kitas und öffentliche Verwaltungen blieben geschlossen, die Wärmeversorgung in Teilen von Friedrichshagen und Wendenschloss fiel aus, weil die zuständigen Blockheizkraftwerke heruntergefahren werden mussten. Die Feuerwehr warnte davor, dass der Notruf 112 ausfällt, und rief dazu auf, sich im Notfall auf den Weg zur nächstgelegenen Polizeiwache oder Feuerwehr zu machen. Im DRK-Klinkum Köpenick musste die Intensivstation mit 23 Patienten evakuiert werden, weil die Notstromversorgung schwankte.

Ursache war nach Auskunft von Stromnetz Berlin eine Horizontalbohrung einer Schweizer Firma, die am Dienstagnachmittag zwei Kabelstränge mit 110.000 Volt an der seit Januar gesperrten Allende-Brücke angebohrt hatte. »Um 14.07 Uhr bohrte die Firma durch das erste Kabel, um 14.10 Uhr durch das zweite Kabel. Damit war die Stromversorgung komplett weg«, erklärt Jürgen Schuck, Leiter des Krisenstabes von Stromnetz Berlin. Zuerst sei man davon ausgegangen, dass noch einzelne Leiter intakt geblieben sind. Darum war zunächst mitgeteilt worden, dass die Störung noch in der Nacht behoben sein könne. Doch am Dienstagabend war klar: Das dauert länger. »Sechs Stunden dauert es, eine der sechs betroffenen Leitungen zu reparieren. Wir arbeiten mit zwei Teams«, erklärt Jürgen Schuck. Es sei wichtig, so sorgfältig wie möglich zu arbeiten, um eine dauerhaft sichere Stromversorgung wieder herzustellen. Über voraussichtliche Schäden wollte sich Schuck nicht äußern, vermutet aber Millionenbeträge, die das verursachende Unternehmen zu zahlen habe.

Eigentlich gebe es ein quasi automatisiertes Verfahren bei solchen Baumaßnahmen, in dem die Baufirmen Pläne mit alle Versorgungsleitungen bekommen, erklärt Geschäftsführer Schäfer. »Die Baufirma hat keine Trassenauskunft eingeholt. Das ist nicht tolerabel und dagegen werden wir vorgehen«, sagte er.

Bei der Firma Mette Wasserbau, dem Vernehmen nach Auftraggeber der Bohrungen, wollte man keinen Kommentar zu dem Vorfall abgeben. Noch in der Nacht waren Einheiten des Technischen Hilfswerks, der Polizei, des Arbeiter-Samariter-Bundes und der Malteser im Einsatz, um Bürgern zur Seite zu stehen. Vor dem Rathaus Köpenick konnten Bürger an einem Wagen des Katastrophenschutzes ihre Mobiltelefone aufladen und telefonieren. In mehreren Schulen konnten sich Menschen aufwärmen, bei denen die Heizung ausgefallen war. Die BVG bot in den betroffenen Gebieten kostenlosen Transport an.

Während viele Bürger versuchten, das Beste aus der Situation zu machen und die Hilfsorganisationen sich Mühe gaben, die Auswirkungen zu begrenzen, meldete sich der Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner (AfD) am Mittwochmorgen mit der Bemerkung zu Wort: »Solche ärgerlichen und gefährlichen Ereignisse werden dank Energiewendewahnsinn und naiv-verspielter Altparteienpolitik häufiger werden.«

Thomas Schäfer von Stromnetz Berlin sieht zumindest kein eigenes Verschulden. Er betont, dass Vattenfall dieses Jahr 194 Millionen Euro in das Stromnetz investieren wolle - mehr als im vergangenen Jahr. Zu den Investitionen gehörten neben Instandhaltung und Modernisierung auch ein neues Umspannwerk in Wuhletal, der Ausbau des Netzknotens Charlottenburg und die Elektrifizierung der Europacity neben dem Hauptbahnhof. Die Investitionen würden auch trotz nahender Vergabeentscheidung des Berliner Senats weitergehen. Er sei überzeugt, man habe ein »gutes Angebot« abgegeben, sehe aber mit »gemischten Gefühlen« in die Zukunft. Dass Vattenfall erneut den Zuschlag für den Betrieb des Berliner Stromnetzes bekommt, gilt als unwahrscheinlich. Dies ahnt Schäfer offensichtlich auch und bricht noch eine Lanze für seine Angestellten: »An dem Stromausfall sieht man: Diese Mitarbeiter brauchen wir auch in Zukunft.«

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