Mehrere Hundert Mitarbeiter*innen der Jugendämter haben am Dienstag in Berlin für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen demonstriert.
Jugendämter in Berlin

Keine Zeit für Kinderschutz

In Berlins Jugendämtern herrscht dramatischer Personalmangel

Von Marie Frank

Seit 14 Jahren arbeitet Monika Lange schon im Regionalen Sozialpädagogischen Dienst des Jugendamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. Damit ist die 57-Jährige eher die Ausnahme: Die meisten ihrer Kolleg*innen sind entweder sehr viel jünger und unerfahrener als sie oder stehen kurz vor der Rente. Was Monika Lange zu schaffen macht: dass in letzter Zeit kaum noch neue Kolleg*innen dazukommen. Diejenigen, die trotz des niedrigen Gehalts beim Jugendamt anfangen, seien kurz darauf oft schon wieder weg. Aus Frust, weil die Zeit für eine Einarbeitung fehle. »Wir arbeiten am Limit«, sagt Lange. Der Regionale Sozialpädagogische Dienst (RSD) ist unter anderem für den Kinderschutz zuständig. Oft kann die Sozialarbeiterin nachts nicht schlafen, weil sie sich nicht sicher ist, ob sie auch die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Kein Wunder, bei den vielen Familien, die Lange und ihre Kolleg*innen betreuen. »Das ist persönlich sehr belastend«, sagt sie.

Deswegen ist Monika Lange in dieser Woche wie Hunderte andere Sozialarbeiter*innen der Jugendämter in den Streik getreten. Sechs Prozent mehr Lohn fordern die Gewerkschaften in der laufenden Tarifrunde im öffentlichen Dienst, mindestens jedoch 200 Euro. Fast noch wichtiger für die Beschäftigten der Jugendämter ist die Forderung nach einer Fallzahlbegrenzung, also wie viele Familien pro Mitarbeiter*in maximal betreut werden. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie spricht von einem »Orientierungsrahmen« von 65 Fällen pro Mitarbeiter*in, die Gewerkschaft ver.di fordert eine Obergrenze von 28 Fällen. Mit der Realität haben beide Vorschläge wenig zu tun: Momentan liegen die Fallzahlen teilweise bei über hundert, weiß Rainer Schwarz, Leiter des Jugendamtes Tempelhof-Schöneberg. »Da muss man Prioritäten setzen.« Sechs freie Stellen hat Schwarz zu vergeben, genauso wie das Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg. Auch hier liegt das Fallaufkommen mit 90 bis 95 Fällen weit über den angestrebten 65. Bei den anderen Jugendämtern sieht es nicht besser aus: Insgesamt waren im RSD Ende letzten Jahres 115 von 892 Stellen nicht besetzt.

Welche Auswirkungen das hat, weiß Marie S., die beim RSD in Reinickendorf arbeitet. Rund 85 Fälle betreut die 27-Jährige derzeit, jede Woche kommen neue dazu. »Es ist wie bei der Feuerwehr: Man kann nur da helfen, wo es brennt. Damit wird man den Familien aber kaum gerecht«, klagt sie. Vieles würde dadurch hinten runterfallen, obwohl sie und ihre Kolleg*innen ständig Überstunden machten. »Dementsprechend hoch ist auch der Krankenstand«, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester. Obwohl sie erst seit anderthalb Jahren dabei ist, kennt sie die Folgen genau: »Die Leute brennen aus.« Wären die Gehälter höher, könnten sie auch mehr Personal gewinnen, ist sie überzeugt. So aber würden sich die Sozialarbeiter*innen auf besser bezahlte Stellen bei freien Trägern oder in Brandenburg bewerben.

Die dadurch entstehende hohe Fluktuation stellt die Jugendämter vor große Schwierigkeiten, erzählt Jugendamtsleiter Schwarz. Zwischenzeitlich musste er Schließzeiten einführen, Bewilligungen wurden nach Aktenlage entschieden, ohne die Eltern mit an den Tisch zu holen und in der Erziehungsberatung gab es eine Warteliste von 70 Leuten. Probleme, die alle Jugendämter in Berlin kennen. »Der öffentliche Dienst ist nicht mehr der attraktive Arbeitgeber, der er früher einmal war«, bedauert Schwarz. Das habe auch damit zu tun, dass die Aufgaben sehr anspruchsvoll seien. »Dieser sehr komplexen und seelisch anstrengenden Arbeit stellt sich nicht jeder.« Letztlich sei aber vor allem die Bezahlung der Grund. Die liege in einer Höhe, die man nicht gerade als Wertschätzung für den Beruf bezeichnen könne. »Das ist unter aller Würde«, kritisiert Schwarz, der angesichts der vergleichbaren Studienabschlüsse eine Bezahlung von Sozialarbeiter*innen in Anlehnung an Lehrer*innengehälter fordert.

Viele Menschen hätten außerdem gar nicht auf dem Schirm, dass sie auch beim Jugendamt arbeiten könnten, glaubt Schwarz. Das will die rot-rot-grüne Regierung ändern: Lange habe die Tätigkeit in den Jugendämtern keine große Rolle im Studium gespielt, weshalb es nicht genügend qualifizierte Bewerber*innen gebe, so die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Seit letztem Wintersemester gebe es daher einen neuen dualen Studiengang mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe, der gezielt auf die Arbeit im Jugendamt vorbereitet. »Der duale Studiengang ist ideal, um Studierende möglichst früh für die Arbeit im Jugendamt zu interessieren und dafür zu gewinnen«, glaubt Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD). »Die Studierenden haben von Anfang an Einblick in die Praxis und wachsen in das Aufgabengebiet rein. Es ist eine sehr gute Möglichkeit, um Fachkräfte fürs Jugendamt zu gewinnen.« Außerdem wurde ein Stipendien-Programm gestartet, bei dem zwanzig Student*innen des Fachs Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule mit 850 Euro monatlich finanziell unterstützt werden.

Auch die Bezahlung will die Familiensenatorin verbessern. In den laufenden Tarifverhandlungen setze sich Berlin bei den anderen Ländern für ein deutlich besseres Gehalt von Sozialarbeiter*innen ein. »Ich habe große Hochachtung vor dem, was die Fachkräfte in den Jugendämtern jeden Tag leisten. Kinderschutz und die Unterstützung von Familien in sehr problematischen Situationen ist eine sehr anspruchsvolle und auch belastende Tätigkeit«, so Scheeres. Die hohen Anforderungen würden sich im Gehalt nicht widerspiegeln. »Berlin wird sich deshalb bei den Tarifverhandlungen mit Nachdruck für eine bessere Bezahlung einsetzen, um mehr Fachkräfte für den RSD zu gewinnen.«

Für Monika Lange und Marie S. ist dieser Schritt längst überfällig. Pfeifend stehen sie bei einer Streikkundgebung vor dem Dienstgebäude von Finanzsenator Mathias Kollatz (SPD), dem Verhandlungsführer der Arbeitgeber. Vor der nächsten Verhandlungsrunde am 28. Februar wollen sie noch einmal Druck machen. »Kinderschutz braucht Zeit und Geld« rufen sie im Chor. Neben ihnen steht ein Kollege mit einem Banner. »Wir können gar nicht so schlecht arbeiten, wie wir bezahlt werden«, ist darauf zu lesen.