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Verstecktes Scheitern

Manipulierte Arte Deutschland eine französische Doku über linke Regierungen in Lateinamerika?

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Nicolás Maduro ist entspannt, ja locker. Nur Monate bevor ihm der Oppositionsführer Guaidó die Regierungshölle heißmachte, führt Venezuelas Präsident den sozialdemokratischen Filmemacher Marco Enríquez-Ominami durchs Büro und zeigt, wo ihm Hugo Chávez 2013 die Nachfolge antrug. Seine Amtskollegen wirken da weniger gelöst, als sie von linker Führung im rechten Südamerika berichten.

Boliviens Staatschef Morales, der gestürzte Ecuadorianer Correa, seine brasilianische Leidensgenossin Rousseff, Uruguays Legende Pepe Mujica - sie alle berichten, wie rechte politische Bewegungen bzw. Politiker erfolgreich sind, obwohl sich die sozialen Verhältnisse in vier der fünf genannten Länder verbessert haben, obwohl, wenn man so will, linke Politik dort erfolgreich war.

Arte, so scheint es, wollte nicht. Warum sonst hat der Kulturkanal den Titel der Doku »L’année de tous les dangers« (Das Jahr aller Gefahren) bei der Ausstrahlung kürzlich mit »Das Scheitern der Linken« übersetzt, wo das französische Original doch die Gefahr rechter Revisionisten im Blick hat, nicht jenes linke Misslingen, das der deutsche Titel suggeriert? Warum wurde ein so aktueller Film anders als bei Arte üblich, anders auch als auf der französischen Homepage mit nur 42 Worten angekündigt und auch sonst eher versteckt als beworben? Ist das vielleicht als Kritik von Arte Deutschland an den französischen Kolleginnen und Kollegen zu verstehen?

»Das können wir nur entschieden zurückweisen«, lässt Arte-Sprecherin Claude Anne Savin aus der Straßburger Zentrale wissen. »Der Titel ist im Deutschen bewusst expliziter als im Französischen und widerspricht in keiner Weise dem Autor.« Leichte Abweichungen seien auf die jüngsten Ereignisse in Venezuela zurückzuführen. Und von »Verstecken« könne schon darum nicht die Rede sein, da der Film »sprachbearbeitet und nachträglich ins Programm geholt« worden sei, weshalb der Begleittext so kurz ausgefallen sei. Aber keine Sorge, beteuert Savin, für künftige Wiederholungen werde er aufs gewohnte Maß erweitert.

Das klingt schlüssig und glaubhaft. Trotzdem bleibt Andreas Miekich, dem die Ankündigung aufgefallen war, skeptisch. Von »Zensur« will der Betreiber eines Filmarchivs mit rund 20 000 Dokumentationen nicht sprechen. »Aber wie man linken Gebührenzahlern Programme vorenthält, die sie interessieren könnten«, bezeichnet er angesichts des »frisierten« Titels zum verkürzten Teaser als »Boykott eigener Programme«. Ähnlich schaut es seiner Meinung beim artverwandten Sender ZDFinfo aus. Dort nämlich fiel dem Medienexperten Miekisch auf, dass vom Zwölfteiler »Aufstieg und Fall des Kommunismus« die ersten drei Episoden zur theoretischen Entwicklung weit seltener gezeigt würden als die letzten neun, in denen es um die realsozialistische Praxis geht. Für Miekisch eine subtile Form der Manipulation, »um die Idee des Marxismus schlechtzumachen«.

Auf Nachfrage erklärt das ZDF, die geteilte Ausstrahlung hänge oft mit der »Publikationspraxis« zusammen, nacheinander gedrehte Episoden einer Reihe nicht generell en bloc, sondern aufgeteilt zu zeigen. Die Anfang 2017 gezeigten Auftaktfolgen liefen deshalb nicht Ende des Jahres noch einmal. Zudem gebe es pro Ausstrahlung meist nur Platz für acht Teile, weshalb am Anfang oder Ende gekürzt werde. Trotzdem zeigt eine mehrstündige Dokumentation zur »Geschichte der RAF«, die den Linksterrorismus seit Jahren in Dauerschleife aufs bandenkriminelle Element verengt, ebenso wie die obsessive Fokussierung auf Hitlers Elite als Alleintäter des NS-Terrors, dass die öffentlich-rechtliche Selbsteinordnung diesseits der politischen Ränder gelegentlich einen Mangel an Differenzierung nach sich ziehen kann. Umso wichtiger ist die Wiederholung von »Scheitern der Linken« am 1. und 6. März (11.25 und 9.45 Uhr) - auch wenn dieses Scheitern eher Folge eines politischen Rechtsrucks war. Oder wie es der Regisseur ausdrückt: »Wir müssen weitermachen. Was anderes sollen wir auch tun?«

Wiederholungen: 1. und 6. März; Mediathek: arte.tv

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