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Eine deutsche Tradition

Von Heimatliebe und Clankriminalität

  • Von Caren Miesenberger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ob in Bezug auf den Goldmünzenraub im Berliner Bode-Museum oder die Verhaftung und Entlassung Arafat Abou-Chakers: Der Begriff »Clankriminalität« ist derzeit in aller Munde. »Bild« und »Welt« schreiben von »arabischen Clans«. Die »Berliner Morgenpost« berichtet über »kriminelle Clan-Strukturen«. Dies erzeugt ein Narrativ, der »Andere« als den Ursprung allen Übels heraufbeschwört. Denn für autochthone Deutsche wird der Begriff in der Regel nicht verwendet. Eine auffällige Ausnahme bildet hierbei das »Manager Magazin«, das die Familie Reimann, eine der reichsten Familien in Deutschland, konsequent als »Sippe« oder »Clan« bezeichnet. Es liest sich fast erfrischend, werden diese Begriffe medial doch meistens in rassistischer Manier verwendet und Unternehmerfamilien allenfalls mit dem royalen Begriff »Dynastie« bezeichnet. Der Begriff »Clan« ist unterdessen keineswegs unschuldig, sondern stammt aus der Ethnologie, einer sozialwissenschaftlichen Disziplin, die eng mit der deutschen Kolonialgeschichte verwoben ist und durch ihre rassistische Forschung zur Ermöglichung dieser beitrug. »Clan« bezeichnet in der Ethnologie eigentlich einen Familienverband, der sich auf eine gemeinsame Herkunft beruft, die genaue Abstammung aber nicht nachweisen kann. Umgangssprachlich wird der Begriff mittlerweile für diejenigen Familien verwendet, die biografische Bezüge außerhalb der Bundesrepublik haben.

Der bundesweite Zusammenschluss von Medienschaffenden »Neue Deutschen Medienmacher« kritisiert dies. Er schreibt in seinem Glossar, dass »Clan« impliziert, dass es in einem Bericht um Einwanderer*innen gehe. Gleiches gelte für die Bezeichnungen »Großfamilie« oder »Sippe«. Als alternativen Begriff schlägt der Verein »kriminelle Bande« vor, auch, um zu differenzieren, da nicht jedes Mitglied einer Familie, wie Kleinkinder und Großeltern, kriminell sei. »In Berlin gibt es etwa 20 Großfamilien mit jeweils bis zu 500 Mitgliedern«, schreibt die »Berliner Morgenpost«. Implizit wird suggeriert, dass jede Einzelperson qua Geburt kriminell wäre. Aber, wie Martin Kröger im »nd« schreibt: Sippenhaft ist abgeschafft - und zwar aus gutem Grund.

Durch die inflationäre Verwendung dieser Begrifflichkeiten, die »die Anderen« per se als kriminell stigmatisieren, wird aber auch von einem Fakt abgelenkt: Clankriminalität ist inhärent deutsch und hat hierzulande eine lange Geschichte. Sie geht teilweise ganze Generationen zurück - viele derjenigen, die im Zweiten Weltkrieg Verbrechen begangen haben, wurden für diese nicht belangt. Dieses Erbe, das ganze Familien trotz Mittäter*innenschaft während des NS-Zeit bis heute ökonomisch profitieren lässt, wird jedoch zumeist nicht als »Clankriminalität« bezeichnet. Ist es, weil diese Familien als deutsch gesehen werden?

Die Familien Siemens, Krupp und Bayer waren während der NS-Herrschaft wirtschaftlich in diese eingebunden - Industriefamilien, die Faschismus aktiv ermöglichten. Ob im Anschluss eine Enteignung stattfand? Nö. Bis heute zählen sie zu den größten, börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Werden sie mittlerweile medial als kriminelle Clans bezeichnet? Nein. Was unterscheidet sie von kriminellen Clans, die heute die Schlagzeilen füllen? Haben sie doch allesamt mit Kapital, Technologie und etablierten Familienstrukturen zu einem der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte beigetragen.

Auch Steuerhinterziehungen, zum Beispiel von Uli Hoeneß, werden kurz abgetan und dann wieder vergessen. Wieso hat keiner gefordert, dass Hoeneß das Land verlassen soll, wenn es ihm in der Schweiz doch so gut gefallen hat, dass er seine Millionen dort parkte? Oder etwa eine Abschiebung dieses Kriminellen, der seine Sippschaft durch illegale Machenschaften bereichert?

Ohne Frage: Überall gibt es Kriminelle. Und es sind Fakten, dass manche Kriminellen Geschäfte mit eigenen Familienmitgliedern machen und auch dass manche Familien mehr kriminelle Geschäfte machen als andere. Aber die mediale Hassrede mit Überschriften, die suggerieren, dass jede »andere« Familie kriminell wäre, ist rassistisch. Deshalb mein Gegenargument: Heimat ist, wo Clankriminalität ist.

Denn ähnlich ausschließend wie der Begriff »Clan« funktioniert die Bezeichnung »Heimat«. Für die Rechte in Deutschland ist Heimat weiß, biografisch deutsch, autoritär und natürlich antifeministisch und antiqueer. Obwohl medial suggeriert wird, dass die Begriffe »Clans« und »Heimat« sich ausschließen, ist dem nicht so. Denn sie passen zueinander wie die Faust aufs Auge: Clankriminalität ist dieser sogenannten Heimat inhärent, wie sich an Steuerbetrug und NS-Verbrechen zeigt, aus denen Familien bis heute einen finanziellen Nutzen ziehen.

Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

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