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Schöner Hass

Sleaford Mods

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Eindampfung diverser Stipendienprogramme wie auch des sozialen Wohnungsbaus in England hat den britischen Pop belanglos werden lassen. Owen Hatherley hat es in seinem ironisch mit »These Glory Days« betitelten Essay rekonstruiert: Mit der unter Tony Blair vollzogenen weitgehenden Zerstörung dessen, was nach Thatcher vom Sozialstaat noch übrig war, wurde der britische Pop von Working-Class-Restbeständen bereinigt. Die Freiräume, in denen man - befreit vom Zwang, 40 Stunden die Woche in krank machenden Jobs sein Leben zu verpassen - Songs schreiben und eigene Zeichensysteme entwickeln konnte, existieren nicht mehr. Die Verbindung von Proletariat, Punk und Kunsthochschule ist gekappt. Joy Division, The Fall, Pulp etc. - all das wäre heute nicht mehr möglich.

Die Euphorie, mit der die Sleaford Mods spätestens seit dem 2014er Album »Divide and Exit« allerorten begrüßt werden, wird auch mit dieser erdrückenden Ausgangslage zu tun haben. Programmatisch auf »Kebab Spider«, der ersten Single des neuen Albums: »You’ve had a record deal for nearly 30 years/ What do you know about agencies, looking for jobs, shit wages«. Eben, nichts. Im Vergleich zu dem ätherischen Seich, den etwa Mumford & Sons von sich lassen, wirkt diese Band wie das nackte Leben.

Die Sleaford Mods füllen eine Lücke. Die Band erzählt präzise und mit schönem Hass von den sozialen Realitäten der Abgehängten, ohne die Abgehängten zu romantisieren. Nun tappt man in die nächste Falle, wenn man das »nackte Leben« und das Echte im angeblich Primitiven und das Unauthentische in der Kunsthochschule verortet. Sleaford Mods sind auf ihre Weise genauso durchdacht wie, sagen wir, Radiohead. Nur halt interessanter. Die betont simple Musik, die Andrew Fearn an seinem schrabbeligen Laptop fabriziert, wurde meist als stumpf rezipiert. Tatsächlich aber ist das formvollendeter Minimalismus. Auf »Eton Alive« ist der Sound variantenreicher als bisher, aber dann doch vor allem das Medium, in dem Jason Williamson sich und seine Texte ausbreitet. In Williamsons Lyrik finden sich bislang etwa 230-mal so viele präzise Metaphern und Bilder wie in 20 willkürlich ausgewählten Romanen der deutschen Gegenwartsliteratur.

Erst auf Konzerten (oder im Dokumentarfilm »Bunch of Kunst«) sieht man, wie diese Texte körperlich ausagiert werden, mit einem definierten Set von Gesten: darunter eine Art passiv-aggressives Tänzeln, eine spezifische Weise, sich über das Mikro zu beugen und so symbolisch auf den Klassenfeind hinabzublicken, autoaggressives Schlagen gegen den Kopf. Kontrolliertes Tourette als Strukturprinzip. Noch vor der Stimme kann das Publikum sich performativ mit einer symbolischen proletarischen Körperlichkeit verbinden, die der Misere adäquat ist.

Sleaford Mods: »Eton Alive« (Extreme Eating Records)

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