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Terror made in Germany

Fabian Goldmann fragt, wer die Menschen in Syrien und Irak vor Terroristen aus der Bundesrepublik schützt

  • Von Fabian Goldmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es war irgendwann im Sommer 2014, da schien es für einen kurzen welthistorischen Moment so, als könnte der Terror des Islamischen Staates (IS) die zerstritten Parteien in Nahost im gemeinsamen Widerstand vereinen. Irakische und syrische Truppen rückten an beiden Seiten der gemeinsamen Grenze gegen die Terroristen vor. Iranische Revolutionsgardisten bildeten kurdische Kämpfer an US-amerikanischen Waffen aus, während türkische Artilleriegeschosse in Stellungen des IS einschlugen. Nur in deutschen Fußgängerzonen wehten die schwarzen Fahnen der Terrororganisation weiter friedlich vor sich hin, konnten deutsche Dschihadisten ungehindert Spenden sammeln und Propaganda verbreiten.

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Rechtlich kompliziert sei ein Verbot von Strukturen und Symbolen. Die Bewegung habe sich in Deutschland noch nichts zu schulden kommen lassen. So erklärten damals deutsche Sicherheitspolitiker, warum man den IS in Deutschland nicht verbieten könne.

Wenn dieser Tage wieder Politiker und Medien über die Schwierigkeiten im Umgang mit IS-Terroristen diskutieren, scheint noch immer das Credo zu lauten: Terror kann es nur gegen, aber nicht durch Deutsche geben. Von potenziellen Bedrohungen und möglichen Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Um den ganz realen Terror, den deutsche Terroristen in den vergangenen Jahren über die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, hört man hingegen vergleichsweise wenig.

Terroristen wie Yannik N. Der junge Mann aus Freiburg steuerte im Frühjahr 2015 einen mit 1,5 Tonnen Sprengstoff beladenen Lkw in einen Kontrollpunkt der irakischen Armee und hinterließ Dutzende Tote und Verletzte. Oder Yamin A.-Z. Im Sommer 2015 veröffentlichte der IS ein Video, das den Ex-Telekom-Azubi aus Königswinter dabei zeigte, wie er zwei gefesselten syrischen Soldaten in den Kopf schoss. Oder Robert Baum aus Solingen, der bei einem Selbstmordattentat in Irak Dutzenden Menschen das Leben nahm. Oder, oder, oder …

Über 1000 Menschen sollen sich in den in den vergangenen Jahren aus Deutschland auf den Weg gemacht haben, um sich dem IS anzuschließen. Viele von ihnen sind mittlerweile tot, einige zurückgekehrt, manche spurlos verschwunden. Andere befinden sich in Gefangenschaft syrischer, irakischer oder kurdischer Sicherheitskräfte.

Wie Martin Lemke, über dessen Rücknahme derzeit mit kurdischen Milizen verhandelt wird. Ein ehemaliger Schweißer aus Sachsen-Anhalt, der beim IS erst als Sittenpolizist und Folterknecht und schließlich als Geheimdienstler mit Kontakten bis in die Führungsspitze Karriere machte. Sein Beispiel zeigt auch: Deutsche dienten dem IS nicht nur als billiges Fußvolk und willfährige Selbstmordattentäter. Viele haben den Terror von ganz oben mitgeprägt. So auch der Gladbecker Levent Ö., der derzeit in irakischer Haft sitzt und als Ausbilder arbeitete. Oder das vielleicht bekannteste deutsche IS-Mitglied Dennis Cuspert. Der ehemalige Berliner Gangsta-Rapper stieg zu einer der wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat auf.

Darauf, wie groß das Problem des europäischen Terrorexports für die Menschen vor Ort ist, haben Akteure in der Region immer wieder hingewiesen. Syrische Truppen - sowohl auf Regierungs- als auch Oppositionsseite - berichteten von ganzen Einheiten des »Islamischen Staates«, in denen kein einziger Kämpfer Arabisch spreche. Die Verkehrssprachen stattdessen: Russisch, Französisch oder Deutsch. Syrische und irakische Aktivisten und Politiker, die darauf hinwiesen, dass der IS auch ein westliches Phänomen sei, stießen hierzulande entweder auf den Vorwurf, Verschwörungstheorien zu verbreiten, von eigenen Fehlern ablenken zu wollen oder schlicht auf Desinteresse.

Dieses Desinteresse gegenüber dem Schicksal der Menschen in Nahost dürfte zu einem guten Teil dazu beitragen, dass deutsche Dschihadisten so ungehindert töten konnten. Ein Großteil von ihnen war deutschen Behörden vor ihrer Ausreise bekannt, einige saßen bereits in Haft, andere standen auf Gefährderlisten. Daran gehindert, ihren Terror über die Menschen Syriens und des Irak zu bringen, wurden sie oftmals nicht. Als die Bundesregierung Ende 2014 den IS in Deutschland verbot und begann, entschiedener gegen Dschihadisten aus dem eigenen Land vorzugehen, hatten die meisten von ihnen Deutschland bereits Richtung Nahost verlassen.

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